Kirche

Eine moderne Ikone

Vor 75 Jahren zeichnete der evangelische Pastor und Arzt Kurt Reuber die Madonna von Stalingrad. Von Rudolf Grulich
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Foto: KNA | Symbol der Sehnsucht nach Frieden von Millionen Menschen während des Zweiten Weltkriegs: die Madonna von Stalingrad.

Durch ein Weihnachtsfest im Zweiten Weltkrieg, der durch die Niederlage der Deutschen Wehrmacht bei Stalingrad die entscheidende Wende bekam, ist auch ein bescheidenes Madonnenbild weltweit bekannt geworden, das in Russland in der Weihnachtsnacht des Jahres 1942 entstand. Von August 1942 bis Februar 1943 tobte die Schlacht um Stalingrad. In einem Unterstand im Kessel von Stalingrad zeichnete der evangelische Pastor und Arzt Kurt Reuber mit Holzkohle ein 105 mal 80 Zentimeter großes Bild auf die Rückseite einer russischen Landkarte. Sein Bild zeigt eine sitzende Frauengestalt, die ähnlich einer Schutzmantelmadonna ein Kind unter ihrem Mantel birgt. Reuber versah die Zeichnung mit der Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“.

Der Soldat, Arzt und Künstler schrieb ein Jahr später in seinem Abschiedsbrief an seine Frau, der das Bild durch einen schwerverwundeten Offizier überbracht wurde, weil er mit dem letzten Flugzeug, einer Ju 53 Transportmaschine, ausgeflogen worden war: „Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften, zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung umso heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur uns lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist.“ Doktor Reuber überlebte die sowjetische Kriegsgefangenschaft nicht. Das Bild war bei der Familie Reuber im Kreis Eschwege und wurde auf Anregung von Bundespräsident Karl Carstens 1983 von der Familie der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin übergeben. Dort soll es zum Gebet für alle Opfer des Krieges und zum Frieden mahnen. Eine zweite Fassung, die „Gefangenen-Madonna“ zeichnete Kurt Reuber ein Jahr später, Weihnachten 1943, als er 100 Kilometer nordöstlich von Stalingrad im Lager Jelabuga war und erneut für seine Kameraden eine Madonna zeichnete. Auch dieses Bild gelangte nach Deutschland in die Hände seiner Frau, während er am 20. Januar 1944 im Lager starb.

„Kopien der Stalingrad-Madonna in vielen Kirchen Europas“

Wie manche Ikonen Russlands in vielen Kopien zu finden sind und verehrt werden, finden wir heute Kopien der Stalingrad-Madonna dieses evangelischen Pastors in vielen Kirchen Europas. Nach dem Original in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde es reproduziert und hängt in Kirchen wie in der Krypta der Heimkehrerdankeskirche in Bochum, im Jugendhaus Dornburg im Westerwald oder in der Auferstehungskirche in Kassel, der Tauf-, Konfirmations- und Traukirche von Kurt Reuber. Als Mahnung gegen den Krieg finden wir Kopien auch in der Gedenkhalle auf der Kriegsgräberstätte in Königswinter-Ittenbach, in der Kirche St. Marien in Wiesbaden-Biebrich und in der Millennium Chapel in der Kathedrale im englischen Coventry. Das Motiv gibt es auch gestickt als Wandbehang oder als Gobelin wie in Meersburg, wo die russische Künstlerin Elena Kikopule den Behang für die Kapelle „Zum Frieden“ schuf. Die Stalingrad-Madonna wurde auch geschnitzt als Relief in Kirchen wie St. Stephan in Baden bei Wien gestaltet, als Statue aus Sandstein wie in Wismar oder in Hermeskeil, wo der Stalingrad überlebende Pfarrer Mohr eine Statue stiftete.

Weniger bekannt, aber erwähnenswert ist, dass auch die Muttergottesstatue in der ehemaligen Kollegskirche in Königstein geistig in Stalingrad entstand: Der schlesische Bildhauer Erich Jäkel aus Glogau machte in Stalingrad das Gelübde, er werde eine Marienstatue schaffen als Dank für Errettung aus Krieg und sowjetischer Gefangenschaft. Im Gegensatz zu Reuber kam er heim und schuf die Mutter der Vertriebenen, eine 1,80 Meter hohe Statue aus Lindenholz, die seit 1952 ein Wallfahrtsziel in der Kollegskirche in Königstein war. Jäkel wählte in enger Absprache mit Prälat Kindermann bewusst das Motiv der beschirmenden Muttergottes, das in der Kirchengeschichte mit dem Hymnus Unter deinen Schutz und Schirm bis ins vierte Jahrhundert zurückreicht. Dieses Marienmotiv wird auch im Osten nicht nur im Hymnus, sondern auch in der Ikonographie als Maria Schutz dargestellt. In der abendländischen Kunst finden wir zahlreiche Bilder und Statuen, wobei auch der Rechtsbrauch des Mantelschutzes und Adoptionsgedankens von Asylsuchenden einbezogen ist.

So wie im Mittelalter die Künstler ganze Volksmengen unter dem Gewand Mariens versammeln, Ständevertreter von Papst und Kaiser bis zum einfachen Volk, so hat Jaeckel in Königstein drei Generationen einer heimatvertriebenen Familie unter den Schutz Mariens aus Holz gehauen: Großeltern, Eltern und Kinder. Bilder davon wurden nicht nur bei den Wallfahrten in Königstein verbreitet, sondern wurden überall, wo sich Prälat Kindermann mit seinen Gläubigen traf, gerne angenommen. Die Hauptwallfahrt zu diesem neuen Gnadenbild war ursprünglich am ersten Sonntag im Juli, kurz nach Mariä Heimsuchung, später dann am zweiten Sonntag im September, also um Mariä Geburt. Die 1957 ins Leben gerufene Königsteiner Anna-Wallfahrt der Schlesier am letzten Sonntag im August galt neben einer Nachbildung des Wallfahrtsbildes vom schlesischen Annaberg auch der „Mutter der Vertriebenen“. Neben den Sudetendeutschen und den Schlesiern waren es vor allem die Ermländer und Ungarndeutschen, die regelmäßig nach Königstein wallfahrteten.

Es gab im Rahmen solcher Wallfahrten auch schlesische Hedwigsfeiern, während die Sudetendeutschen vor allem des Heiligen Johannes Nepomuk (16. Mai) gedachten. Seit Anfang der sechziger Jahre entstanden auch Wallfahrten der vertriebenen Katholiken der Diözese Königgrätz im Frankfurter Raum nach Königstein, wo man bei den Predigten und in den nachmittäglichen Heimatstunden an die heimatlichen Wallfahrtsorte im Bistum Königgrätz, vor allem an den Muttergottesberg bei Grulich erinnerte.

Schon früh erbrachten die landsmannschaftlichen Gruppen ihren Beitrag zur Ausgestaltung der Königsteiner Kollegskirche. Die Sudetendeutschen schmückten die Beichtkapelle und erinnerten neben Johannes Nepomuk auch an den 1977 heiliggesprochenen Bischof Johann Nepomuk Neumann aus dem Böhmerwald, nach dem 1966 die neu erbaute Schule den Namen Bischof-Neumann-Schule erhielt. Schlesier, Ungarndeutsche und Ermländer richteten eigene Seitenaltäre ein, wobei die Schlesier neben einer Darstellung der heilige Hedwig und der Anna auch Erde vom oberschlesischen Annaberg in einer Glas-Urne aufstellten. Die Ungarndeutschen stifteten eine Holzstatue des heilige Königs Stephan, der sein Königreich als Regnum Marianum der Gottesmutter geweiht hatte, und die Ermländer spendeten für ein Mosaik, das neben der heiligen Dorothea von Montau auch Szenen eines ostpreußischen Flüchtlingszuges darstellt. Die Wallfahrt zur Madonna der Vertriebenen ist das letzte, was vom alten Vaterhaus der Vertriebenen in Königstein blieb.

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