Ein „unglaublicher“ Besuch

Katholische Kirche in Pjöngjang: Kein Priester, kein Bischof, keine Getauften: In einem Land, in dem man trotz eines Verfassungsartikels, der die Religionsfreiheit garantiert, „nicht glaubt“ konnte ein Berichterstatter von „La Croix“ die katholische Kirche von Changchung in Pjöngjang besuchen. Eine Reportage. Von Dorian Malovic
Katholische Kirche in Pjöngjang: Kein Priester, kein Bischof, keine Getauften.
Foto: privat | Kirche

Der Toyota 4X4 fährt in den Hof hinein, und die Kirche taucht vor uns auf. An der schlichten Außenfassade in Weiß und Dunkelbraun lässt sich eine kleine Fensterrose und ein rechteckiges buntes Kirchenfenster entdecken, die auf dem Dachgiebel von einem Kreuz überragt werden. Zwei Kirchenbeauftragte im klassischen dunklen Anzug warten schon.

Am Vorabend hatte mein Reiseführer, Herr Pak, aufgrund meiner Anfrage mit seiner Assistentin telefoniert, um den Besuch der im Jahr 1988 erbauten katholischen Kirche in Changchung im Herzen der Hauptstadt Pjöngjang zu organisieren. Auch wenn ich in den vergangenen Jahren bereits Dutzende von Kirchen in China besichtigt hatte, war dieser Besuch der einzigen katholischen Kirche Nordkoreas doch eine Premiere. Herr Pak bekannte, dass er ebenfalls noch nie hierhergekommen war.

Nach einer kurzen Begrüßung stellt sich Kim Chol-un, der Präsident der Vereinigung der Katholiken von Korea vor und hebt dabei seinen christlichen Vornamen hervor: „Francisco, wie der Papst.“ Der Vizepräsident der Vereinigung, Cha Julio, jünger als der Präsident, öffnet die Pforte der Kirche. „Please…“, und fordert so zum Eintreten auf.

Große, farblose Kirchenfenster lassen das Licht einfallen, von dem das Kirchenschiff, die beiden Reihen von etwa zehn Sitzbänken aus Holz, der beidseitige Kreuzweg sowie zwei Gemälde von Maria und von Josef beleuchtet werden. Der Chor bleibt im Schatten – dieser wird von der Kerze für das Allerheiligste neben dem Tabernakel beleuchtet. An diesen Ort „kommen jeden Sonntagmorgen 150-200 Personen für 40 Minuten zum Beten“, versichert Francisco. „Sonntags feiern wir eine rituelle Zeremonie, dafür kommt während der Woche niemand. Sie sollten am Sonntag kommen, um sie kennenzulernen.“

Kim Chol-un erklärt, dass er selbst dem Gebet „vorsteht“. Aber wer sind die Gläubigen? Es sind entfernte Nachkommen von Katholiken, die heute alle älter als 60 Jahre alt sind. Nennen Sie sich katholisch? „Ja, unsere Vorfahren haben uns das Wissen darüber weitergegeben.“

Und in einem perfekten Englisch formuliert es Cha Julio noch deutlicher: „Natürlich sind wir durch unsere Urgroßeltern katholisch, und Petrus hatte unsere Vorfahren getauft.“

„Es gibt hier keinen Priester“, gibt Francisco zu. „Wir sind autonom und unabhängig, doch die Menschen, die hierherkommen, sind getauft, anderenfalls könnten sie nicht hereinkommen.“ Von wem getauft? „Sie haben sich seit den Anfängen Petri gegenseitig getauft.“ In seinen Augen würde das Sakrament der Taufe also naturgemäß von Generation zu Generation weitergegeben.

Doch wie lässt sich der Bau dieser einzigen katholischen Kirche des Landes im Jahr 1988 erklären? „Unser Führer Kim Il-sung hat uns vom japanischen Kolonialismus befreit. Danach hat der Koreakrieg 1950 alle Kirchen zerstört, und die Gläubigen haben sich im ganzen Land zerstreut“, erläutert Kim Chol-un, der versäumt, darauf hinzuweisen, wie Kim Il-sung nach seiner durch die UdSSR unterstützte Machteroberung im Jahr 1948 die Religionen ausmerzen wollte.

„Alle Kirchen sind zerstört, die Christen, Katholiken und Protestanten getötet oder in Lager geschickt worden“, ruft ein westlicher Missionar in Erinnerung zurück, der seit mehreren Jahrzehnten in Südkorea lebt und schon mehrere Male in diese Kirche von Pjöngjang kommen konnte. „Damals nannte man Pjöngjang das Jerusalem des Ostens. Tausende von Katholiken lebten hier. Doch die Stadt entbehrte jeglicher Religiosität. Die wenigen ausländischen Missionare, die Maryknolls (amerikanische Abzweigungen der Auslandsmissionen von Paris, A.d.R.) wurden des Landes verwiesen. Die katholischen Koreaner wurden verhaftet.“

Zu Beginn des Korea-Krieges, als die Truppen des Nordens Seoul in weniger als zwei Tagen einnahmen, wurden Dutzende Priester, Ordensleute und Katholiken als Geiseln genommen und bei dem in den Norden fortgebracht, was man als „Marsch des Todes“ bezeichnete. In dieser Gruppe gab es auch amerikanische Soldaten. Die Mehrheit von ihnen starb, ehe sie die chinesische Grenze erreicht hatten, wo sie befreit wurden. „Ein Priester der Auslandsmissionen von Paris hat überlebt“, erzählt noch der Missionar, „wie auch eine französischer Karmelitin sowie eine Schwester des heiligen Paulus von Chartres, glaube ich.“

Vor diesem erbarmungslosen historischen Hintergrund ist es nicht einfach herauszufinden, ob die Handvoll „Katholiken“, die man heute in Pjöngjang zu sehen bekommt, nach ihrer religiösen Abstammung ausgewählt wurden, doch das kann man kaum glauben. Für den Priester aus Südkorea „sind sie Bürger, die man ausgesucht hat, um am Sonntag diese Aufgabe zu erfüllen und der Welt zu zeigen, dass in Nordkorea Religionsfreiheit herrscht. Es sind Funktionäre“. Francisco jedoch erklärt, dass sie selbst es gewesen sind, die den „starken Wunsch“ geäußert hätten, „1988 den Bau einer Kirche zu erleben“. „Nachdem die Regierung informiert worden war, spendete Präsident Kim Il-sung ein Grundstück, Materialien sowie Geld für den Bau“, versichert er. Ihm zufolge gibt es 800 Gläubige in Pjöngjang und 3000 weitere, die in ganz Nordkorea verstreut sind. „Sogar ohne Priester können sie in kleinen Gruppen eigenständig bei sich zuhause beten.“ Diese Zahlen zirkulieren im Ausland, es sind immer dieselben, doch es ist unmöglich, sie zu überprüfen.

Protestantische südkoreanische Kirchen, die strikt antikommunistisch und konservativ eingestellt sind, verteidigen ihrerseits die Vorstellung einer christlichen Präsenz, die im Untergrund besteht beziehungsweise vom Regime unterdrückt wird. „Vielleicht sind ja einige in Peking getauft worden“, fragt sich unser Missionar aus dem Süden, „ich weiß es nicht. Ich selbst konnte mehrmals die Messe feiern, doch ich habe niemals die Kommunion gespendet – das ist nicht möglich, wenn sie nicht getauft sind. Übrigens meiden sie uns, und wir können nicht mit ihnen sprechen.“

Obwohl er weder Priester noch Diakon ist, und Ehefrau und zwei Kinder hat, versichert Francisco, dass er die Kommunion mit Hostien spendet, die von südkoreanischen Bischöfen oder Priestern konsekriert wurden, die in den letzten Jahren als offizielle Delegation kamen. „Auch ein amerikanischer Priester kommt hier manchmal zur Zelebration her. Er und die Südkoreaner lassen uns Hostien da, doch im Augenblick haben wir keine mehr“, bedauert er.

Als Kim Chol-un mich in die Sakristei bittet, zeigt er stolz ein Foto von Papst Johannes Paul II., wie er in den achtziger Jahren in Rom ein Ehepaar aus Nordkorea empfing. Knapp darüber ist ein schönes Foto vom lächelnden Papst Franziskus neben einer Ikone der Jungfrau mit schlitzförmigen Augen angebracht – ein Geschenk von den südkoreanischen Priestern. Offiziell ist der Bischof der Diözese Pjöngjang der Erzbischof von Seoul. In Pjöngjang ist offiziell kein einziger Priester im Amt. Kein einziges Zeichen oder Zeugnis lässt darauf schließen, dass eine „Untergrundkirche“ seit den Säuberungen von 1948 hätte überleben können.

Weder unterhalten der Vatikan und Nordkorea diplomatische Beziehungen noch gibt es irgendeinen Austausch, vergleichbar mit den Kontakten zwischen Rom und Peking, wo die Situation der Kirche nicht einfach ist. Mit Stolz holt Francisco eine wunderschöne Bibel (Altes und Neues Testament) hervor – „übersetzt von den Forschern der Universität Kim Il-sung“. Er sagt, er besitze noch eine weitere von den Südkoreanern übersetzte und noch eine auf Latein. Wie bringen diese „Gläubigen“ den Katechismus ihren Kindern bei? „Es gibt nichts zu lernen, und die jungen Leute möchten sonntags nicht kommen, aber wir halten unsere Kirche lebendig“, antwortet er.
Langsam setzt die Abenddämmerung ein. Der Abschied kommt näher. Bevor ich gehe, holt Francisco ein „Opferkästchen“ für gute Werke hervor, in das man Geld einwerfen kann. Kim Chol-un und Cha Julio haben ihre Arbeit getan. Herr Pak wartet gar nicht erst ab, bis der Wagen startet, um mich mit einer Flut von Fragen zuzuschütten: der Papst, die Kardinäle, die Kurie, die Bischöfe, die Priester, die Taufe, die Bibel, der Katechismus, die Sakramente, die Rituale, die Regeln, die Legitimität oder Legalität der Tätigkeit der Kirche von Pjöngjang. Das Abendessen war eine lange Diskussion über die katholische Weltkirche, über ihre sehr lange Geschichte und ihre Tätigkeit. Sie dauerte bis spät in die Nacht.

Aus dem Französischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

 

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