Eine Ikone seiner Barmherzigkeit

Es ist ein Geschenk der Vorsehung, dass Mutter Teresa im Jubiläum der Barmherzigkeit heilig gesprochen wird. Von Leo Maasburg
Foto: Maasburg | Mutter Teresa war ganz Gott zugewandt, und darum ganz bei den Menschen.
Foto: Maasburg | Mutter Teresa war ganz Gott zugewandt, und darum ganz bei den Menschen.

Die Heiligsprechung von Mutter Teresa wird einer der großen Höhepunkte des „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ sein. Nicht nur quantitativ, mit Blick auf die Pilgermassen, die zu diesem Ereignis nach Rom strömen werden – oder nach Kalkutta, falls der Wunsch der indischen Bischöfe im Vatikan erhört wird. Nicht nur mit Blick auf die globale Aufmerksamkeit, denn Mutter Teresa ist mit ihrem weltumspannenden Wirken zweifellos eine Heilige dieses Zeitalters der Globalisierung. Auch in seiner spirituellen Tiefe erhellt die Heiligsprechung dieser Frau, die als albanisches Mädchen 1928 aus Skopje aufbrach und in Kalkutta zur Ikone der Barmherzigkeit wurde, den Sinn des von Papst Franziskus proklamierten Heiligen Jahres der Barmherzigkeit.

„Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters.“ Mit diesen Worten beginnt der Papst seine Verkündigungsbulle des Jubiläums der Barmherzigkeit. Über die Grenzen der Nationen, der Konfessionen, ja sogar der Religionen hinweg wurde Mutter Teresas Name geradezu zu einem Synonym für christliche Nächstenliebe, weil Menschen durch ihr Leben etwas von der Liebe Gottes spürten, weil sich in ihrer selbstlosen Hingabe an die Ärmsten der Armen ihre Ganzhingabe an Jesus spiegelte.

Hat Papst Franziskus vielleicht auch an Mutter Teresa gedacht, als er in „Evangelii Gaudium“ schrieb, „dass die Barmherzigkeit ihnen [den Armen] gegenüber der Schlüssel zum Himmel ist“? Jedenfalls begründete der Papst aus Lateinamerika die kirchliche Option für die Armen anders und tiefer als mancher sich modern wähnende und doch nur einer Ideologie des 19. Jahrhunderts folgende Theologe seines Kontinents – nämlich ganz im Geist von Mutter Teresas Zuwendung zu den Ärmsten der Armen: „Für die Kirche ist die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage. Gott gewährt ihnen ,seine erste Barmherzigkeit'. Diese göttliche Vorliebe hat Konsequenzen im Glaubensleben aller Christen, die ja dazu berufen sind, so gesinnt zu sein wie Jesus.“

Für Mutter Teresa bestand der Segen der Armut im Wissen um unsere eigene Abhängigkeit von der Barmherzigkeit Gottes. „Auch wir sind die Ärmsten der Armen... Die Armut muss im Himmel eine besondere Anziehungskraft haben, weil ja auch Jesus gekommen ist, um den ,Armen die Gute Nachricht zu bringen'.“ Erst wenn wir unsere eigene Armut und Erlösungsbedürftigkeit anerkennen, können wir erkennen, dass wir alle der Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Wir würden Mutter Teresa völlig verkennen, wenn wir sie als rastlos aktive und zufälligerweise auch erfolgreiche Sozialarbeiterin verstehen wollten. Ihre Ganzhingabe an Jesus Christus war der einzige und ausreichende Grund für ihre Hingabe an die Ärmsten der Armen. Denn mit ihnen identifiziert sich das in der Krippe geborene Kind, das sich uns jetzt als Eucharistische Speise schenkt und das einst als Weltenrichter wiederkommt. In seiner Gerichtsrede sagt der Herr: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen…“ Und auf die Rückfrage, wann dies gewesen sein soll, erklärt er: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,35-40)

Mutter Teresa, die ja vor allem in Kalkutta, einer überwiegend von Hindus und Muslimen bevölkerten Stadt wirkte, erklärte den Kindern auf den Straßen häufig „das ganze Evangelium“ an den fünf Fingern einer Hand: „You did it to me“. Sie nahm die Identifikation Jesu mit den geringsten seiner Brüder ernst. Darum sah sie im Verelendeten, den sie aufnahm, im Hungernden, den sie speiste, im Sterbenden, dem sie die Hand hielt, im Kranken, den sie pflegte, denselben Jesus, den sie täglich in der Gestalt des Brotes empfing und anbetete. So war ihr ganzes Leben Jesus zugewandt: in der Anbetung, in der täglichen Heiligen Messe, im Dienst an den Ärmsten der Armen. Durch diese ununterbrochene Verbindung mit Jesus – „wir können 24 Stunden am Tag mit Jesus sein, Jesus in der Eucharistie und in den Armen“ – wurde Mutter Teresa selbst zu einer Ikone der göttlichen Barmherzigkeit. Der barmherzige, den Menschen liebende und nach der Liebe des Menschen dürstende Gott, den uns Jesus gezeigt hat, wurde in Mutter Teresas Leben und Wirken hörbar, sichtbar, greifbar, spürbar. Nicht nur für Christen, sondern für Menschen aller Religionen – und gerade dadurch wurde Mutter Teresa zu einer Heiligen der Mission.

In „Misericordiae vultus“ schreibt Papst Franziskus, „dass Barmherzigkeit nicht nur eine Eigenschaft des Handelns Gottes ist. Sie wird vielmehr auch zum Kriterium, an dem man erkennt, wer wirklich seine Kinder sind. Wir sind also gerufen, Barmherzigkeit zu üben, weil uns selbst bereits Barmherzigkeit erwiesen wurde“. Doch wie kann das geschehen? Sicher nicht durch die bloße Erinnerung an das, was Gott in Jesus Christus vor zwei Jahrtausenden für uns getan hat, sondern dadurch, dass wir mit Gott in eine lebendige und konkrete Beziehung treten. Mutter Teresa, die jede Woche gebeichtet hat, meinte: „Die Beichte, das Sakrament der Versöhnung ist das Sakrament der Verbindung Gottes mit den Menschen. Es schafft eine Beziehung, in der die Gnade fließen kann und fließt.“ In einer Sprache, die uns bei Papst Franziskus ähnlich wieder begegnet, meinte sie: „Der Teufel zeigt seinen Hass auf Gott konkret, indem er uns zur Sünde verleitet, um so unsere Verbindung zu Gott zu kappen. Gottes erstaunliche Barmherzigkeit schenkt uns die Beichte, sobald wir umkehren und um Verzeihung bitten. Das hasst der Teufel an Gott: die Zärtlichkeit und die Liebe, die Gott für jeden Sünder hat.“

In der ihr eigenen, einfachen Art sieht Mutter Teresa das Sakrament der Versöhnung in engem Zusammenhang mit der Barmherzigkeit: „Die Beichte ist die tätig gewordene Barmherzigkeit Gottes... Ich möchte mich aufmachen und zu meinem Vater gehen. Das ist die Beichte – für mich und für dich. Die Beichte ist die Liebe Christi für uns – versäume sie nicht. Jesus sehnt sich nach uns, er dürstet nach uns.“ Solange schwere Sünde in meinem Herzen ist, besteht keine lebendige Verbindung zu ihm. Die Beichte stellt die durch die Sünde – durch Selbstsucht, Neid, Egoismus, Habsucht, Lieblosigkeit – gestörte Verbindung zu Gott wieder her. Mit einem praktischen Bild verdeutlichte Mutter Teresa diese Wirklichkeit: „Oft siehst du kleine oder große Drähte, neue und alte, billige und teure, die über die Straße hängen. Wenn kein Strom durch sie hindurchfließt gibt es kein Licht. Der Draht, das bist Du und das bin ich! Der Strom, das ist Gott! Wir haben die Wahl, den Strom durch uns hindurchfließen zu lassen, uns gebrauchen zu lassen und der Welt das Licht zu geben: Jesus, oder uns zu weigern, gebraucht zu werden und damit der Dunkelheit zu ermöglichen sich auszubreiten. Die Mutter Gottes war der allerschönste Draht: sie erlaubte Gott, sie bis zum Rand zu füllen, um durch ihre bedingungslose Hingabe – ,mir geschehe nach deinem Wort' – voll der Gnade zu werden... Und ganz natürlich lief sie, in dem Moment, als sie von diesem Strom der Gnade Gottes erfüllt war, eilends in das Haus der Elisabeth, um den Draht, Johannes an den Strom, Jesus anzuschließen.“ Das Wirken Mutter Teresas war geprägt vom Bemühen, Menschen mit Jesus in Kontakt zu bringen: mit Jesus in der Gestalt des Brotes, mit Jesus in der „schrecklichen Verkleidung der Ärmsten“, mit dem barmherzigen Jesus in der Beichte, der handelt, wenn der Priester die Worte der Lossprechung von den Sünden spricht.

Es ist wohl kein Zufall, dass der Papst „vom anderen Ende der Welt“ das in unseren Breiten weithin vergessene Sakrament der Versöhnung kraftvoll und klar – wie ein Missionar – neuerlich ins Bewusstsein hebt. Und es ist sicher kein Zufall, dass er uns in diesem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit Mutter Teresa vor Augen stellt, deren „Theologie“ zeitlos modern ist, weil sie ganz und gar biblisch ist. Vorkonziliar und 200 Jahre alt sei ihre Theologie, meinte ein Kritiker. Nein, 2 000 Jahre alt, korrigierte ihn Mutter Teresa mit einem Lächeln. Entsprechend biblisch erklärt sie die Beichte: „Die Sünderin steht vor Jesus. Er verurteilt sie nicht. Er hat feinfühliges Mitleid mit ihr. Das ist die Beichte. Auch ich brauche Vergebung. Beichten heißt nichts anderes, als vor Jesus stehen wie die Sünderin – weil ich mich ja auch selbst als Sünder ertappe.“

„Beichten heißt, Gott jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Im Tod werde ich vor ihn treten müssen. Jetzt habe ich in der Beichte die Möglichkeit, als Sünder beladen mit Sünden vor Ihn zu treten und von dort als Sünder, aber ohne Sünden, wieder wegzugehen.“ Die Priester, und davon kann ich selbst Zeugnis geben, waren für Mutter Teresa, modern formuliert, ein „Hotspot“, eine Drehscheibe, um die Verbindung des Sünders zu Gott wieder herzustellen: „Wir brauchen Priester, die die Verbindung herstellen.“ Mutter Teresa erzählte: „Wenn diese Schaltstelle nicht funktioniert, dann ist die ganze Stadt im Dunkeln. Seht, bei uns fällt jeden Tag der Strom aus. Die Stromrechnungen kommen pünktlich, aber Strom gibt es nicht. Die ganze Stadt beschwert sich darüber.“

Die Regelmäßigkeit, mit der Jesus in der Beichte alle Sünden vergibt und unsere Beziehung zu Gott heilt, war für die große Verkünderin der Barmherzigkeit ein Auftrag, seinem Wort zu folgen: „Liebet einander wie ich euch geliebt habe!“ Mutter Teresa forderte: „Auch wir müssen fähig werden so prompt zu vergeben, wie Jesus uns vergibt.“ Sie wusste, dass die Lossprechung in der Beichte tatsächlich Wirklichkeit verändert, weil Gott wirklich – und damit wirksam – barmherzig ist, weil Er die Sünden wirklich vergibt: „Was Gott vergeben hat, hat er vollkommen vergeben. Nicht nur vergeben, sondern vergessen. Er wird es niemals wieder erwähnen, selbst wenn wir morgen das gleiche Ding drehen…“

Die Heiligsprechung von Mutter Teresa, die Papst Franziskus wohl am 4. September 2016 vornehmen wird, ist so zugleich eine Einladung an uns alle, unsere Beziehung zu Gott und zueinander zu erneuern: Verzeihung zu erlangen und Barmherzigkeit zu schenken.

Der Autor ist Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke (Missio) in Österreich. Er stand Mutter Teresa viele Jahre als Priester und geistlicher Begleiter zur Verfügung. Sein Buch „Mutter Teresa. Die wunderbaren Geschichten“ erschien in 20 Sprachen.

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