„Eine unvorstellbare Treue zum Volk“

Ein Gespräch mit dem chaldäisch-katholischen Bischof Antoine Audo von Aleppo. Von Regina Einig
Foto: KNA | Bischof Antoine Audo warnt vor weiteren Waffenlieferungen nach Syrien.
Foto: KNA | Bischof Antoine Audo warnt vor weiteren Waffenlieferungen nach Syrien.
Exzellenz, wie erleben Sie die Situation in Aleppo derzeit?

Im Allgemeinen haben die Geistlichen der Bevölkerung ein gutes Beispiel gegeben und sind geblieben. Vereinzelt sind Priester ins Ausland gegangen, die es nicht mehr ausgehalten haben, aber über achtzig Prozent der katholischen Geistlichen sind geblieben und haben eine unvorstellbare Treue zum Volk bewiesen. Sorgen machen uns in Aleppo nach wie vor die beiden orthodoxen Bischöfe, die vor zwei Jahren entführt worden sind. Das hat die Gläubigen tief erschüttert. Über dieses Thema darf man nicht schweigen. Die katholische Kirche in Aleppo hat sich dafür entschieden, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um vor Ort zu bleiben und sich für eine friedliche Lösung und Versöhnung einzusetzen. Wir haben Courage.

Hat der Bürgerkrieg die christlichen Konfessionen zusammengeschweißt?

Ja, wir sind näher zusammengerückt. Allerdings waren die ökumenischen Beziehungen auch vorher schon eng. In Syrien mischen sich die Konfessionen in nahezu allen christlichen Familien. Da werden keine großen Unterschiede zwischen Maroniten, Chaldäern und griechisch-katholischen Christen gemacht. Für uns steht im Vordergrund, dass wir Christen sind und uns als solche gegenüber den Muslimen präsentieren. Alles andere würde den Muslimen auch nicht viel sagen.

Gibt es zwischen Christen und Muslimen in Aleppo auch solidarische Hilfe?

Ich bin Vorsitzender der syrischen Caritas. Wenn es um humanitäre Hilfe geht, kennen wir bemerkenswerte Beispiele der Zusammenarbeit von Christen und Muslimen. Neben dem Bischofshaus in Aleppo steht das Caritaszentrum. Die meisten Personen, die dort um Hilfe bitten, sind Muslime. Viele von ihnen sind uns sehr dankbar. Den Caritasmitarbeitern ist aufgefallen, dass viele Muslime auch eine Kleinigkeit mitbringen, wenn sie zum zweiten Mal kommen, um sich ein Lebensmittelpaket abzuholen. Auch die Armen schenken oft etwas Konfitüre oder Ähnliches, um so Danke zu sagen. Einmal bin ich im Talar aus dem Bischofshaus gegangen. Am Straßenrand stand ein gebeugter alter Muslim. Er ist zu mir geeilt und hat so laut, dass es alle umstehenden Muslime hören konnten, gerufen: „Jetzt wissen wir, wer die Christen sind. Schaut her, das ist kein falsches Gold, sondern pures Gold“.

Aus den Reihen der Bischöfe im Nahen Osten wurde vorgeschlagen, dass die Gläubigen in dieser Fastenzeit auch für den Frieden im Nahen Osten fasten.

Ja, und dieses Engagement und dieser Sinn für Solidarität in der Kirche bewegt mich sehr. Und wir bitten die Gläubigen im Westen, die für uns fasten und beten, auch: Helft uns, einen Weg zum Frieden zu finden.

Was sollte der Westen Ihrer Meinung nach konkret ändern?

Als der Konflikt begann, habe ich gefragt, was es nützt, erst der Krieg und dann die Überlebenshilfe. Wir brauchen keine Lebensmittel, sondern Frieden. Ich wünsche mir, dass der Westen keine Waffen mehr verkauft.

Sie weisen immer wieder darauf hin, dass es für Syrien keine militärische Lösung geben kann. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die russische Intervention in Ihrer Heimat?

Die Intervention Russlands ist meines Erachtens eine Hilfe für die syrische Armee, um die bewaffneten Gruppen zu vertreiben, die Syrien zerstören.

Profitieren Christen davon?

Ganz allgemein lässt sich das so sagen.

Im Vorfeld der Waffenstillstandsverhandlungen wurde kritisch darauf hingewiesen, die Minderheiten seien nicht daran beteiligt worden. Wie sehen Sie das?

In Syrien vermeidet man es, von Konfessionen zu sprechen. Das hängt damit zusammen, dass die bewaffneten Gruppen seit Beginn des Bürgerkriegs versucht haben, den Konflikt zu konfessionalisieren. Es gibt eine sunnitische Mehrheit und eine alawitische Minderheit. Außerdem wurde versucht, einen Krieg zwischen Christen und Muslimen vom Zaun zu brechen. Wir Christen haben aber zunächst einmal gegen niemanden etwas. Die Regierung hat von Anfang an die konfessionelle Option vermieden. Schwer zu sagen, ob das hilfreich ist oder nicht, aber so ist es. Deswegen lehnt sie es ab, dass sich konfessionelle Minderheiten als solche beteiligen.

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