„Es reicht, was ich gemacht habe“

Eine Menschenmasse auf dem Petersplatz – und nun Schweigen im Vatikan Von Guido Horst
Foto: dpa | Pilgeransturm auf dem Petersplatz: Viele erschienen am Sonntag mit Dankesworten auf Transparenten, um das Pontifikat des scheidenden Papstes zu würdigen.
Foto: dpa | Pilgeransturm auf dem Petersplatz: Viele erschienen am Sonntag mit Dankesworten auf Transparenten, um das Pontifikat des scheidenden Papstes zu würdigen.

Rom (DT) Schon lange ist der Petersplatz in Rom nicht mehr so voll gewesen wie am vergangenen Sonntag. An die hunderttausend Menschen, vielleicht sogar mehr, waren zusammengekommen, um das vorletzte Gebet des „Angelus“ mit Benedikt XVI. zu erleben – oder: um es mit ihm zu erleben. Der Papst hat die Abfolge von Ansprache, „Engel des Herrn“, Apostolischem Segen und Grüßen in verschiedenen Sprachen wie immer absolviert – ohne mit besonderen Erläuterungen auf seinen bevorstehenden Rücktritt einzugehen. Am Sonntagabend senkte sich dann ein Schleier über den Vatikan. Die Kurie – Benedikt XVI. eingeschlossen – hat die Besinnungstage zur Fastenzeit begonnen. Eine Woche lang, bis zum kommenden Samstag, umhüllt ein Schweigen den Apostolischen Palast. Alle Audienzen fallen aus. Prediger der Fastenexerzitien ist der Präsident des Päpstlichen Kulturrats, Kardinal Gianfranco Ravasi. Mit einem Empfang des italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano wird Benedikt XVI. – für wenige Tage noch – seine Amtsgeschäfte am kommenden Samstag wieder aufnehmen. Und Rom rüstet sich für das, was danach kommen wird.

Die Menge, die am Sonntag auf dem Petersplatz zusammengekommen war, begrüßte den Papst um Punkt zwölf Uhr mit lautem Beifall und „Viva il Papa“-Rufen. Transparente trugen die Worte „Gracias“ – Danke – oder schlicht „Rimani“ – „Bleibe“. „Danke, dass ihr so zahlreich gekommen seid! Auch das ist ein Zeichen der Zuneigung und der geistigen Verbundenheit, das ihr mir in diesen Tagen erweist“, rief Benedikt XVI. den Menschen zu. Es war eine der üblichen Ansprachen zum „Angelus“. Nur indirekt ging der Papst auf seinen bevorstehenden Rücktritt ein. „In jedem Moment stehen wir vor einem Scheideweg und müssen uns für die Nachfolge Gottes entscheiden“, sagte er von seinem Fenster aus. Jeder müsse überlegen, ob er persönlichen Interessen oder dem allgemeinen Wohl folgen wolle.

Die Woche war für Benedikt XVI. mit einem gewöhnlichen Arbeitstag zu Ende gegangen. Am Samstag hatte er zunächst den Staatspräsidenten Guatemalas empfangen, dann kamen italienische Bischöfe zum „Ad Limina“-Besuch. Es war eine Gruppe von Oberhirten aus der Lombardei, „angeführt“ vom Erzbischof von Mailand, Kardinal Angelo Scola, der wiederum seinen Vorgänger, Erzbischof Dionigi Tettamanzi, mitgebracht hatte. In den italienischen Medien hatte dieser 2005 als einer der Papstkandidaten im Konklave gegolten. Jetzt kniete ein fast unverändert wirkender Tettamanzi voller Rührung vor Benedikt XVI. nieder, einen Augenblick schien es, dass die zurückliegenden acht Jahre wie im Fluge vergangen sind. Aber auch Scola war bewegt. Er und Joseph Ratzinger kennen sich schon Jahrzehnte. Der Erzbischof von Mailand, der schon den wichtigen Patriarchenstuhl von Venedig innehatte, war als junger Theologe dabei, als Ratzinger die internationale Zeitschrift „Communio“ aus der Taufe hob – zusammen mit Hans Urs von Balthasar. Scola verantwortete die italienische Ausgabe – und wurde bald als Berater an die Glaubenskongregation berufen. Für die Zeitungen Italiens ist Scola nicht nur ein eisenfester „Ratzingerianer“, sondern auch herausragender Kandidat für das nächste Konklave. Schon ist von einer Achse Scola – Ravasi – Bagnasco die Rede, letzterer Kardinal in Genua und Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz. Die drei Italiener, so heißt es, würden versuchen, den Einfluss ausländischer Kardinäle bei der kommenden Papstwahl abzuwehren und wieder einen Italiener auf den Stuhl Petri möglich zu machen. Richtig daran ist, dass derzeit in Italien viel davon die Rede ist, dass nun auch die Zeit gekommen sein könnte, einen Kardinal aus dem an Katholiken reichen Lateinamerika auf den Papststuhl zu berufen. Oder gar einen Afrikaner. Aber ansonsten wirken alle diese Meldungen wie verlegenes Gewäsch. Der Rücktritt Benedikts XVI. hat Wähler – die Kardinäle unter achtzig Jahren – wie Journalisten und Kommentatoren völlig unvorbereitet getroffen. Noch nicht einmal der Beginn des Konklaves ist gewiss. Wie Vatikansprecher Federico Lombardi erklärte, könne es auch bereits vor dem 15. März anfangen. Es sei halt nur sicherzustellen, dass alle wahlberechtigten Kardinäle in Rom eingetroffen sind.

Der letzte Gast, den Benedikt XVI. am Samstag empfing, war der italienische Regierungschef. „Professor Mario Monti hat dem Papst noch einmal die Dankbarkeit und Zuneigung des italienischen Volkes für sein allerhöchstes religiöses und moralisches Amt zum Ausdruck gebracht“, hieß es in einer anschließenden Erklärung des Vatikans. Zugleich habe er dem Papst für dessen „Aufmerksamkeit gegenüber den Problemen und Hoffnungen Italiens und Europas gedankt“. Monti selbst erklärte nach der Audienz in einem Interview, er habe mit dem Papst über die Aufgaben Italiens und Europas in dieser schwierigen Situation gesprochen und Benedikt XVI. als „äußerst gelassen“ erlebt. Der Rücktritt des Papstes sei die „Geste eines Mannes, der an die Zukunft der von ihm geleiteten Institution denkt“. Mit großer Klarheit habe Benedikt XVI. deutlich gemacht, dass es ihm „nicht um Machtausübung, sondern um das Wohl der Kirche geht und die seines Nachfolgers, der sie künftig leitet“. Monti wünschte sich, den intellektuellen und freundschaftlichen Dialog mit Joseph Ratzinger auch künftig fortsetzen zu können.

Nun also Schweigen im Vatikan. Und da – abgesehen von dem Massenauflauf auf dem Petersplatz am Sonntag – ansonsten nicht viel geschah rund um den Vatikan, stürzten sich die Medien auf Aussagen, die der Papst-Autor Peter Seewald gegenüber der Zeitschrift „Focus“ gemacht hatte. Etwa, dass der Skandal um „Vatileaks“ nicht der Anlass für den Rücktritt des Papstes gewesen sei. Dutzende Mal konnte man am Sonntag im italienischen Fernsehen den bayerischen Autor sehen, wie er mit Benedikt XVI. vertraulich plaudert – Archivaufnahmen, denn Seewald zufolge soll er, nach den Gesprächen für das Interview-Buch „Licht der Welt“, nochmals im Sommer und im November vergangenen Jahres mit dem Papst zusammengekommen sein. Der Verrat des Kammerdieners, so Seewald jetzt, habe den Papst weder aus der Bahn geworfen noch amtsmüde gemacht. Das habe ihm Benedikt XVI. bei einem Gespräch in der Sommerresidenz in Castel Gandolfo erklärt. Der Papst habe ihm mit Blick auf Paolo Gabriele gesagt: Es sei nicht so, „dass ich irgendwie in eine Art Verzweiflung oder Weltschmerz verfallen würde. Es ist mir einfach unverständlich. Auch wenn ich die Person ansehe, kann ich nicht verstehen, was man sich davon versprechen kann. Ich kann in diese Psychologie nicht eindringen“, meinte der Papst Autor Seewald zufolge. Benedikt XVI. sei wichtig gewesen, dass bei der Aufarbeitung des Falles „im Vatikan die Unabhängigkeit der Justiz gewahrt wird, dass nicht der Monarch sagt, jetzt nimm ich es aber in die Hand“. Seewald berichtete weiter, er habe Benedikt nie zuvor so erschöpft und niedergeschlagen gesehen. Mit letzter Kraft habe der deutsche Papst den dritten Band seines Jesus-Werkes zu Ende gebracht. „Mein letztes Buch“, habe ihm der Papst gesagt. Die letzte Begegnung im Vatikan, so Seewald, liege gut zehn Wochen zurück. Auf Seewalds Frage „Was ist von Ihrem Pontifikat noch zu erwarten?“, habe ihm der Papst im Sommer geantwortet: „Von mir? Nicht mehr viel. Ich bin doch ein alter Mann, die Kraft hört auf. Ich denke, das reicht auch, was ich gemacht habe.“

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