Er baut am Fundament einer neuen Einheit

Der Papst und die Inkarnation – Ein Blick auf die Grundlinie seines Pontifikats zum vierten Jahrestag der Wahl Benedikts XVI. am 19. April 2005

Rom (DT) Dass sich die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in zwei Strömungen vorwärts bewegt – eine, die über die Neuerungen des Zweiten Vatikanums hinausgehen will und mit Berufung auf den sogenannten Konzilsgeist weitere Reformen verlangt, und eine andere, die Missstände und Abwege in Liturgie und Theologie nach dem Konzil beklagt und dieses wieder stärker in die Tradition der Kirche eingebunden sehen will –, ist eine Feststellung, die sich anhand vieler innerkirchlicher Gegensätze immer wieder erhärten lässt.

Als sich vor vier Jahren hinter Joseph Ratzinger die Türen der Sixtinischen Kapelle schlossen, war er der letzte noch lebende Kardinal, der zum einen als brillanter Berater am Zweiten Vatikanischen Konzil aktiv mitgewirkt hatte und zum anderen über das nötige theologische Rüstzeug wie auch über den erforderlichen Einfluss im Zentrum der katholischen Weltkirche verfügte, um diese beiden Strömungen wieder in ein gemeinsames Flussbett zu leiten. Und als er am 19. April 2005 mit dem Papstnamen Benedikt XVI. das Konklave verließ, lag genau diese herkulische Aufgabe vor einem Mann, der damals gerade seinen 78. Geburtstag gefeiert hatte: Nochmals den – vielleicht letzten – Versuch zu starten, das, was in der Kirche heute auseinanderstrebt und was man bisweilen als linken und rechten oder progressiven und konservativen Flügel bezeichnet, wieder zusammenzuführen.

Sein Vorgänger, der große Johannes Paul II., hatte eine andere Aufgabe: Die Kirche aus dem schattigen Abseits, in die sie nach dem Zweiten Vatikanum geraten war, wieder in die Öffentlichkeit herauszuführen und an der Spitze einer weltumfassenden Freiheitsbewegung den Kampf gegen den atheistischen Kommunismus zu führen. Auch eine herkulische Aufgabe. Und Karol Wojtyla war wesentlich jünger, als er zu dem Papst gewählt wurde, „der aus dem Osten kam“. Es war ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Mit Begeisterung hatte sich der katholische Episkopat auf dem Konzil der Welt geöffnet – und die kehrte sich wenig später auf dem Absatz um und ließ die Kirche im Regen stehen. Pillen-Paul wurde nur noch verlacht, es galt als weltfremd, ein gläubiger Mensch zu sein, in einigen wenigen katholischen Medien schuf sich die Kirche Nischen, die sie noch für sich beanspruchen konnte. Die Weltpresse, das Fernsehen und der kulturelle „mainstream“ nahmen keine Notiz mehr davon, was irgendwie katholisch war. Bis Johannes Paul II. kam.

Aber Papst Wojtyla war Philosoph und kein Theologe. Zudem ein großer Mystiker und ein großer Politiker zugleich – wie geboren für die bewegte Weltbühne, auf der der Endkampf zwischen Ost und West, zwischen Freiheit und Kommunismus begonnen hatte und in dem der polnische Papst zu einem der führenden Protagonisten wurde. Auch Johannes Paul II. hat zu vielen Konzilsthemen geschrieben. Seine Verkündigung und sein Lehramt produzierten eine Unmenge an Papier, im Vergleich zu dem die Sammlung der Texte des Zweiten Vatikanums wie ein dünnes Heftchen erscheint. Aber die „historische Berufung“ des Philosophen Karol Wojtyla war eine andere. Die noch ausstehende Aussöhnung innerhalb der Kirche hinterließ er seinem Nachfolger und langjährigen Glaubenspräfekten.

Die Kernfrage, um die es dabei geht, hat Benedikt XVI. jetzt noch zu Ostern formuliert: Die Auferstehung, so sagte er zu seinem Segen „Urbi et Orbi“, sei nicht eine Theorie, sondern eine von dem Menschen Jesus Christus offenbarte geschichtliche Realität – ein Übergang, der einen „neuen Weg“ zwischen der Erde und dem Himmel eröffnet hat. Weder ein Mythos noch ein Traum, weder eine Vision noch eine Utopie, kein Märchen, sondern ein einmaliges und unwiederholbares Ereignis: „Jesus von Nazareth, der Sohn Marias, der am Freitag bei Sonnenuntergang vom Kreuz abgenommen und begraben worden ist, hat siegreich das Grab verlassen. Tatsächlich haben Petrus und Johannes bei Anbruch des ersten Tages nach dem Sabbat das Grab leer vorgefunden. Magdalena und die anderen Frauen sind dem auferstandenen Jesus begegnet; auch die beiden Jünger von Emmaus haben ihn erkannt, als er das Brot brach; am Abend ist der Auferstandene den Aposteln im Abendmahlssaal erschienen und danach vielen anderen Jüngern in Galiläa.“

Dass dieser „neue Weg“, der von Gott selber in der Geschichte der Menschheit durch Jesus Christus angelegt wurde, nicht irgendein Weg von vielen anderen sein kann, auf denen die Menschen Heil und Glück finden mögen, sondern der einzig wahre und richtige ist sowie in der auf den Gründungsauftrag Christi und die Apostel zurückgehende Kirche seine konkrete Materialisierung gefunden hat – bis auf den heutigen Tag –, ist für den Theologen Ratzinger und für Papst Benedikt nur eine logische und zwingende Schlussfolgerung. Es ist sein Grundverständnis von Inkarnation, von der Fleisch- und Menschwerdung Gottes und seiner bleibenden Gegenwart in der Kirche. Von hier aus lässt sich alles aufschlüsseln, was Benedikt XVI. in seinem Pontifikat anstoßen, bewegen und auch ändern möchte. Und von hier aus lässt sich auch verstehen, was für ihn nur zweitrangig ist – wie etwa die Reform der römischen Kurie oder die Medienarbeit des Vatikans.

Das Priester-Jahr etwa, das am 19. Juni beginnt. Wieder so eine Initiative, die die „Welt“ nicht versteht. Aber wer die beiden Predigten Benedikts vom vergangenen Gründonnerstag liest, die morgens bei der Chrisam-Messe und die bei der Abendmahlsmesse im Lateran, versteht die Bedeutung, die der Papst der Einswerdung des Priesters mit Jesus Christus und der Eucharistie als höchsten Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott beimisst, einer Gemeinschaft, in der jeder Einzelne „in eine ganz reale Blutsverwandtschaft mit Jesus und so mit Gott selbst hineingezogen wird“.

Um dieses sein Verständnis von Inkarnation, von einem Mensch gewordenen und in der Kirche tatsächlich gegenwärtigen Gott erneut zum Ausgangspunkt der Erneuerung von Theologie und Liturgie zu machen, hat sich Benedikt mit dem tiefen Glauben der von ihm so geliebten Kirchenväter bewaffnet. Indem er während der Generalaudienzen von ihren Lebensgeschichten erzählte, wollte er auch etwas von deren transzendentalen Blick auf die Welt, von deren Hoffnung und Liebe zu Gott mitteilen.

Und als er in seinem sehr außergewöhnlichen Brief an die Bischöfe der Welt nach dem „Fall Williamson“ nochmals seine eigentlichen Absichten darstellte, formulierte er dazu – weil es eben ein sehr persönlicher Brief war – einige Schlüsselsätze, die sein Grundanliegen verdeutlichen. Zum einen: „Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.“ Zum anderen: „In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) – im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.“ Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, sei deshalb „die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit.“

Papst Benedikt weiß, dass er selber die Versöhnung der beiden innerkirchlichen Strömungen nicht mehr erleben wird. Aber er kann das Fundament legen, auf dem allein eine neue Einheit der Katholiken erwachsen kann: der Glaube an den auferstandenen Gott, der die Getauften im Leib Christi, der Kirche, zusammenführt.

Ebenso wenig ist zu erwarten, dass die vollständige Aussöhnung mit den Traditionalisten – und die Wiedereingliederung der Pius-Bruderschaft ist ein kleiner, aber wichtiger Bestandteil davon – zu Lebzeiten Papst Ratzingers gelingt. Aber auch hier hat er den ersten Schritt gewagt: die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe. Zum Wohl der Kirche kann man nur hoffen, dass Benedikt XVI. noch viele Jahre an dem Fundament einer neuen Einheit bauen kann. Offen – und sicherlich auch dramatisch – ist die Frage, wer sein Werk auf dem Stuhl Petri dann weiterführen wird.

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