„Freund und Heiliger“

Polen jubelt über Seligsprechung. Von Stefan Meetschen

Warschau (DT) Die Ankündigung des Vatikans, dass Johannes Paul II. (1920–2005) am 1. Mai seliggesprochen wird, hat Polen in einen Freudentaumel versetzt. „Das ist eine gute Nachricht für uns“, sagte Erzbischof Jozef Michalik, der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz. „Johannes Paul II. ist ein Kind der polnischen Kirche. Seine hier gelernten Methoden hat er bei der Führung der Weltkirche eingesetzt. Er hatte keine Angst vor den Schwierigkeiten, die Gott ihm auf den Weg stellte.“

Der Metropolit von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz hofft, „dass Johannes Paul II., so wie er uns früher durch seine Pilgerbesuche und seine Apelle von Rom aus geeint hat, uns jetzt auch durch seine Seligsprechung Einheit schenken wird“. Der von Papst Benedikt XVI. festgelegte Tag der Seligsprechung sei der „beste Termin“, weil in diesem Jahr auf den 1. Mai der von Johannes Paul II. eingeführte „Barmherzigkeitssonntag“ falle. Der Gedanke der Barmherzigkeit Gottes sei in Lehre und Leben des Papstes tief verwurzelt.

Und der Primas der katholischen Kirche in Polen, der frühere Nuntius, Erzbischof Josef Kowalczyk, stellte fest: „Ich kannte Johannes Paul II. sehr gut. Ich wusste von Anfang an, dass er ein heiligmäßiger Mensch ist. Heiligkeit kann nicht verborgen bleiben, sie breitet sich aus und entzückt die Menschen. Sein Leben hat nicht nur den Lauf der Welt verändert, sondern auch das Leben vieler einzelner Menschen.“ Der jetzige Nuntius in Polen, Erzbischof Celestino Migliore, unterstrich: „Diese Tatsache ist die Krönung des großen Beitrags, den Polen in das Leben der Welt und der Kirche durch das Pontifikat eines seiner Söhne gebracht hat.“

Der Anführer der polnischen Freiheitsbewegung Solidarnosc, Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, sagte: „Ich bin doppelt glücklich. Erstens, weil die heiligmäßige Person des Papstes nun bald offiziell selig ist. Zweitens, weil wir endlich einen Seligen unserer Zeit haben, den wir gut kannten. Wenn unser großer Freund ein Heiliger ist, wird er der Welt, Europa und Polen noch mehr helfen.“ Walesa fügte hinzu: „Johannes Paul II. hat große Dinge getan. Ohne ihn hätte es niemals Solidarnosc gegeben.“ Der polnische Papst hatte seine Landsleute nach seiner Amtsübernahme 1978 immer wieder dazu ermuntert, sich nicht mit der Unterdrückung durch das kommunistische Regime abzufinden. Viele Polen sehen deshalb im polnischen Papst, dem früheren Kardinal von Krakau, Karol Wojtyla, den entscheidenden Wegbereiter der friedlichen Revolution von 1989.

Wojtylas einstiger Sekretär, Kardinal Stanislaw Dziwisz von Krakau, drückte „im Namen der ganzen Diözese Krakau und wohl auch ganz Polens“ seine große Freude über die Entscheidung aus. „Um es mit einer Metapher zu sagen: Wir haben nun den Rahmen erhalten, denn viele Menschen haben von Johannes Paul II. schon lange das Bild eines Heiligen.“ Viele Open Air Leinwände werden in Krakau und im ganzen Land am Tag der Seligsprechung installiert für alle, die das Geschehen in Rom mitverfolgen wollen.

Bronislaw Wojtyla, 86-jähriger Cousin des Papstes, dem erst vor kurzem beide Beine amputiert wurden, erinnerte an die langjährige Korrespondenz zwischen ihm und dem künftigen Seligen. „Es ist ein freudiger Tag für unsere Familie. Wir haben täglich dafür gebetet. Johannes Paul II. wusste genau Bescheid, wie es mir und meiner Familie ging. Er erinnerte sich immer an alles.“ Bronislaw Wojtyla wird nicht zur Seligsprechung nach Rom reisen. Dafür aber seine Töchter, Söhne und Enkel.

In den polnischen Medien verdrängte die Seligsprechung am Freitag sogar das Megathema dieser Tage aus den Schlagzeilen: Die Empörung über den russischen Untersuchungsbericht zur Flugzeugkatastrophe von Smolensk. Kritische Stimmen über Johannes Paul II. waren in Polen nicht zu hören. Karol Wojtyla ist für viele seiner Landsleute eine Art Nationalheld. Zur Seligsprechung könnten mehr als eine Million polnische Pilger nach Rom fahren. Einer am Samstag in Warschau veröffentlichten Umfrage zufolge wollen 3, 5 Prozent der gut 38 Millionen Polen an der Zeremonie am 1. Mai im Vatikan teilnehmen.

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