Friedensstifter oder Brandbeschleuniger?

Ruhr Universität Bochum: Militärbischof Overbeck beschäftigt sich mit Fragen um Religion und Gewalt. Von Heinrich Wullhorst
Foto: KNA | Im interreligiösen Dialog etabliert, aber nicht ganz unumstritten sind Friedenstreffen wie dieses im September 2011 in München.

Bochum (DT) Wirken Religionen in Konfliktsituationen eher als Brandbeschleuniger oder als Friedensstifter? Mit dieser Frage befasste sich kürzlich eine Sondervorlesung der Katholisch-Theologischen-Fakultät an der Ruhr Universität in Bochum. „Es ist schon eine merkwürdige Welt, in der Religionen gewalttätig werden“, begrüßte Dekan Georg Essen die Zuhörer im gut gefüllten Hörsaal. Friedensfähigkeit erfordere ein Nachdenken über sich selbst.

„Der Glaubwürdigkeitstest für jede Religion besteht darin, für Religionsfreiheit auch dann einzutreten, wenn sie nicht selbst betroffen ist, sondern wenn es um andere Religionen geht, vor allem, wenn sie im jeweiligen Staat nur eine Minderheit vertreten“, unterstrich Militärbischof Franz-Josef Overbeck. Er beschrieb zwei Sichtweisen im Verhältnis von Religion und Gewalt. Die eine gehe von einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Religion und Gewalt aus und suche die Ursachen von Gewaltausschreitungen im nicht-religiösen Bereich. Die Gegenposition tendiere dazu, dass Religion immer mit Gewalt einhergehe und es die Region selbst sei, die solche unmenschlichen Ausschreitungen hervorbringe und begründe. Das Verhältnis von Religion und Krieg hänge in den meisten Fällen vom Verhältnis der Religion zur politischen Herrschaft ab. Also von der Beziehung zwischen Religion und Staat.

In den letzten Jahren werde immer wieder behauptet, der Monotheismus habe den Krieg aus religiösen Gründen erfunden. „In der vereinfachten Form, in der diese These gewöhnlich vorgetragen wird, ist sie historisch schlicht unhaltbar“, machte Overbeck klar. Schon die antike, polytheistisch aufgestellte Welt sei randvoll gewesen mit Gewalt und Krieg, die Bildung der antiken Großreiche habe sich in der Regel durch brutale Eroberungszüge vollzogen. Dabei habe man meist den Beistand der Götter erfleht.

„Religionen haben immer schon Befriedungsleistungen erbracht“, erklärte der Essener Oberhirte. Daraus entstanden seien die Institution des Asyls, das Verbot, in sakralen Räumen wie Tempeln oder Hainen Waffen zu tragen oder während heiliger Zeiten zu kämpfen. Sie seien seit jeher mit einer tiefen Friedenssehnsucht verbunden gewesen. Während in der Botschaft Jesu schon im Keim die Trennung von Kirche und Staat angelegt gewesen sei, habe sich mit der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion ab dem Jahre 380 im Römischen Reich ein anderes Bild ergeben. „Dieses römisch-heidnische Konzept legitimierte nicht zuletzt die Gewalt gegen Ketzer und Heiden und lieferte den religiös-politischen Anstoß für die Konfessionskriege in Europa“, erklärte Overbeck.

Die zwischen den Konfessionen ausgeübte Gewalt habe sich in Europa und in Ländern wie Frankreich und England verheerend ausgewirkt. Eine Befriedung sei erst durch das Gewaltmonopol des Staates und sein Selbstverständnis, das friedliche Zusammenleben seiner Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten, anstatt sich in den religiösen Kampf um Wahrheitsansprüche einzumischen, möglich geworden. „Das entscheidende Element der modernen Konstellation zwischen Religion und Staat ist die Anerkennung der Religionsfreiheit als unveräußerliches Menschenrecht durch Kirche und Staat“, stellte der Militärbischof fest. Keine Religion müsse auf ihren Wahrheitsanspruch verzichten, „doch alle Religionen müssen darauf verzichten, ihn mit Gewalt durchzusetzen. Sonst bleiben sie in dieser Welt Störenfriede“. Overbeck gestand ein, dass auch die Verbreitung des Christentums allzu oft mit der Anwendung roher Gewalt einhergegangen sei. Während des Christianisierungsprozesses unter Kaiser Konstantin sowie im Rahmen christlicher Missionen und Kreuzzüge sei man mit „Wellen des Terrors“ gegen nicht-christliche Völker vorgegangen.

Es sei falsch, zu behaupten, dass ein Gewaltpotenzial nur von radikalen Islamisten ausgehe. Das grundsätzliche Problem sei vielmehr die Verzweckung von Religion durch fundamentalistische, radikale oder politisierende Strömungen, die man deutlich von der Religion selbst differenzieren müsse. Überall dort, wo religiöse Motive mit universalen Gestaltungsansprüchen, imperialistischen Tendenzen oder wirtschaftlichen Zielen einhergingen, sei ein gefährliches Gewaltpotenzial latent vorhanden.

„Dabei agiert die gewaltsame Durchsetzung einer Religion oder das gewaltsame Vorgehen in ihrem Namen immer gegen fundamentale eigene Grundlagen. Im Islam wie im Christentum gibt es keinen Gott, der die Menschen einfach aufruft, Gewalt auszuüben“, stellte der Ruhrbischof fest. Bei den gewaltsamen Ausschreitungen, wie wir sie heute sowie in der Vergangenheit wahrnehmen können, gehe es an erster Stelle nicht um eine Gewalt, die religiös begründet sei, sondern ihre religiöse Rechtfertigung. „Dort, wo Religion draufsteht, ist in der Regel keine Religion drin“, machte Overbeck klar, dass die Instrumentalisierung der Gottesmacht bei der Durchsetzung politischer Ziele eine der größten Gefahren für unsere Zeit bildet.

Das belege, so der Militärbischof, auch der Blick auf die Situation rund um den „Islamischen Staat“ (IS). Hier setze man zur Verfolgung eng miteinander verflochtener religiöser, politischer, ethnischer und kultureller Interessen rigoros religiöse Motive als Gründe ein. Deshalb werde häufig fälschlich unterstellt, dass die Gewalt des Islamischen Staates eine „natürliche“ Folge der islamischen Religion sei. Die Machtbefugnisse des IS speisten sich aus einem dreifachen Anspruch, der sich aus der historischen Idee religiös motivierten Kalifats ableite: „Der Kalif sieht sich als das politische Oberhaupt aller Muslime, er betrachtet sich als die oberste religiöse Autorität, und Gehorsamsverweigerung führt zum Status des ,Abtrünnigen‘, der mit dem Tod zu bestrafen ist“, erklärte Overbeck. Das brutale Verhalten des IS in dem eroberten Territorium habe jedoch dazu geführt, dass sein politischer und religiöser Alleinvertretungsanspruch weder von anderen muslimischen Staaten noch von der Mehrheit der sunnitischen religiösen Autoritäten akzeptiert werde.

Die Entwicklungen im Rahmen des IS-Terrors zeigten die Notwendigkeit, wieder sehr grundlegend über das Verhältnis von Religion und Gewalt zu reflektieren, und zwar über die Grenzen der verschiedenen Religionen und Konfessionen hinaus. „Es ist dringend an der Zeit, die Wahrnehmung wieder auf das genuine Friedenspotenzial der Religionen zu richten“, machte Overbeck deutlich. Letztlich werde nur dann ein nachhaltiges religiöses Friedensengagement in religiös-motivierten Konflikten möglich. Overbeck nannte Beispiele für das Friedenspotenzial von Religionen. Die Gemeinschaft Sant'Egidio, die im Jahre 1968 in Rom gegründet wurde, sei durch ihr internationales Friedensengagement beispielgebend für das konflikttransformierende Potenzial der Religionen. „Die Friedensarbeit Sant'Egidios in Mozambique, sowie später auch in Algerien zeigt, dass die religionsbasierte Mediation ein wichtiges Potenzial zur Konfliktlösung in sich trägt.“

Religionen sollten sich bemühen, die friedensstiftenden Werte ihrer Tradition immer wieder ins Gespräch zu bringen, um politische Lösungen verschiedenster Konflikte mit auf den Weg zu bringen, zu befördern und zu verwirklichen. Das habe auch Papst Johannes Paul II. mit seinem gemeinsamen Gebet aller Religionen um den Frieden, zu dem er 1986 zum ersten Mal nach Assisi eingeladen hatte, im Sinn gehabt. Solche Initiativen seien ein „Fundament der Hoffnung auf eine Zukunft, in der Religionen nicht länger als Brand-, sondern zu Recht als Friedensstifter betrachtet werden können“.

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