Eine Pilgerreise zur Seele Bangladeschs

Ein Jesuit aus Bangladesch erzählt, was der Papstbesuch für sein Land bedeutet. Von Benedikt Winkler
Ordensfrauen in der Stadt
Foto: KNA | Missionarinnen der Nächstenliebe, auch Mutter-Teresa-Schwestern genannt, gehen durch eine belebte Straße in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs.

Von Donnerstag bis Samstag dieser Woche wird Papst Franziskus Bangladesch besuchen. Was denken und hoffen die Bangladeschis angesichts der bevorstehenden päpstlichen Visite? Fr. Probash Pius Rozario SJ arbeitet als Jesuit in der Hauptstadt Bangladeschs, in Dhaka. Gegenüber der Tagespost zitiert er Kardinal Patrick D'Rozario CSC, der den Papstbesuch einerseits betrachtet als eine „Pilgerreise zur Seele von Bangladesch“ und andererseits als eine „Pilgerreise der Menschen zum Papst“. Der 38-jährige Rozario beschreibt sein Heimatland Bangladesch als ein sehr kleines Land, dessen Bevölkerung unverhältnismäßig groß ist in Bezug zur Landfläche. Die Christen bilden mit 300 000 eine Minderheit angesichts der 160 Millionen Menschen. „Nun hat der Heilige Vater eine besondere Initiative ergriffen, Bangladesch zu besuchen, was bedeutet, dass er die Letzten und den Letzten nicht vergisst.“ Für die Katholiken Bangladeschs sei die Reise auch eine spirituelle Reise. Es bestünde der Anlass, sich nach innen zu wenden mit der Frage, wie der christliche Glaube in Bangladesch praktiziert werden könne. „Es ist auch eine Gelegenheit zu schauen, ob wir bereit sind Christus in unserer Wirklichkeit zu empfangen.“ Für Rozario ist der Besuch eine „große Anerkennung für die katholische Präsenz in Bangladesch“.

Praktizierte Nächstenliebe einer dienenden Kirche

Auch wenn die Zahl der Christen in Bangladesch gering ist, sei ihr Dienst bemerkenswert, bilanziert Rozario das christliche Engagement. „Katholiken versuchen die Werte des Evangeliums auf verschiedene Art und Weise zu leben, sei es durch Bildung, medizinische Versorgung und soziale Arbeit.“ Des weiteren gäbe es eine Vielzahl katholischer Bildungseinrichtungen, die ein hohes Ansehen genießen. Diese Einrichtungen vergäben nicht nur akademische Grade, sondern vermittelten auch Werte, die wiederum das menschliche Zusammenleben verbessern.

Außerdem gäbe es auch einige medizinische Zentren, die den Armen und den Obdachlosen helfen, weil es das Land noch nicht geschafft hat, eine qualitative medizinische Grundversorgung für alle sicherzustellen. „Einige gut ausgebildete Krankenschwestern, die meistens Ordensschwestern sind, leisten ihren Dienst an den Armen ungeachtet ihrer Klasse, ihrer Kaste oder der Glaubenszugehörigkeit.“ Mit ihrem Engagement würden sie die Ärmsten der Gesellschaft erreichen, so Rozario.

„Caritas ist eine der bekanntesten, effektivsten und vertrauenswürdigsten Organisationen im Land, die von der katholischen Kirche betrieben wird.“ Während großer Unglücke und Naturkatastrophen leiste Caritas Nothilfe für die Bedürftigen. Außerdem kümmere sie sich um die Marginalisierten der Gesellschaft, ganz besonders um die Stärkung der Frauen. Caritas möchte die Menschen dazu bringen, finanziell unabhängig zu sein. Die Kirche helfe durch die Caritas den Flüchtlingen und der landlosen Bevölkerung. „Insgesamt leistet das Christentum einen großen Beitrag in der Entwicklung des ganzen Landes“, findet Rozario. „Der Beitrag und die Präsenz der katholischen Kirche wird stark wahrgenommen in dieser Ecke der Welt.“ Durch ihren vertrauensvollen Dienst, hätten sich die Christen ohne Abstriche den Respekt der muslimischen Mehrheit verdient, sagt Rozario. Die Menschen lebten im Großen und Ganzen in Frieden und Harmonie miteinander. „Jeder hat die Freiheit, seine oder ihre Religion zu praktizieren.“ Die Regierung sorge sich um den Schutz der Minderheiten im Land wie auch um ausreichend Sicherheit während religiöser Ereignisse - wie auch beim Papstbesuch. Der Besuch werde Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten zusammenbringen, davon ist Rozario überzeugt. „Laien und kirchliche Amtsträger beteiligen sich gleicher Weise, um dieses Ereignis als eine spirituelle Reise bedeutsam werden zu lassen.“ Daher sei der Besuch auch ein „Symbol der Einheit“.

„Wenn der Papst über Frieden spricht, zeigt er den Weg zu diesem Frieden auf, und sagt, wie man ihn bewahrt.“ Deswegen gelte dieser Besuch nicht nur den Christen allein, sondern allen Menschen in Bangladesch. Rozario ist weiterhin überzeugt, dass der Papst auch die Herzen Andersgläubiger erobern werde, denn der Papst sei ein Hoffnungsbringer und ein „Botschafter des Friedens“. Dies sei wichtig in einer Zeit, in der viele Menschen in Bangladesch Angst haben vor aufkeimenden Fanatismus und Terrorismus. Erst im letzten Jahr starben 28 Menschen bei einer Geiselnahme in einem Restaurant in Dhaka. Zur Tat bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat. Rozario hofft, „dass viele Menschen nach dem Papstbesuch eine Konversion ihres Herzens erfahren“. Denn der Heilige Vater werde Versöhnung bringen und den interreligiösen Dialog beschleunigen, so Rozario. Das helfe Vorurteile zu beseitigen und Respekt für den Anderen zu erzeugen.

Gelebte Glaubenspraxis einer katholischen Minderheit

Die Geschichte des Christentums begann in Bangladesch ab dem 16. Jahrhundert. Portugiesische Jesuiten waren die Pioniere der Evangelisierung Bangladeschs. „Ihre Traditionen und ihr gelebter Glaube existiert noch heute in vielerlei Formen“, sagt Rozario. Darüber hinaus hätten die bengalischen Christen auch ihre eigenen Formen der Glaubenspraxis entwickelt. „Die katholische Kirche in Bangladesch besitzt ein reiches Erbe gelebter Frömmigkeit, Hingabe und Anbetung. Das beinhaltet traditionell das Rosenkranzgebet und das Beten der Novenen. Marianische Novenen sind ziemlich verbreitet in Bangladesch.“ Auch einige marianische Wallfahrtsorte gäbe es. „Die Menschen beten Novenen und verehren Heilige wie beispielsweise den heiligen Antonius, den heiligen Josef und den heiligen Franz Xavier.“

Aufgrund ihrer vierhundertjährigen Geschichte habe die Kirche in Bangladesch einige lokale Formen der Hingabe auch in der einheimischen Sprache, führt Rozario aus. „Das Lied des heiligen Antonius und das der heiligen Agnes sind die bekannteste Formen der Verehrung. In diesen Liedern wird das Leben der Heiligen und ihre Wundertaten besungen, indem eine Gruppe von sechs bis zehn Leuten lokale Musikinstrumente und Trommeln verwendet. Das ist ein ganztägiges Ereignis.“

Während der Fastenzeit werde die Passionsgeschichte Jesu Christi durch Gesang erzählt, für die Weihnachtszeit haben die Bengalis auch eigene Weihnachtslieder, die sie „Kritton“ nennen. Sie gehen in Gruppen von Tür zu Tür und singen diese Lieder. „All diese Formen der Frömmigkeit haben sich vielfach mit den lokalen Traditionen, der Volksmusik und der Volkskultur Bengalens oder Bangladeschs vermischt.“

Klimawandel, Migration, Überbevölkerung und Armut

Bangladesch ist ein Land nur wenige Meter über dem Meeresspiegel und es ist voller Flüsse. Eigentlich ein fruchtbares Land. Doch aufgrund der geografischen Lage und des Klimawandels steigt die Zahl der Zyklone, Überschwemmungen und Dürren in jedem Jahr. „Auch wenn mittlerweile solche Katastrophen zur Gewohnheit geworden sind, so hat Bangladesch unter dem Klimawandel schwer zu leiden“, so Rozario. „Die Menschen wissen oft nicht, mit diesen Klimaextremen umzugehen. Wenn es nicht regnen sollte und es plötzlich regnet, dann verfault die Saat. Das ist eine große Sorge der armen Bauern, die nicht wissen, was zu tun ist. Auch wenn die Regierung versucht bei Ernteausfällen Unterstützung zu leisten, so bleibt die Frage, wie viele Katastrophen Bangladesch noch heimsuchen werden.“, sagt Rozario. „Das Großartige an den Menschen in Bangladesch ist, dass sie die Hoffnung nicht verlieren. Das hält die Einheimischen am Leben. Sie hoffen auf etwas Besseres.“

Einerseits beeinträchtigen die Klimakatastrophen die Wirtschaft des Landes, auf der anderen Seite die Übervölkerung. Bangladesch ist eines der am dichtest besiedelten Länder der Welt.

„Obwohl Armut ein Teil des Lebens ist, strebt das Land in den letzten Jahren in Richtung untere Mittelklasse.“ Das Bruttoinlandsprodukt wachse von Tag zu Tag. Armut sei zwar immer noch ein Problem in Bangladesch, aber das Land lerne langsam damit zurechtzukommen, meint Rozario. Das Ergebnis sei, dass in vielen Gegenden die Anzahl der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze sinkt. „Noch in der Vergangenheit gab es Menschen, die hungrig zu Bett gingen, davon habe ich aber schon lange nicht mehr gehört“, sagt Rozario.

Motor des Landes ist die Textilindustrie. „Auch wenn Bangladesch weltweit als verarmtes Land gesehen wird, denke ich, wird das Land dieses Etikett bald los sein.“ In naher Zukunft, so hofft Rozario, werde Bangladesch die Armut vollständig beseitigt haben. Die große Zahl der Bevölkerung stehe eben auch für viele Arbeitskräfte, die das Land voranbringen können und werden.

Obwohl Bangladesch ein kleines Land mit einer großen Bevölkerungsdichte ist, hat es in den vergangenen Monaten hunderttausende Rohingyas aus Myanmar aufgenommen. „Auch wenn Bangladesch ein gastfreundliches Land ist, kann es so nicht weitergehen“, sagt Rozario mit Blick auf die rasch wachsenden Flüchtlingslager. „Andernfalls wird Bangladesch in vielen Bereichen des Lebens Schwierigkeiten bekommen. Es wird zu Spannungen und antagonistischen Einstellungen kommen. Doch es bleibt die Hoffnung, dass die Flüchtlingskrise bald gelöst sein wird.“

Was kann die Weltkirche von Bangladesch lernen? Rozario überlegt und gibt eine knappe Antwort: „Ich denke, die Weltkirche kann von Bangladesch lernen, dass die Größe keine Rolle spielt. Man kann der Mehrheit der Bevölkerung auch als Minderheit einen Dienst erweisen und mit ihr in Frieden und Harmonie zusammenleben, indem man an die Fürsorge Gottes glaubt.“

 

 

Hintergrund

Probash Pius Rozario SJ ist Priester und Jesuit. Geboren ist er 1979 in Dhaka in Bangladesch. Nach der Ordensausbildung in Indien studierte er Theologie am Heythrop College in London. Am 8. Januar 2016 wurde er in England zum Priester geweiht. „Das Leben des heiligen Ignatius und sein Eifer, Dinge zur größeren Ehre Gottes zu tun und mit ganzer Kraft und Kreativität am Aufbau des Reiches Gottes mitzuarbeiten, haben mich inspiriert, Jesuit zu werden.“ Dafür steht auch das lateinische Wort „magis“, das „mehr“ bedeutet – ein Schlüsselwort der ignatianischen Spiritualität. Überall auf der Welt übersetzen Jesuiten dieses Wort in Aktion.

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