„Er hatte mich nie gedrängt, Priester zu werden“

Ein Gespräch mit Pater Hermann Naumann OSB, Sohn des Gründerverlegers der „Tagespost“, über seinen Vater

Als Ihr Vater 1948 die Lizenz für die Herausgabe der Tagespost erhielt, galten konfessionelle Zeitungen in der Medienbranche bereits als überholt. Wer hat ihn damals bei seinen Plänen ermutigt?

Meines Wissens hatten die Amerikaner nach der Kapitulation 1945 darauf bestanden, keine streng ausgerichtete Gesinnungspresse aufzubauen. Die Gründung der Schwäbischen Landeszeitung durch die beiden Lizenzträger Curt Frenzel und Johann Wilhelm Naumann fand nach diesem amerikanischen Konzept statt. Frenzel war ein Sozialdemokrat, Naumann der bayerischen Volkspartei beziehungsweise dem Zentrum nahestehend; Frenzel evangelisch, Naumann katholisch. Dass der Vater dennoch einen lang gehegten Traum verwirklichen wollte, lag wohl zuerst an ihm selbst, an seiner Biografie, an seiner journalistischen Begabung und an seiner missionarischen Haltung. Die Aufgaben der beiden Lizenzträger waren verschieden: Naumann in der Funktion als Herausgeber, Frenzel als Chefredakteur, der natürlich die inhaltliche Seite der Zeitung bestimmte. Waren zum Beispiel dem Vater kirchliche Angelegenheiten wichtig, so vielleicht dem Chefredakteur nicht. Das hieß dann: weglassen, unnötig. Diese redaktionelle Einschränkung hat der Vater auf Dauer nicht ertragen. So gab es Freunde aus seinem Berufskreis, aber auch bei den Amerikanern, die Vater in seiner Absicht, eine katholische Tageszeitung zu gründen, unterstützten. Auf amerikanischer Seite war es Charles Caroll, der als Pressebeauftragter großen Einfluss und auch den Zugang hatte zu den nötigen Materialien. Mit Caroll verstand sich mein Vater sehr gut, besonders auch durch die gemeinsame Wertschätzung des heiligen Augustinus. Von hoher Bedeutung in der Frage, wer ihn bei seinen Plänen ermutigt hat, war sicher die Zustimmung seiner zweiten Frau Gertrud. Die erste, Anna-Katharina, war schon 1939 bei der Geburt des neunten Kind gestorben. Meine zweite Mutter war circa 25 Jahre Lehrerin, bevor sie unsere große Familie übernahm. Mein Vater stellte ihr ein leuchtendes Zeugnis aus, wenn er sie in einem biografischen Rückblick als „echte Führerin der Kinder“ bezeichnet und sie gerade als Lehrerin schildert, die energischen Widerstand gegen die geistige Verseuchung der Jugend im Dritten Reich leistete. Missionarischer Eifer einte beide – Mutter Gertrud und Vater. Caroll fuhr mit beiden zu Pius XII., um ihm die Erstausgabe der einzigen katholischen Zeitung der Nachkriegszeit zu überreichen.

Hat Ihre Familie es manchmal bedauert, dass Ihr Vater sich in den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahren auf ein hartes Brot wie das Zeitungsgeschäft einließ und auch sein Privatvermögen in den Verlag investierte?

Journalismus war seine Berufung. Rechnet man die Kriegsjahre mit ein, so war er 1945 mehr als 25 Jahre lang in diesem Beruf tätig. Er hat durchaus unterscheiden können zwischen einer katholischen Sonntagspresse und einer katholischen Presse. Die Sonntagspresse ist mehr darauf ausgerichtet, den geistlichen Bedürfnissen eines Lesers Rechnung zu tragen nach der liturgischen Ordnung des Kirchenjahres. Eine katholische Presse hat weit mehr zu tun. Sie hat die geistigen Bewegungen der Zeit nach den Kriterien des Glaubens zu beurteilen. Das nationalsozialistische Regime hatte meinen Vater stark eingeschränkt. Das bedrückte ihn sehr. Von daher war es für ihn überhaupt keine Frage, nach dem Krieg wieder in den Journalismus einzusteigen. Er hätte während der Nazi-Zeit bei der Augsburger Postzeitung bleiben können, wenn er ein bisschen nachgegeben hätte – doch das wollte er nicht. Dieser Stachel steckte immer in ihm. Nach dem Krieg war die Zeit reif, als katholischer Journalist wieder diese für ihn so wichtige apostolische Arbeit aufzunehmen. Dafür hat unsere Familie Verständnis gehabt, auch wenn diese Jahre für uns nicht immer leicht waren.

Wie sah das Apostolat Ihres Vaters im Dritten Reich aus?

Anfang der dreißiger Jahre war mein Vater Redakteur bei der ältesten katholischen Zeitung, der Augsburger Postzeitung. Zu dieser Zeit war schon absehbar, welche Richtung die Politik nehmen würde. Mein Vater und sein Kollege Hans Rost haben sich intensiv gegen die kommende Katastrophe gewehrt. Noch vor der Machtergreifung war mein Vater im In- und Ausland viel unterwegs und hat Vorträge gehalten. Einmal wurde er an der Grenze festgenommen und kam für einige einige Tage in Haft, weil er mit Nichtdeutschen Veranstaltungen plante. In Lille an der katholischen Universität, im Germanicum in Rom, beim Katholikentag in Budapest und in anderen Städten hat er geworben für die katholische Sache und für eine Politik, die mit dem katholischen Glauben vereinbar ist. Hans Rost verfasste in Zusammenarbeit mit meinem Vater 1933 eine Broschüre mit dem Titel: „Nicht Hitler, sondern Christus“. Die Repressalien der Nationalsozialisten machten ihm bald nach der Machtergreifung zu schaffen. Als Redakteur in der Augsburger Postzeitung erlebte er Handgreiflichkeiten der Nazis. Es kam vor, dass man Fensterscheiben in Büro und Wohnung einschlug. Hausdurchsuchungen war er ausgesetzt. Dass er aufgrund seiner Gegnerschaft zum Regime auch seine ganze Familie gefährdete, wusste er. Da hatte er ein enormes Gottvertrauen und schlug sich tatsächlich durch. Zunächst als Vertreter der Kölnischen Rundschau, nach deren Verbot wurde er 1938 Mitarbeiter des Päpstlichen Missionswerks in Aachen. Für das Missionswerk hielt er in den Diözesen Freiburg, Rottenburg und Limburg Vorträge und geriet dabei wiederholt in Gefahr. Von überlebenden Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau hat mein Vater einmal gehört, dass sie bei der Ankunft neuer Gefangener schon mit ihm rechneten und es hieß: „Jetzt kommt der Naumann“.

Welche Reaktionen bekam Ihr Vater auf die Gründung der Zeitung im August 1948?

Es gab viel Zustimmung aus allen Kreisen. Man erlebte eine Aufbruchstimmung. Naumann schien sein Ziel erreicht zu haben. Und viel sprach dafür, dass die neu gegründete Augsburger Tagespost akzeptiert und gehört würde. Bischof Josef Kumpfmüller übermittelte seine Glückwünsche. Doch trat schon bald Ernüchterung ein durch Umstände, die das Unternehmen fast zum Erliegen brachten.

Wie würden Sie die persönliche Frömmigkeit Ihres Vaters beschreiben?

Sehr wichtig waren ihm die Verehrung des Heiligen Geistes und das Rosenkranzgebet. Den Rosenkranz trug er immer bei sich und betete ihn täglich. Eine besondere Verehrung hatte er für den heiligen Augustinus, an dessen Festtag – 28. August – die Augsburger Tagespost 1948 erstmals erschien. Eigentlich wollte mein Vater Priester werden, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete das reguläre Unterrichtsleben am Steyler Gymnasium, in das er mit 14 Jahren gekommen war. Die Jahre in der Ordensschule haben ihn geprägt. Ein besonderes Ereignis verband ihn mit Bruder Konrad von Parzham: Als eine schwerkranke Frau, der im Augsburger Vincentinum ein Arm amputiert werden sollte, auf Fürsprache Bruder Konrads gesund wurde, wollte der behandelnde Arzt, der nichts vom Glauben hielt, die Heilung und die Krankheit der Frau vertuschen. Mein Vater konnte damals die Unterlagen auffinden und nach Rom schicken. Die Dokumente wurden in die Akte Bruder Konrads aufgenommen. Zur Heiligsprechung des Kapuziners 1934 ist mein Vater darum nach Rom eingeladen worden.

Wie hat Ihr Vater auf die Entscheidung, Priester zu werden, reagiert?

Er hat sich sehr gefreut. Es war für mich eindrucksvoll, dass er mich nie gedrängt hatte, Priester zu werden. Ich hätte das auch nie angestrebt. Durch den Klostereintritt war das Theologiestudium vorprogrammiert und damit auch die Priesterweihe. Ich empfand sie immer als ein besonderes Geschenk.

Die Zeit, in der Ihr Vater die „Tagespost“ gegründet und auch geführt hat, fiel in das Pontifikat von Pius XII. Wie sah Ihr Vater diesen Papst?

Er hat ihn sehr geschätzt und es gab auch persönlichen Kontakt, zu der Zeit, als Pacelli Nuntius in Berlin war. Anlässlich meiner Geburt schickte er meinen Eltern und Geschwistern ein persönliches Glückwunschschreiben. Für meinen Vater war es eine Selbstverständlichkeit, zur Kirche zu stehen. Er war glücklich, dass in den schweren Zeiten der dreißiger und vierziger Jahre eine Persönlichkeit wie Pius XII. die Kirche leitete.

Wenn Sie die „Tagespost“ heute aufschlagen und versuchen, die Zeitung aus der Perspektive Ihres Vaters zu bewerten – welche Themen wären ihm besonders wichtig?

Die Lehre der Kirche über den Menschen, Familie, Lebensschutz, die Ökumene, die Auseinandersetzung mit dem Islam, die Menschenrechte – das sind die Themen, die er angesprochen hätte, wie es ja auch geschieht. Es sieht so aus, als ob gerade im Lebensschutz bis in katholische Kreise Aufweichungen stattfinden, die unerträglich sind und die man nicht mehr bejahen kann. Das Thema Lebensschutz hat ihn auch persönlich tangiert: In der Verwandtschaft bekam ein junges Mädchen ein Kind. Da sie nicht verheiratet war, wurde die Sache für die ganze Familie kompliziert. Da war es für meinen Vater keine Frage, sie bei uns aufzunehmen. Während sie ihr Kind austrug, wohnte sie in unserer Familie – mindestens ein halbes Jahr lang. Mein Vater konnte dazu stehen und meine Mutter genauso. Es war für sie selbstverständlich, das Leben in jeder Phase nicht nur zu akzeptieren, sondern als Wunder anzusehen. So wäre der Gründer der Tagespost – wie ich denke – glücklich, dass sein Werk, das er übrigens dem Herzen Jesu geweiht hatte, in seinem Sinne weitergeführt wird. Den Verantwortlichen in Redaktion und Verlag und allen Mitarbeitern würde er gratulieren und sie ermuntern, so weiterzuarbeiten.

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