Friedensmahner und Kirchenreformer

Ein „vergessener“ Papst mit reichem Nachleben: Benedikt XV. als Friedensmahner und Kirchenreformer. Von Urs Buhlmann
Foto: KNA | „Dem Wohltäter der Völker“: Statue Benedikts XV. vor der Istanbuler Kathedrale.

Nachdem er sich Paul VI. gewidmet hat, legt der Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti nun eine Lebensbeschreibung des ebenfalls nicht gerade im Rampenlicht der Geschichtswissenschaft stehenden Benedikt XV. vor. Der blutjunge Priester Montini hatte Benedikt noch kennengelernt und erinnert sich, dass es diesem immer um Schnelligkeit bei der Arbeit gegangen sei. Zwei Kirchenoberhäupter, die gelernte Diplomaten waren; der dritte und vierte in diesem Bunde wären die unmittelbar aufeinander folgenden Pius XII. und Johannes XXIII., die zugleich die Corona der Diplomaten auf dem Stuhl Petri in der Neuzeit abrunden, wenn auch sicher nur vorläufig. Wie schon bei seinem Buch über Paul VI. hat Ernesti nicht den Anspruch, die letztgültige Biographie vorzulegen, die jeden Nebenaspekt im Leben des Beschriebenen sorgfältig ausleuchtet. Ernesti nennt sein Werk gar nicht Biographie, sondern lediglich eine „Würdigung verschiedener Aspekte“ des Pontifikats. Das ist sehr bescheiden – zu bescheiden, denn er hat alle entscheidenden Punkte im Blick und bietet eine erhellende Sicht darauf an.

Benedikt XV., 1854 in Genua als Giacomo della Chiesa und Spross eines Marchese geboren, war der letzte Aristokrat aus alter Familie auf dem Papstthron. (Pius XII. entstammte der seit 1816 in Rom ansässigen Familie Pacelli, die zwanzig Jahre vor seiner Geburt in den „schwarzen“, den päpstlichen Adel aufgenommen worden war. Sein anderer Nachfolger, Giovanni B. Montini, Paul VI., kam aus einer angesehenen bürgerlichen, mütterlicherseits aus einer kleinadligen Familie. Alle anderen Päpste dazwischen und danach waren nicht mehr adlig). Sein Leben begann unter ungünstigen Umständen, den weiträumigen Palazzi, die die Familie in Genua und Umgebung unterhielt, zum Trotz: Er kam zu früh auf die Welt, wurde notgetauft, hatte als Kind schwere Rachitis, zog zeitlebens ein Bein nach. Und so kleinwüchsig war Giacomo, dass ihm dann nach der Papstwahl auch das kleinste der drei vorgehaltenen Gewänder nicht passen sollte.

Als ob er all' das wettmachen wollte, wird della Chiesa von allen seinen Beobachtern seit Jugendzeiten als energisch und impulsiv, schon als Kind mit starkem Willen und scharfer Intelligenz ausgestattet, beschrieben. Der Vater wollte ihn eigentlich nicht in kirchlichen Diensten sehen – auch wenn die Familienloyalität in jenen bewegten Jahren der italienischen Einigung letztlich auf Seiten der Kirche lag – so dass sein Sohn, der sich schon früh zum Priestertum hingezogen fühlte, zunächst gehorsam ein Studium des weltlichen Rechtes absolvierte. Danach durfte er, mit väterlicher Erlaubnis, 1875 das noble römische Collegio Capranica besuchen, das bereits seit 1457 und damit vor dem Seminardekret des Konzils von Trient Priesternachwuchs ausbildete.

Auch Benedikts späterer Mitarbeiter Eugenio Pacelli sollte sich dort einfinden. Schon damals war es üblich, dass die Seminaristen zweimal wöchentlich in einer römischen Pfarre aushalfen. Während der Studien, die an der Gregoriana absolviert wurden, und der Pfarrpraktika ging Giacomo auf, dass die Schaffung eines Laienapostolats und die Förderung der katholischen Presse wichtige Zukunftsaufgaben seien. Er würde später Gelegenheit haben, auf diesen Feldern Akzente zu setzen. Die Primizmesse im Dezember 1878 feierte della Chiesa am Grab des Apostelfürsten. Für jemanden seiner Herkunft und seiner Begabung war der Weg vorgezeichnet, und so wurde er gleich nach der Weihe in die Accademia dei Nobili ecclesiastici, die heute als päpstliche Diplomatenakademie bekannte Institution an der Piazza della Minerva, aufgenommen. Der weitere Werdegang war ganz typisch: Nach dem Doktorat in Kirchenrecht Beschäftigung im Päpstlichen Staatssekretariat, Sekretär eines einflussreichen Kirchenmannes, Mariano Rampolla del Tindaro, (der Kardinalstaatssekretär, wenn auch 1903 nicht Papst werden sollte), zwischendurch Nuntiatursekretär in Madrid, 1901 Substitut und Unterstaatssekretär, die Zusammenarbeit mit einem weiteren späteren Staatssekretär, Pietro Gasparri: Während della Chiesa diesen cursus honorum durchlief, festigten sich, so darf man annehmen, seine kirchenpolitischen Überzeugungen.

Es ist ein Verdienst von Ernestis Werk, herauszuarbeiten, dass die eingangs erwähnten Diplomatenpäpste, zu denen noch als erster Leo XIII. zu zählen wäre, in Kontinuität zueinander stehen und eine „weiche“ Außenpolitik verfolgten: Sie traten für eine rechtliche Absicherung der Kirche durch Konkordate ein, „suchten in den Konflikten ihrer Zeit eine strikt neutrale Haltung zu wahren und modellierten das Profil des Vatikans als humanitärer Akteur“. So ist es nicht verwunderlich, dass das internationale Prestige des Heiligen Stuhls unter diesen Päpsten deutlich zunahm, das Stichwort war „moralische Weltgeltung“. Wie später die Päpste Roncalli und Montini wurde della Chiesa – quasi als Unterbrechung von der Kirchenpolitik, aber auch zur Abrundung der Persönlichkeitsbildung – zum Diözesanbischof gemacht, so kam er 1907 nach Bologna. (Freund Rampolla hatte zuvor gegenüber der Mutter geweissagt: „Haben Sie Geduld. Ihr Sohn wird wenige Schritte machen, aber es werden große Schrittes sein.“). In den fast sieben Jahren als Bischof visitierte della Chiesa eifrig seine 400 Pfarren, die er zum Teil nur per Pferd erreichen konnte. Er erlebte eine bereits sehr unterschiedliche Situation zwischen ländlichem Idyll und erstarkendem Sozialismus und Freidenkertum, verhielt sich im Anti-Modernismus-Kampf des strengen Pius X. eher zurückhaltend, sprach sich gegen direktes politisches Eingreifen der Kirche, insbesondere von Seiten des Klerus aus, ließ aber doch erkennen, dass er eine katholisch geprägte politische Kraft in Italien für sinnvoll hielt. Auch an Signalen einer Versöhnungsbereitschaft gegenüber dem offiziell feindlichen, laizistischen italienischen Staatswesen fehlte es nicht.

Damit sind schon wesentliche Elemente seiner Amtsführung als Papst angesprochen, nachdem er – für Beobachter eher überraschend – am 3. September 1914 in das höchste Kirchenamt gewählt worden war. Ein erstes Signal der Abkehr vom bisher strengen innerkirchlichen Kurs setzte er mit der Wahl Gasparris als Staatssekretär, der sich in der Modernismus-Krise nicht als Hardliner profiliert hatte, vor allem aber ein herausragender Jurist war. Eine der wichtigsten Taten Benedikts XV. war die Promulgation (= Inkraftsetzung) des Codex Iuris Canonici 1917, des ersten einheitlichen kirchlichen Gesetzbuches überhaupt, für das Gasparri der Haupt-Redakteur gewesen war. Schon von Pius X. in Auftrag gegeben, war Papst Benedikt aber eine bleibende Kraft hinter diesem Projekt, das von Übelmeinenden allein unter dem Gesichtspunkt einer Stärkung der päpstlichen Zentralgewalt beurteilt wird. In den Jahren des Ersten Weltkrieges profilierte sich Benedikt als unermüdlicher Friedensmahner und nahm dabei eine so strikte Neutralität ein, dass er sich bei der Regierung seines Heimatlandes unbeliebt machte. Seine zahlreichen Interventionen während des Krieges scheiterten und mussten scheitern: Der Versuch, den italienischen Kriegseintritt zu verhindern, der Bittbrief an den Sultan zugunsten der verfolgten Armenier, der Protest gegen russische Progrome an den Juden, die berühmte Friedensnote „Des les débuts“ an die Staatsoberhäupter der kriegsführenden Nationen von 1917. Aber sie begründeten eine Tradition, auf die zukünftige Päpste wie auch die Diplomatie des Heiligen Stuhls aufbauen konnten. Das bezog sich auch auf das stille Wirken hinter den Kulissen, das nach Ansicht der Historiker dann Pius XII. im Zweiten Weltkrieg inspirieren sollte.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Einrichtung eines Vermissten-Suchdienstes im Vatikan, der bis 1919 fast täglich genutzt und im nächsten Krieg wieder eingerichtet wurde. Innerkirchlich wirkte der Papst durch die Errichtung von „Fachministerien“, Kongregationen, für Seminare und Universitäten 1915 sowie für die Ostkirchen 1917, aber auch durch die Aufhebung der Indexkongregation. Ein inneritalienisches Signal sandte er aus, als er 1919 das Politikverbot für Italiens Katholiken endgültig zurücknahm.

Nach kurzer Krankheit starb Benedikt XV. am 22. Januar 1922. Er hatte testamentarisch die bis dahin übliche Einbalsamierung des Leichnams und die separate Beisetzung der Eingeweide als zu „höfisch“ untersagt. Jörg Ernesti ist zuzustimmen, dass es sich bei diesem gerade einmal sieben Jahre währenden Pontifikat um ein eminent politisches handele. In dieser Hinsicht sei es geradezu ein Schlüsselpontifikat für das 20. Jahrhundert gewesen. „Wirkungsvoll wurde die universale Dimension des Papsttums stark gemacht und das Prestige des Heiligen Stuhls als moralische Weltmacht vermehrt.“ Dass dies nun etwas mehr bekannt wird, dazu wird das dichte, gut belegte, mit Literaturangaben sowie einer Zeittafel ausgestattete Werk des Augsburger Kirchenhistorikers beitragen.

Jörg Ernesti: Benedikt XV. – Papst zwischen den Fronten, Verlag Herder, Freiburg-Brsg./ Basel/ Wien, 2016, 332 Seiten, ISBN 978-3-451-31015-7, EUR 34,99

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