„Es tut einfach weh“

Gebete, Tränen und tiefe Ratlosigkeit: Trauerfeier im Kölner Dom für die Opfer der Germanwings-Maschine in Köln. Von Heinrich Wullhorst
Foto: dpa | Ein Licht für jeden Toten: Die Feier im Kölner Dom war reich an symbolischen Gesten.
Foto: dpa | Ein Licht für jeden Toten: Die Feier im Kölner Dom war reich an symbolischen Gesten.

Köln (DT) Köln, Nordrhein-Westfalen, das ganze Land trägt Trauer an diesem 17. April. Es ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Flugzeugabsturzes der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. Es liegt eine Schwere über der sonst so fröhlichen Stadt am Rhein, eine Schwere, die nahezu alle ergreift, die in die Nähe des Hohen Doms kommen.

Drinnen im Gotteshaus flackern 150 Kerzen. Lebendiges Licht für die, die in dem Airbus A 320 in den französischen Alpen ihr Leben verloren haben. 150 Kerzen, das bedeutet, dass auch ein Licht für den Copiloten der Germanwings-Maschine brennt. Für denjenigen, der nach den bisherigen Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft die Maschine absichtlich in das Bergmassiv lenkte. Schon im Vorfeld des Gottesdienstes hat diese Frage eine große Diskussion ausgelöst. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki machte seinen Standpunkt bereits frühzeitig deutlich. Er erklärte gegenüber domradio.de: „Es steht uns nicht zu, zu urteilen. Es sind 150 Opfer. Unser aller Leben liegt in Gottes Hand.“ Er verstehe die Not, die Betroffenheit und auch die Wut der Angehörigen, aber alle Menschen bedürften des Gebets. „Wir sollten nicht zwischen Täter und Opfer unterscheiden, sondern für alle, die in diesem Flugzeug von dieser Katastrophe mit betroffen gewesen sind, beten.“

Schon einige Stunden vor dem Gottesdienst versammeln sich vor dem Kölner Dom zahlreiche Menschen. „Ich bin heute hierhin gekommen, um Anteil am Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen zu nehmen. Das will ich durch meine Teilnahme am Gottesdienst ausdrücken“, erzählt eine junge Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter in der Warteschlange steht. Eine Einlassmöglichkeit für etwa 250 Bürger ist geschaffen worden, um ihnen die Gelegenheit zu geben, ihr Mitgefühl auszudrücken. „Ich bin oft auf der Flugstrecke Düsseldorf–Barcelona unterwegs“, berichtet eine Rentnerin. Erst vor wenigen Tagen sei sie aus Spanien zurückgekommen. Sie habe beim Abflug von der Iberischen Halbinsel, während des Fluges und am Düsseldorfer Flughafen viel an die Menschen denken müssen, die ihr Leben in dem Airbus A 320 verloren haben. „Wie oft bin ich selbst diese Wege gegangen, wie oft auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Da ist es für mich als Kölnerin selbstverständlich, den Angehörigen bei dem Gottesdienst nahe sein zu wollen.“

Es hätte jeden von uns treffen können

In der Warteschlange sind anscheinend keine Menschen, die die Opfer des Absturzes näher kannten. Sie eint die Erkenntnis: Es hätte jeden von uns treffen können. So entsteht nicht der Eindruck, dass unter ihnen sensationshungrige Gaffer sind. Die Journalisten und Kamerateams, die sie nach ihren Motiven zur Teilnahme an der Trauerfeier befragen, scheinen angesichts des Schreckens heute behutsamer zu sein, als man es sonst von Großveranstaltungen kennt.

Viele Passanten sind unter dem Eindruck des gerade erfolgten Absturzes wenige Tage später in den Osterurlaub geflogen. „Die Angst fliegt derzeit mit, das Vertrauen schwindet, das Fliegen wird zur Belastung“, erzählt ein junger Mann. Viele halten vor dem Dom inne für ein kurzes Gebet, ein Gedenken an die Opfer. „Es tut einfach weh. Ich möchte damit auch ausdrücken, dass man die Angehörigen unterstützen muss.“

Im Gottesdienst versuchen die Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen Annette Kurschus und der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, sich dem Unfassbaren, dem Schrecken zu nähern. Im Kyrie Eleison sprechen sie die Anfragen an Gott aus, die viele Menschen nach einem solchen Unglück bewegen: Wo war Gott in dieser Stunde, als so viele Menschen ihr Leben verloren haben? Wo war seine Güte, seine Gnade, seine Menschenliebe?

Es gelingt den Kirchenvertretern in ihren Predigten zu vermitteln, dass die Angehörigen in ihrer Trauer nicht allein und nicht von Gott verlassen sind. „Gott sammle meine Tränen in deinen Krug“, bezieht sich Präses Kurschus auf einen Psalm des Alten Testaments. Beschrieben wird dort ein Beter in höchster Not. Er will wissen und spüren, dass Gott da ist. Es gehe auch ihm darum, das Unbegreifliche zu begreifen. Auch heute klage der Beter. „Kein Mensch, kein Luftfahrtexperte und Psychologe – auch keine Bischöfin und kein Kardinal – kann eine Brücke schlagen über den Abgrund, der aufgerissen ist zwischen mir und dem Leben.“

Der Kölner Erzbischof stellt die Hoffnung neben die Trauer: „Wir glauben, dass diese 150 Menschen nicht verschwunden und nicht ins Nichts gegangen sind, als sie aus der Welt geschieden sind.“ Er beschreibt aber auch die Hilflosigkeit jedes Einzelnen gegenüber dem Leid. „Hier stehe ich nun also: als Mensch, als Christ, als Erzbischof von Köln und ich habe keine theoretische Antwort auf das Unglück.“ Er könne aber auf die Antwort zeigen, an die er selbst glaube und die seine Hoffnung sei: „auf den mitleidenden Gott am Kreuz, auf die Auferstehung, auf Ostern und auf das ewige Leben“.

Auf jedem der Plätze im Kölner Dom liegt ein kleiner Holzengel. Der Pskower-Engel nach einem Entwurf des Mülheimer Bildhauers Jochen Leyendecker wird zum Symbol, das Trost spendet. Menschen brauchen Engel, das erklären zwei der Notfallseelsorger, die die Angehörigen der Opfer auch in Frankreich begleitet haben. „Engel können Menschen direkt um uns herum sein. Es kann die positive Kraft eines geliebten Menschen sein oder die Begegnung in schweren Zeiten, in denen jemand in seinem Beistand zum Engel wird.“ Das Symbol des Engels solle alle ermutigen, nach Quellen der Bestätigung und Zuversicht zu suchen.

Einer der ergreifendsten Momente ist die Übergabe eines der Engel an Sarah. Sie ist die Schwester eines der Opfer. Ihre Tränen lassen den Schmerz auf einmal ganz nah werden. Sie machen deutlich, wie tief die Trauer, wie grausam der Verlust ist, den die Angehörigen erlitten haben. Diese mutige junge Frau spricht später auch noch eine Fürbitte für die Verstorbenen. Immer wieder kämpft sie mit ihren Tränen. Als sie die Toten dem Schutz Gottes anvertraut, bricht ihre Stimme. „Gott sammle meine Tränen in deinen Krug“, hier wird das Psalmenwort für die Besucher des Gottesdienstes und die Zuschauer vor den Fernsehern noch einmal präsent.

Ähnlich ergreifend ist der Gesang der Solistin Luiza Fatyol von der Deutschen Oper am Rhein. Sie singt das „Pie Jesu“ von Gabriel Fauré. Eine schwere Aufgabe für die Frau, die bei dem Absturz zwei ihrer Kollegen verloren hat. Der Gottesdienst endet mit dem Segen durch die beiden Bischöfe. In dem Wort „der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden“ versichern sie die Trauernden noch einmal des Beistandes des liebenden Gottes. Ob dieser Trost an diesem Tag zu allen Angehörigen durchdringen kann, bleibt offen.

Auch in dem anschließenden staatlichen Trauerakt im Dom stellen die Redner die Frage nach dem „Warum“. „Wir sind zusammengekommen, um gemeinsam zu trauern. Uns alle lässt das Gesehene nicht los“, beschreibt die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft die Gefühlslage. Sie dankt allen, die durch ihr Handeln den Angehörigen Halt und Trost gegeben haben.

Gauck verweist auf den Stern am Dreikönigenschrein

Das Thema aus dem Film „Schindlers Liste“ instrumentiert das Ensemble des Joseph-König-Gymnasiums aus Haltern. Das ist die Schule in Nordrhein-Westfalen, aus der sechzehn Schüler und zwei Lehrer kamen, die zu Opfern des Absturzes wurden.

Danach ruft Bundespräsident Joachim Gauck noch einmal den Schock in Erinnerung, der „uns am 24. März getroffen hat“. Seit diesem Tag, dem Tag des Absturzes, sei für die Familien und Freunde nichts mehr, wie es war. „Indem wir zu den leidenden Menschen stehen, wächst ein Band des Mitleidens und des Mittrauerns. Es bleibt allerdings eine tief empfundene Ratlosigkeit.“ In Zeiten wie diesen helfe das Gefühl, nicht allein zu sein, begleitet, gehalten und getragen zu werden.

Gauck geht darauf ein, dass „einer die Vielen mit in den Tod gerissen hat, den er für sich selbst gesucht hat“. Der Bundespräsident stellt fest: „Uns fehlen Worte für diese schreckliche Tat. Trauer schlug bei vielen in Wut und Zorn um.“ Vertrauen sei verloren gegangen. „Doch nirgendwo kommen wir ohne Vertrauen aus. Zu diesen Vertrauenspersonen gehören Lokführer, Kapitäne von Schiffen oder Piloten.“ Eine Erkenntnis aus dem schrecklichen Ereignis sei: „Es gibt keine Sicherheit vor menschlicher Schuld.“ Was angesichts einer solchen Tat dennoch immer wieder Ja zum Leben sagen lasse, sei die Erkenntnis, dass der Mensch gerade in schweren Zeiten zeige, welche Kraft zum Guten, zur Hilfe, zum Mitgefühl in ihm stecke.

Während der gesamten zwei Stunden fallen immer wieder Sonnenstrahlen durch die bunten Fenster in den Kölner Dom. Sie wirken in dem altehrwürdigen Gebäude in der kollektiven Trauer und anhaltenden Verzweiflung wie kleine Hoffnungslichter. Es wird sicherlich lange dauern, bis das Licht auch die Herzen der Trauernden wieder erhellen kann. Aber ohne Vertrauen und Zuversicht lässt sich das Leben nicht gestalten. Insofern bleibt es den Menschen zu wünschen, einen Engel zu finden, der sie in der Not hält, oder wie Bundespräsident Joachim Gauck es angesichts des Schreins mit den Gebeinen der Heiligen drei Könige im Kölner Dom ausdrückt: „Einen Stern, der uns sicher und klar auch durch die Dunkelheiten unseres Lebens leitet, der uns sagt, du bist nicht allein.“

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24.09.2021, 10 Uhr
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