Eine Enzyklika als Verpflichtung eines Pontifikates

Vor 75 Jahren unterzeichnete Papst Pius XI. das Rundschreiben „Mit brennender Sorge“. Von Ulrich Nersinger
Foto: KNA | Grabmal Papst Pius XI. in den vatikanischen Grotten.
Foto: KNA | Grabmal Papst Pius XI. in den vatikanischen Grotten.

Im Sommer des Jahres 1889 hatte sich in den Alpen eine kleine Gruppe von Bergsteigern zur Besteigung des Monte Rosa (Dufourspitze) und der ersten Überschreitung des Zumsteinsattels aufgemacht. Der offizielle Bericht zu dem gewagten Unternehmen liest sich auf fast jeder Seite wie ein Abenteuerroman: „Wir mussten eine senkrechte Eiswand zu unserer Linken erklettern. Eine gute halbe Stunde brauchten wir, um mit Hilfe von Händen und Füßen emporzukommen. Von Gehen konnte nicht mehr die Rede sein, sondern nur von beständigem, mühseligem Einsinken ... Der unerträgliche Wind und die einbrechende Nacht trieben uns fort; wir stiegen ab, bis wir etwa dreißig Meter tiefer eine fast schneefreie Felsplatte fanden. Hier richteten wir uns so gut wie möglich ein, 4 600 Meter über dem Meeresspiegel. Bequem war unser Biwakplatz nicht. Unmöglich freilich, einen Schritt in irgend einer Richtung zu tun. Wer sich setzte, dem hingen die Füße über dem Abgrund ... Bald auf der italienischen, bald auf der Schweizer Seite fußend, bald wörtlich auf dem Grat reitend, schließlich die Felsen vorsichtig umgehend und eine schmale und steile Eisrinne überschreitend, die bis zum Schweizer Gletscher des Monte Rosa hinabzieht, befanden wir uns endlich auf der Dufourspitze.“ Der Chronist, der diese Zeilen niederschrieb, war ein leidenschaftlicher und äußerst erfahrener Bergsteiger, ein Priester der Erzdiözese Mailand, Don Achille Ratti.

Am 16. Februar 1922, im 14. Wahlgang der Konklaveversammlung, die nach dem Tode Benedikts XV. (1914–1922) einberufen worden war, hatten sich die Kardinäle auf eben jenen Achille Ratti als neuen Pontifex Maximus geeinigt. Der norditalienische Geistliche war ein Wissenschaftler von ausgezeichnetem Ruf; er hatte sowohl der Biblioteca Ambrosiana in Mailand als auch der Apostolischen Bibliothek des Vatikans als Präfekt vorgestanden. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er als Apostolischer Visitator in Polen und Litauen, 1918 wurde er zum Päpstlichen Nuntius in Warschau ernannt. Im Konsistorium vom 13. Juni 1922 erhielt Achille Ratti den Roten Hut überreicht; für knapp acht Monate hatte er dann die Leitung des Erzbistums Mailand übernommen. Carlo Confalonieri, der Sekretär des Papstes, gab neugierigen Journalisten den Rat, sie sollten die alpinistischen Schriften Pius' XI. lesen, diese würden ein Charakterbild des Papstes vermitteln und das künftige Pontifikat verständlich machen.

„Pax Christi in Regno Christi – der Friede Christi im Reiche Christi“ legte sich Pius XI. als Wahlspruch zu. Noch am Tage seiner Wahl setzte der Papst erste Schritte; um die Präsenz Gottes und der Kirche in der Welt als unveräußerliches Recht geltend zu machen. Unverzüglich und ohne Furcht ging er die Aussöhnung des Heiligen Stuhles und der Katholiken mit dem italienischen Staat an. Der Weg dorthin sollte sich als schwierig erweisen. Doch das schreckte den Papst nicht ab. „Nicht jeder Weg darf beschritten werden“, hatte der Alpinist in ihm erkannt. Bedrohten die italienischen Faschisten die Rechte Gottes und seiner Geschöpfe in existenzieller Weise, ließ er die Gegenseite wissen, dass „Wir mit Menschen, die die Dinge so sehen, nicht zu verhandeln beabsichtigen“, auch wenn er sich in einer Ansprache an Seminaristen grundsätzlich dazu bereiterklärt hatte, um des Seelenheils willen „mit dem Teufel persönlich zu verhandeln“.

Das Anrecht der Gegenwart Gottes in jedem Winkel der Erde unterstrich Pius XI. durch eine Vielzahl von Handlungen. Im November des Heiligen Jahres 1925 setzte er für die Weltkirche das Fest „Christkönig“ verpflichtend ein, denn „während von Gott abgewandte Männer und Staaten in gegenseitigem Hass und inneren Zerwürfnissen dem Zerfall und dem Untergang entgegengehen, fährt die Kirche Gottes fort, der Menschheit die Speise des geistlichen Lebens zu reichen, gebiert und nährt für Christus heilige Kinder, Männer und Frauen, für Christus, der nicht ablässt, diejenigen zum ewigen Glück seines himmlischen Reiches zu berufen, die in seinem Reiche auf Erden ihm treu ergebene und gehorsame Untertanen waren“ (Quas primas, 3). Im Frühjahr 1928 unternahm der italienische Luftfahrtpionier Umberto Nobile eine Expedition in die Arktis. Das Luftschiff „Italia“ führte ein vom Papst geweihtes gewaltiges Metallkreuz mit sich. Am 24. Mai des Jahres, um 1.30 Uhr in der Nacht, ließ General Nobile das Siegeszeichen Christi über dem Nordpol abseilen.

Gegen Versuche, lokalen Kirchen eine nationalistische Prägung zu geben, ging der Papst mit entschiedener Schärfe vor; so bekämpfte er erfolgreich die schon von Pius X. verurteilte „Action francaise“ in Frankreich. Pius XI. musste erkennen, dass von staatlicher Seite aus autoritäre und totalitäre Übergriffe gegen die Kirche und das Christentum immer mehr das Leben der Gläubigen bestimmten, so in Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Russland und Mexiko. Er wurde zum Papst der Konkordate. Verträge mit den Ländern der Erde zu schließen, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat zu regeln, war dem Pontifex ein unaufschiebbares Anliegen. Und wenn es auch immer seltener gelang, die in den Abkommen gesicherten Rechte der Katholiken auf Dauer durchzusetzen, so besaß man durch die Konkordate zumindest eine völkerrechtliche Verankerung und einen moralischen Anspruch. Und auf gravierende Konkordatsverstöße wusste Pius XI. durchaus zu antworten.

Vor 75 Jahren, am 14. März 1937, setzte der Papst seinen Namenzug unter die bisher einzige in deutscher Sprache verfasste Enzyklika. Zu Palmsonntag wurde das im Geheimen gedruckte und verteilte Rundschreiben in allen Kirchen Deutschlands verlesen; es beginnt mit der Klage: „Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reiche Gottes gebracht hat.“ Das Schreiben des Papstes listete all jene Verstöße auf, deren sich die nationalsozialistischen Machthaber gegenüber dem Reichskonkordat, das im Juli 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossen wurde, schuldig gemacht hatten.

Aber die Enzyklika Pius' XI. war mehr als eine simple Klageschrift. Sie desmaskierte den Nationalsozialismus als Angriff auf Gott und Menschen. Über die Kirchenverfolgung hinaus entlarvte sie das Neuheidentum und den Rassismus der nationalsozialistischen Ideen und prangerte die Verletzungen der Menschenwürde und des Gewissens durch das Regime an. Die Enzyklika definierte sich durch das Gebot der Liebe, nicht durch den Hass: „Jedes Wort dieses Sendschreibens haben Wir abgewogen auf der Waage der Wahrheit und zugleich der Liebe. Weder wollten Wir durch unzeitgemäßes Schweigen mitschuldig werden an der mangelnden Aufklärung, noch durch unnötige Strenge an der Herzensverhärtung irgend eines von denen, die Unserer Hirtenverantwortung unterstehen und denen Unsere Hirtenliebe deshalb nicht weniger gilt, weil sie zurzeit Wege des Irrtums und des Fremdseins wandeln“ (Mit brennender Sorge, 50). Seine Botschaft schließt der Papst mit der Bitte um „die Damaskusstunde der Erkenntnis“, einem vergeblichen, aber gebotenen Wunsch.

Auf „Mit brennender Sorge“ folgten noch im selben Monat des Jahres zwei weitere bedeutende Rundschreiben. Mit „Divini redemptoris“ wandte sich Pius XI. am 19. März gegen die Verbrechen des Kommunismus; „Firmissimam Constantiam“ richtete der Pontifex am 28. März an die Kirche vom Mexiko, die unter ihren antichristlichen Machthabern schwer zu leiden hatte. Alle drei Enzykliken geben beredt Auskunft über ein Pontifikat in schwierigster Zeit. Sie bezeugen, wie ein Papst seinem Programm, dem Auftrag des Petrusdienstes, nachkam und treu blieb. Alle drei Enzykliken, im Besonderen „Mit brennender Sorge“, sind nicht nur bedeutsame Zeitdokumente, Spuren in der (Kirchen-)Geschichte; sie sind eine Lektüre, die kein Zerfallsdatum aufweist – und immer wieder aufs Neue verdient, in die Hand genommen zu werden.

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