Eine Ikone der Barmherzigkeit Gottes

Mit den Bischöfen Piemonts eröffnet Erzbischof Cesare Nosiglia von Turin die Ausstellung des Grabtuchs Jesu. Von Guido Horst
Foto: dpa | Kein Geist hat Fleisch und Knochen: In Scharen kamen die Pilger nach Turin, um das Grabtuch als ein sichtbares Zeichen des menschgewordenen Erlösers im Dom zu sehen.
Foto: dpa | Kein Geist hat Fleisch und Knochen: In Scharen kamen die Pilger nach Turin, um das Grabtuch als ein sichtbares Zeichen des menschgewordenen Erlösers im Dom zu sehen.

Rom (DT) Völlig überschattet von der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer hat am Sonntagvormittag mit einem Gottesdienst in der Turiner Kathedrale die diesjährige Ausstellung des Grabtuchs Christi begonnen, die am kommenden 24. Juni endet. Zu Beginn der Messe, zu der einige hundert Gläubige und Ehrengäste – unter ihnen der Bürgermeister der Stadt, Piero Fassino – in den Dom gekommen waren, wurde ein Tuch weggezogen, das das Leinen in seinem mit einer schweren Glasplatte abgedeckten Reliquiar bis dahin verhüllt hatte. Vor dem Grabtuch als Altarbild feierte der Erzbischof von Turin, Cesare Nosiglia, eine dreiviertelstündige Messe, die das erste Programm des italienischen Staatsfernsehens übertrug, und konzelebrierte mit den Bischöfen der Region Piemont. Auch fünfzig Priester der Erzdiözese Turin feierten den Gottesdienst mit. Einige Jugendliche sowie einige kranke Menschen repräsentierten zwei Gruppen, an die sich die Ausstellung des „Sindone“ in diesem Jahr besonders richtet. Der Blick auf das Grabtuch, sagte Erzbischof Nosiglia in seiner Predigt, trifft „auf die milde Gegenwart der vollkommenen, sich selbst vergessenden und barmherzigen Liebe“. Das Tagesevangelium des dritten Sonntags der Osterzeit behandelte die Erscheinung des auferstandenen Herrn vor den verunsicherten Jüngern, die glaubten, ein Gespenst zu sehen. Sie seien „ein Spiegelbild von so vielen Menschen“, meinte Nosiglia, „die nicht mehr die Augen haben, um den auferstandenen Herrn vor sich zu sehen und zu erkennen, ihn, der die erste Quelle der Hoffnung und der Kraft ist, und ernsthaft und mit Mut den Weg des Lebens und die sich mit der Zeit einstellenden Schwierigkeiten anzugehen, seien es die Schwierigkeiten im Glauben, in der Familie, bei der Arbeit oder im sozialen Leben“.

Es sei ein Weg des Gebets und des Glaubens, „der uns vor das Grabtuch führt, um mit den Augen – vor allem aber mit dem Herzen – die Zeichen des Leidens und Sterbens des Herrn zu sehen, die dieses heilige Tuch enthält und die in so wunderbarer Weise voll und ganz dem entsprechen, was die Evangelien überliefert haben“, so der Erzbischof weiter. Das Tuch sei „ein Spiegel des Evangeliums“, wie es Johannes Paul II. genannt habe. Man schaue es an „mit größtem Erstaunen und steht vor dem Erweis der größten Liebe, die dieses Bild enthüllt“. Dieses Bild sei so einzigartig, dass es sich von den tausenden anderen unterscheide, die von Menschenhand in der Geschichte der Frömmigkeit und Kunst angefertigt worden seien. „Dann verstehen wir mit Papst Franziskus, dass nicht wir es sind, die dieses Antlitz anschauen, sondern wir fühlen uns angeschaut und eingeladen, nicht mehr oberflächlich an so viel Leid vorbeizugehen, das um uns herum und in der Welt geschieht“, sagte Noraglia. Das Grabtuch sei der bewegende Beweis, dass Er, der Herr und Erlöser, nicht am Elend der Menschen vorbeigehen wollte. Es lade ein, aus dem eigenen Umfeld und der trägen Sicherheit herauszugehen und der Welt zu verkünden, dass sie den Auferstandenen braucht, auch wenn sie sich dessen noch gar nicht bewusst sei.

Der Erzbischof erklärte, ss gehe nicht so sehr darum, das Bild des Leichnams Jesu zu sehen, sondern vielmehr sich von Jesus anblicken zu lassen. Dies reiße die Menschen aus der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid ihrer Mitmenschen heraus. Nur wenig später, zum Gebet des „Regina coeli“, sagte Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom: „Auch ich, wenn Gott will, werde mich am kommenden 21. Juni nach Turin begeben. Ich wünsche mir, dass dieser Akt der Verehrung uns allen hilft, in Jesus Christus das Antlitz des barmherzigen Gottes zu finden und es in den Gesichtern der Brüder zu erkennen, vor allem derer, die leiden.“

Am Nachmittag dann wurde die Kathedrale auch für die Pilger geöffnet und es begann der lange Zug von Gläubigen, die zum Teil von weither kommen, um das „Sindone“ zu sehen. Direkt zu den ersten, die den Dom betraten, gehörte eine Pilgergruppe aus Südamerika. Eine Million Besucher haben sich für die kommenden Wochen angemeldet. Die Erzdiözese Turin geht davon aus, dass viele Menschen auch ohne Anmeldung anreisen. Zuletzt war das Grabtuch 2010 ausgestellt worden. Am 2. Mai jenes Jahres war Benedikt XVI. nach Turin gereist und hatte eine Meditation vor dem Grabtuch gehalten. Damals kamen zwei Millionen Besucher zu der Ausstellung nach Turin.

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