„Es ist nur verständlich, dass Juden sich betroffen fühlen“

Kurienkardinal Walter Kasper über die Anerkennung des heroischen Tugendgrads

von Papst Pius XII. und die Beziehungen zur jüdischen Welt

Am 17. Januar 2010 besucht Benedikt XVI. die römische Synagoge. Könnte die jetzt erfolgte Anerkennung des heroischen Tugendgrads für Pius XII. den Besuch gefährden?

Das weltweite Judentum ist wie in vielen Fragen so auch in der Frage der Einstellung zu Papst Pius XII. und zu seinem Verhalten während des Holocaust gespalten. Es gibt jüdische Gruppen, welche den Papst entschieden öffentlich verteidigen, die Mehrheitsmeinung dagegen ist wohl nach wie vor kritisch. Alle sind jedoch an einer weiteren

Verbesserung der jüdisch-christlichen Beziehungen interessiert. So hat die jüdische Kultusgemeinde den angekündigten Besuch von Papst Benedikt XVI. in der römischen Synagoge – es ist der zweite Papstbesuch nach dem historischen Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1986 – lebhaft begrüßt. Es wäre mehr als bedauerlich, wenn

jetzt historische Meinungsverschiedenheiten, die es gibt und geben kann, dazu führen würden, die positive Entwicklung der letzten Jahrzehnte seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu beschädigen.

Ist der jetzt erfolgte Schritt auch als historische Bewertung der Rolle von Pius XII. in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung zu verstehen?

Der Papst handelt mit der Anerkennung des heroischen Tugendgrads selbstverständlich nicht als Fachhistoriker. Er hat sich aber bei seinem letztlich geistlichen Urteil, wie zuvor die zuständige römische Kongregation auch, sehr eingehend und sehr gewissenhaft über die historischen Fragen durch fachkundige Historiker informieren lassen. Auch ich selbst bin kein Historiker, aber nach allem, was ich in den letzten Jahren lesen und aus Gesprächen mit Historikern, die sich eingehend mit der Sache befasst haben, erfahren konnte, steht für mich fest, dass Papst Pius XII. in einer extrem schwierigen, geradezu apokalyptischen Situation das damals Menschenmögliche getan hat, um das Leben von möglichst vielen Juden vor den Nazischergen zu retten. Allein in Rom waren es etwa zehntausend. Das wurde bei seinem Tod im Jahr 1958 von maßgeblichen und wohl informierten Vertretern des Judentums dankbar anerkannt. Erst das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth (1963), der selber gar kein Historiker war, hat zu einer Wende in der Wahrnehmung des zuvor besonders bei uns Deutschen zu Recht hochgeachteten Papstes geführt. Die neuere Forschung hat inzwischen eine Wende dieser Wende eingeleitet und dazu geführt, dass diesem großen Papst wieder mehr und mehr historische Gerechtigkeit widerfährt.

Wie würden Sie jüdischen Freunden diesen Schritt hin zur Seligsprechung Eugenio Pacellis erklären? Als rein innerkirchliche, innerkatholische Angelegenheit?

Selbstverständlich wird man den jüdischen Freunden sagen, dass eine Seligsprechung eine innerkatholische Angelegenheit ist, die nach unseren, im Übrigen sehr rigorosen Regeln geschieht. Eine Einmischung von außen kann es darum nicht geben. Aber es ist nur zu gut verständlich, dass Juden sich betroffen fühlen von der Art, wie wir zu dem beispiellosen Verbrechen Stellung nehmen, das zum Mord an etwa sechs Millionen Juden geführt hat. Da ist mit viel Einfühlungsvermögen noch immer sehr viel aufzuarbeiten. Das Wichtigste scheint mir zu sein, dass wir gemeinsam alles uns Mögliche tun, dass sich solch eine menschliche und moralische Katastrophe nicht wiederholt.

Es ist immer wieder zu hören – gerade von jüdischer Seite –, vor einer Seligsprechung Pius' XII. sollte man die Öffnung der vatikanischen Archive für jene Zeit abwarten. Liegt in diesen Archiven wirklich etwas Wichtiges zum Verständnis dieses Papstes, das wir noch nicht wissen?

Die vatikanischen Archive werden uns selbstverständlich, wenn sie nach den notwendigen Vorarbeiten in etwa sechs Jahren öffentlich zugänglich sind, weiteren Aufschluss über das Pontifikat von Pius XII. bringen. Ich gehe aber davon aus, dass wir das Wichtigste schon kennen, einerseits durch die elf Bände mit Aktenstücken, welche dazu im Auftrag von Papst Paul VI. – während des Krieges einer der wichtigsten

und vertrautesten Mitarbeiter des Papstes – herausgegeben wurden, andererseits durch die Öffnung der Archive des Pontifikats Pius' XI. (1922–1939), während dessen der damalige Kardinal Pacelli von 1929 bis 1939 Staatssekretär und mit allen Deutschland betreffenden Fragen persönlich beschäftigt war. Leider wird dieses allgemein zugängliche Material bisher noch viel zu wenig ausgewertet.

Hat die Feststellung des heroischen Tugendgrads Pius' XII. irgendeine Bedeutung oder Auswirkung für die Haltung Roms zu den Juden?

Die Einstellung der katholischen Kirche zum Judentum ist durch das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung „Nostra aetate“ eindeutig klargestellt worden. Danach anerkennt die katholische Kirche die jüdischen Wurzeln, und sie lehnt jede Form des Antisemitismus entschieden ab. Daran kann und will die Anerkennung des heroischen Tugendgrads von Papst Pius XII. nichts ändern. Im Gegenteil, Pius XII. hat seinerseits die nationalsozialistische Rassenideologie des Antisemitismus klar verurteilt. Hier dürfen ihn die jüdischen Freunde auf ihrer Seite wissen.

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