Erntezeit für die Früchte einer stillen Revolution

Im Wahljahr kann sich Benedikt XVI. von den Fortschritten im Verhältnis zwischen Kirche und Staat überzeugen. Von Regina Einig
Foto: IN | Symbol der Treue des Volkes zur Kirche: Ehe Río de Janeiro seine berühmte Christusfigur erhielt, setzten die Mexikaner Christus dem König ein Denkmal auf dem „Cerro del Cubilete“.
Foto: IN | Symbol der Treue des Volkes zur Kirche: Ehe Río de Janeiro seine berühmte Christusfigur erhielt, setzten die Mexikaner Christus dem König ein Denkmal auf dem „Cerro del Cubilete“.

Würzburg (DT) Der Ort ist symbolträchtig und nicht zufällig gewählt: Am Fuß des Berges „Cerro del Cubilete“ unweit von Silao im Bundesstaat Guanajuato, wird Papst Benedikt XVI. am Sonntag mit dreihunderttausend Gläubigen Eucharistie feiern. Wer keine Karte für das Gelände des Themenparks „Parque del Bicentenario“ bekommen hat, hofft, wenigstens einen Blick auf das Papamobil zu erhaschen. Der Cerro del Cubilete gilt als geografischer Mittelpunkt Mexikos. Auf dem Gipfel ist einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte des Landes: die Christkönigskirche, deren monumentale Statue von weitem sichtbar ist – Symbol des christlichen Widerstandes gegen eine kirchenfeindliche Regierung und die Verfolgung in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts (siehe Seite 14).

Die sprichwörtliche Treue Mexikos zur katholischen Kirche hatte Papst Johannes Paul II. schon bei seiner ersten Reise 1979 in der Kathedrale der Hauptstadt angesprochen: „Mexicum semper fidele“. Der statistische Rückgang der katholischen Bevölkerungsanteils in Mexiko ist zwar unübersehbar: Bekannten sich 1979 noch weit über neunzig Prozent der Bevölkerung zur katholischen Kirche, waren es 2010 noch 83,9 Prozent. Doch im kontinentalen Vergleich sind die Zahlen durchaus vorzeigbar: In Brasilien, Nicaragua und El Salvador hat die Kirche den Offensiven der charismatischen und evangelikalen Prediger weit weniger standgehalten. Der Bundesstaat Guanajuato, in den Benedikt XVI. reist, gilt als katholische Hochburg. Der Papstbesuch ist nicht allein den im Vergleich zur Hauptstadt besonders günstigen klimatischen und geografischen Bedingungen geschuldet, sondern auch der Dank an eine besonders krisenfeste Ortskirche, deren Gläubige sich von Sekten und Freikirchen seltener abwerben ließen als andernorts.

Außerordentlich hoch sind die binnenkirchlichen Erwartungen an den Besucher aus Rom. Päpstlicher Klartext zum Thema organisierte Kriminalität ist gewünscht. Der Papst soll – wie schon im Mai 2007 in Brasilien – den Drogenhändlern die Leviten lesen. Vor allem aber hofft man auf moralische Unterstützung für die Familien. Die triste Erfahrung hat die Mexikaner gelehrt, dass der Weg in die Armut und Kriminalität mit zerbrochenen Familien gepflastert ist.

„Die Bekehrung der Politiker“ erhofft sich Benedikts Gastgeber, Erzbischof José Guadalupe Martín Rábago von León nach Angaben des Internetdienstes Sispe. Die Regierung, so der Erzbischof, habe eine beträchtliche Anzahl Karten für die Papstmesse zurücklegen lassen. Eine durchaus politische Entscheidung im Wahljahr. Am 1. Juli wählt Mexiko einen neuen Präsidenten. Zwar beschränkt sich das offizielle politische Programm Benedikts auf eine Unterredung mit Präsident Felipe Calderón. Gespräche mit Oppositionsvertretern wird es nicht geben. Doch haben die Spitzenkandidaten mehrerer Parteien ihre Teilnahme an der Papstmesse bereits zugesagt und auch Carlos Slim, der Forbes-Liste zufolge reichster Mann der Welt, wird kommen.

Darüber hinaus kann die Kirche ungeachtet der rückläufigen Mitgliederzahlen auch Erfolge vorweisen. Nie war das Verhältnis von Kirche und Staat harmonischer als heute. Die Gesprächskultur hat sich nachweislich verbessert: Zweimal hat der amtierende Staatspräsident Felipe Calderón von der christdemokratisch-konservativen PAN (Partido Acción Nacional) die vollzählig versammelte Bischofskonferenz getroffen. Auf Einladung der Regierung nehmen Kirchenvertreter an den „Dialogen für Sicherheit“ teil. Und nicht zuletzt machte Calderón, der Benedikt XVI. 2007 nach Mexiko eingeladen hatte, auch durch öffentlich bezeugte Frömmigkeit von sich reden. Er verehrte eine Reliquie des seligen Johannes Paul in der Nuntiatur in Mexiko-Stadt, nahm am Weltfamilientag teil und feierte am Weltfriedenstag die Messe in der Basilika von Guadalupe mit.

Zudem hat sich die Regierung Calderón als verlässlicher Verbündeter im Engagement der Kirche für die Familie und das Leben erwiesen. Die Legalisierung der Abtreibung (2007) und die Einführung der „Ehe“ zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern im Bundesstaat Mexiko (2010) konnte die Regierung allerdings auch durch den Gang vor den Obersten Gerichtshof nicht verhindern. Ob der Senat die vom Parlament im Dezember beschlossene Änderung des Artikels 24 der Verfassung verabschiedet, ist derzeit noch offen. Die Neufassung sieht ein Novum in der mexikanischen Verfassungsgeschichte vor: das Grundrecht auf Religionsfreiheit – derzeit garantiert die Verfassung nur Weltanschauungs- und Kultfreiheit. Gibt der Senat grünes Licht, stünde einer Debatte über Religionsunterricht an öffentlichen Schulen nichts mehr im Wege. Als Pluspunkt darf die katholische Kirche für sich die Klausel verbuchen, dass öffentliche religiöse Kundgebungen nach der Reform des Artikels 24 nicht politisch verzweckt werden dürfen – der Staat liegt hier ganz auf der Linie der katholischen Kirche gegenüber den Befreiungstheologen. Deren Hang zu spektakulären Kundgebungen im Rahmen liturgischer Handlungen forderte immer wieder die Vertreter des Heiligen Stuhls in Mexiko heraus: Für Schlagzeilen sorgte beispielsweise 1986 Erzbischof Adalberto Almeida y Merino von Chihuahua: Nach offensichtlichen Wahlfälschungen im Bundesstaat Chihuahua ordnete er in seiner Diözese an, statt der Sonntagsmesse Bußgottesdienste für die Sünde der politischen Ungerechtigkeit zu feiern. Der Plan scheiterte, weil der Apostolische Delegat (und spätere Nuntius in Mexiko) Girolamo Prigione rasch die Reißleine zog.

Während sich die katholische Bischofskonferenz mehrfach zustimmend über die Änderung des Artikels 24 geäußert hat, protestieren vor allem evangelische Gruppen und Freikirchen: Sie polemisieren bereits, die Verfassungsänderung sei ein „Gastgeschenk“ der politischen Klasse an Benedikt XVI. Stimmt der Senat nach dem Papstbesuch zu, wäre der Besuch Benedikts eine weitere stille Revolution in der Tradition der Mexikoreisen seines Vorgängers.

Johannes Paul II. hatte schon beim ersten Besuch sein gesellschaftspolitisches Potenzial unter Beweis gestellt und Mexikos Klassengesellschaft aufgemischt: Seite an Seite pilgerte er mit der indigenen Bevölkerung. Am Tag seiner Ankunft setzte er die geltende Rechtsordnung faktisch außer Kraft. Dass Prozessionen und religiöse Kundgebungen 1979 von der Verfassung untersagt und das Tragen von Soutanen und Ordenshabit in der Öffentlichkeit mit Geldstrafen geahndet werden konnte, kümmerte die Massen nicht. Die Polizei sah der Welle der Begeisterung hilflos zu. Fünf Tage lang nahmen auch die Armen und ethnischen Minderheiten ohne Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teil und prägten das öffentliche Bild ihres Landes mit. Das Erfolgsmodell „Papstbesuch“ des jungen Pontifikates war geboren – dank der Mitwirkung von Christen, von denen viele weder lesen und schreiben konnten noch einen Fernseher ihr eigen nannten.

Zugleich zog Johannes Paul II. den Befreiungstheologen den Zahn, die kirchliche Hierarchie im fernen Rom interessiere sich weder für die Belange der indigenen Bevölkerung noch verstehe sie, mit ihnen umzugehen. Johannes Paul II., über dessen Schreibtisch im Vatikan ein Bild Unserer Lieben Frau von Guadalupe hing, galt den Einheimischen vom ersten Besuch an als Freund – und als einer der ihren: Millionen skandierten „Juan Pablo amigo tu eres mexicano“. Vier seiner fünf Mexikoreisen verband er mit einem Besuch im Heiligtum Unserer Lieben Frau von Guadalupe, religiöses Zentrum der katholischen Einheimischen. Der Papst war der beste Werbeträger für Guadalupe und sorgte auch nach der Abreise für umfassende Katholizität: Tausende europäische und nordamerikanischer Pilger wurden durch die Fernsehbilder neugierig auf den Ort und reihten sich während des Pontifikats Johannes Pauls II. in die Schar der indigenen Beter ein. Papstbesuche in Mexiko sind stets Winke an die feine Gesellschaft des Landes gewesen, deren Klassendünkel auch „gut katholischen“ Kreisen selten abgeht.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Kardinal Ratzinger zur Glaubwürdigkeit des Pontifikats Johannes Pauls II. in Mexiko beigetragen, indem er den Auswüchsen der Befreiungstheologen mit schier grenzenloser Geduld Grenzen zog – und sich viel unbegründete Kritik in seiner Heimat dafür einhandelte. Auch wenn die Furchen der Befreiungstheologie in Mexiko weniger tief gerieten als in Nicaragua oder Peru – der Versuchung, die wirtschaftliche und intellektuelle Abhängigkeit der indigenen Bevölkerung für ideologische Ziele auszunutzen, konnten in Mexiko längst nicht alle Theologen widerstehen. Benedikt XVI. hat 2006 Plänen, eine „indigene Kirche“ in Südmexiko zu errichten, eine klare Absage erteilt. Dass in zwanzig Jahren zermürbender Auseinandersetzungen in keiner Diözese das Band zur Weltkirche abriss, ist eines seiner wertvollen Gastgeschenke an die Kirche in Mexiko.

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