Gastfreundschaft auf Polnisch

Zahlreiche Gastfamilien nehmen Pilger aus aller Welt auf. Von Stefan Matthaei

Von Anfang an war klar, dass die Unterbringung der Pilgermassen während des Weltjugendtages in Krakau eine logistische Herausforderung werden würde. Denn mit rund 750 000 Einwohnern zählt der ehemalige Wirkungsort von Johannes Paul II. nicht einmal halb so viele Menschen, wie während des diesjährigen Weltjugendtages erwartet werden.

Schulen, Turnhallen und Parks in Krakau und Umgebung hätten wohl kaum ausgereicht, alle Weltjugendtagsteilnehmer unterzubringen. Doch zum Glück konnten die Organisatoren im Vorfeld auch auf die polnische Gastfreundschaft setzen. Zahlreiche Gastfamilien hatten sich bereit erklärt, einem oder mehreren Pilgern Unterkunft zu gewähren. Die gastfreundliche Haltung ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass nach mitteleuropäischen Maßstäben die Gastgeber zum Teil eher in bescheidenen Verhältnissen leben. Nichtsdestotrotz wird der geringe Wohnraum großzügig mit den Gästen geteilt. So soll beispielsweise ein junger Ordensmann unbedingt sein eigenes Zimmer bekommen. Auch kulinarisch darf es den Pilgern an nichts fehlen. Beim Essen wird alles aufgetischt, was Kühl- und Vorratsschrank bieten und das in rauen Mengen.

Bleiben noch die Sprachbarrieren. Auch wenn die Kommunikation – aufgrund der fehlenden Polnisch- beziehungsweise Englischkenntnisse – nicht immer einfach ist, werden solche Schwierigkeiten elegant überbrückt. Einmal muss Google-Translate zur Völkerverständigung herhalten, ein anderes Mal wird eine ältere Dame hinzugezogen, die Verwandte in den USA hat, und die gekonnt als Dolmetscherin fungiert.

Neben der Gastfreundschaft beeindruckt auch die Volksfrömmigkeit. Mehrere Marien- und Jesusbilder zieren die Wohnung, auch ein Rosenkranz ist zu entdecken. In den Gesprächen geht es dann natürlich auch um Karol Wojty³a beziehungsweise Johannes Paul II., dem hier eine große Verehrung zuteil wird. Die Übersetzerin berichtet, dass sie selbst Vorlesungen bei ihm in Krakau gehört habe und noch Mitschriften besitze. Sein Lebenswerk müsse unbedingt an die nächste Generation weitergegeben werden. „So ein Mann wird nur einmal in 1 000 Jahren geboren“ ist ihr respektvolles Resümee über den polnischen Papst, der auch vor rund 30 Jahren den Weltjugendtag ins Leben rief.

Begeistert von der Gastfreundschaft und der Herzlichkeit zeigt sich mir einmal mehr, dass es beim Leben der christlichen Nächstenliebe immer zwei Beschenkte gibt. Derjenige, der die Nächstenliebe empfängt und derjenige, der sie spendet. Nicht umsonst preist Jesus in Matthäus 25 jene als „vom Vater gesegnet“, die sich gastfreundlich verhalten haben, mit den Worten: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ Das gilt sicherlich auch für die polnischen Gastfamilien während des Weltjugendtages.

Themen & Autoren

Kirche