Eine Einladung, auf Christus zu schauen

„Mariazell ist ein Stück unserer gemeinsamen Geschichte“, sagt der Prager Kardinal Dominik Duka. Von Stephan Baier
Foto: KNA | Das Gnadenbild von Mariazell.
Foto: KNA | Das Gnadenbild von Mariazell.

Mariazell (DT) Die marianische Frömmigkeit gehöre untrennbar zu jener Spiritualität, „die wir pietas austriaca nennen, und bildet einen wesentlichen Bestandteil auch der tschechischen und der mährischen Frömmigkeit“, sagte der Prager Erzbischof, Kardinal Dominik Duka, am Donnerstag in der Steiermark. In Mariazell, jenem steirischen Marienwallfahrtsort, der seit Jahrhunderten ein spirituelles Zentrum für die Christen des gesamten Donauraumes ist, betonte der Prager Kardinal am Hochfest Mariae Himmelfahrt die geistliche Verbundenheit der Katholiken Mitteleuropas: „Unsere Landsleute haben von den Slawenaposteln Kyrill und Method die Verehrung der Muttergottes übernommen. Sie ist und bleibt unsere Fürsprecherin und Schutzfrau.“ So habe sich durch die Rolle einer seltenen Abbildung der Madonna aus Stara Boleslav im Leben der Habsburger die marianische Spiritualität in Tschechien und Österreich ausgebreitet und vertieft.

Kardinal Duka erklärte die Glaubenswahrheit von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel als „Erhebung der zertretenen Menschenwürde“: „Jene große Würde des Menschen wird erhoben, die in den Grauen des Zweiten Weltkrieges, der Konzentrationslager, der Schoah zerstört wurde, jene Würde, die mit Füßen getreten wurde in der Diktatur und Willkür von tausenden sowjetischen Gulags, jene Würde, die in der Verfolgung der katholischen Kirche in allen Bereichen ihres Lebens missachtet wurde.“ In den Darstellungen der leiblichen und seelischen Aufnahme der Jungfrau Maria in die himmlische Herrlichkeit erschließe sich zugleich auch unsere eigene Zukunft. Den Mangel an biblischer Grundlage für das von Papst Pius XII. 1950 verkündete Dogma sah Duka in seiner Predigt in der Mariazeller Basilika keineswegs als Problem: „Wenn es uns auch an biblischen Aussagen mangelt, so dürfen wir uns bewusst sein, dass der lebendige Gott, der Gott der Menschen, nicht nur durch die Bibel zu uns redet, sondern auch durch das Leben des Gottesvolkes, durch das Leben der Kirche, durch das Leben der Menschen, der sein Ebenbild ist“.

Schon bei der traditionellen Lichterprozession am Vorabend des Hochfestes hatte Kardinal Duka in Mariazell die Verbindung der böhmischen Länder mit dem steirischen Gnadenort herausgestellt: „Ich wage, unser Mariazell zu sagen, da ich an die Wallfahrt des mährischen Markgrafen Heinrich Vladislav hierher zur Mutter der slawischen Völker, zur Mater Gentium Slavorum, denke.“ Bereits 1907, „in einer Zeit also, in der wir noch in einem gemeinsamen Staat lebten“, wurde die Wallfahrtskirche von Mariazell von Pius X. zur Basilika erhoben, wie Duka in Erinnerung rief. Wörtlich sagte der Kardinal: „Die Geschichte von Mariazell spiegelt, wie die Geschichte der marianischen Frömmigkeit ganz Mitteleuropas, unsere gemeinsame Vergangenheit wider. Mariazell ist ein Stück unserer gemeinsamen Geschichte.“ Duka nannte aber auch gemeinsame Herausforderungen in Europa und verwies zu deren Bewältigung in seiner Ansprache bei der Lichterprozession auf jene gemeinsamen Werte, die ihre Wurzel im christlichen Glauben haben: „Großherzigkeit, Solidarität, Ausdauer, Brüderlichkeit, Freude, Spiritualität.“

Auch der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari erinnerte am Mittwochabend an die länderübergreifende Bedeutung von Mariazell und an die Pilger aus Böhmen und Mähren: „Die Geschichte der katholischen Kirche in Böhmen und Mähren ist seit jeher auf vielfältige Weise mit der Geschichte der Kirche im heutigen Österreich verbunden.“ Trotz einer starken Entfremdung vom Christentum gebe es in Böhmen heute „auch verheißungsvolle Aufbrüche zu einem lebendigen Christentum durch weithin ausstrahlende Zellen“.

Das Gnadenbild von Mariazell stellte Bischof Kapellari als „eine Einladung, inständig auf Christus zu schauen“, vor: „Mit Maria auf Christus schauen und Christus anderen Menschen zu zeigen, ob sie als Christen tief im Glauben verankert oder lau geworden sind, ob sie anderen Religionen oder keiner Religion angehören – das ist die Botschaft des Gnadenbildes von Mariazell“, so Bischof Kapellari.

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