Ein Stern geht auf über Kastilien

Jubiläumsjahr in Ávila: Am 24. August 1562 gründete die heilige Teresa von Jesus das erste Reformkloster des Karmel. Von Regina Einig
Foto: reg | Verzückt vom Gedanken an ein Leben in Armut und Stille: Die Statue an der Stadtmauer unweit ihres Geburtshauses zeigt Teresa als geistliche Schriftstellerin.
Foto: reg | Verzückt vom Gedanken an ein Leben in Armut und Stille: Die Statue an der Stadtmauer unweit ihres Geburtshauses zeigt Teresa als geistliche Schriftstellerin.

Am Anfang stand eine Vision. Eines Tages nach der Kommunion habe der Herr ihr aufgetragen, ein Kloster zu errichten. „Ein Stern, der großen Glanz ausstrahlte“ sei ihr versprochen worden, schreibt die heilige Teresa von Jesus (1515–1582) in ihrem Lebensbericht. Ihrem druckempfindlichen Ordensprovinzial hatte die 47-jährige Karmelitin aus dem Menschwerdungskloster von Ávila nach einigem Hin und Her schließlich für den Plan gewonnen. Eine Gönnerin schenkte ihr das Startkapital.

Doch ehe Teresa kreuz und quer durch Kastilien und ins ungeliebte Andalusien reiste, um im Auftrag ihrer Oberen Klöster nach der ursprünglichen Regel des Karmel zu gründen, erlebte sie eine Mobbingkampagne. Es sollte nicht die letzte in ihrem Leben bleiben. „Geschwätz, Gelächter und Gerede, dass es Unsinn sei und dass es mir in meinem Kloster doch gut gehe“, berichtet Teresa in ihren Erinnerungen. Mit aller Macht stemmten sich Stadtrat und Domkapitel gegen den ersten reformierten Karmel. Noch mehr gottgeweihte Kostgängerinnen im beschaulichen Ávila? Bloß nicht. Sogar die Frommen sträubten sich. Auch unter den Betern „und letztlich im ganzen Ort gab es kaum jemanden, der damals nicht gegen uns gewesen wäre und es nicht für den größten Unsinn gehalten hätte“, schreibt Teresa.

Ohne einen Pfennig ans Werk

Außerhalb der Stadtmauern – „in guter Lage, wenn auch klein“, so die Heilige selbst –, war das Häuschen zunächst nur für dreizehn Ordensfrauen bestimmt. Der Diskretion halber hatten Teresas Schwester Juana de Ahumada und ihr Schwager Juan de Ovalla das Gebäude als privates Wohnhaus gekauft und dem jungen Konvent zur Verfügung gestellt. Die Hürden schienen trotz päpstlicher Breve vom 7. Februar 1562 unüberwindbar. „Ohne einen einzigen Pfennig in der Tasche“ habe sie Handwerker bestellt, erinnert sich Teresa. Der Herr habe ihr geholfen „auf Wegen, die alle, die davon hörten, in Staunen versetzten“. Am 24. August 1562 – dem Fest des heiligen Bartholomäus – wurde das Allerheiligste Altarsakrament feierlich eingesetzt und das Haus dem heiligen Josef geweiht. Vier Nonnen zogen in das provisorisch hergerichtete Gebäude ein. Teresa selbst wurde noch am Gründungstag abends wieder in ihr Kloster zitiert.

Erst um die Jahreswende 1562/63 konnte sie selbst in ihre Gründung umziehen. Zuvor hatte sie einen ihrer wenigen Unterstützer verloren: Am 19. Oktober war der heilige Petrus von Alcántara gestorben. Zu allen Widrigkeiten gesellten sich gerichtliche Auseinandersetzungen des jungen Konvents mit dem Stadtrat von Ávila. Er sollte sich in seinen Sitzungen von September bis Dezember 1562 noch häufiger mit dem Fall San José befassen.

San José wurde das Musterkloster der teresianischen Reform: alles blieb roh belassen, ohne Verputz, gerade so, dass es nicht gesundheitsschädlich war. Nichts sollte das kontemplative Leben in Stille und Armut stören. Mit der Rückkehr zur ursprünglichen Regel grenzte sich der erste reformierte Karmel von den Gewohnheiten im Menschwerdungskloster ab. Dort hatte Teresa von Avila als eine unter 150 Nonnen wie in einem Taubenschlag gelebt.

Stadtklöster hatten im sechzehnten Jahrhundert die Wahl zwischen festen Einkünften oder Betteln, um zu überleben. Für feste Einkünfte zahlte der Konvent einen hohen Preis. Verwandte und Wohltäter wollten bei Laune gehalten werden. Nach einem Vierteljahrhundert Trubel im Sprechzimmer des Menschwerdungsklosters kannte Teresa die Nachteile der konventionellen Sponsorenpflege zur Genüge. Ständige Unruhe als Gegenleistung für das Versorgtwerden? Nicht mit den Schwestern von San José. Die Unbeschuhten Karmelitinnen beteten und fasteten nicht nur nach der ursprünglichen Ordensregel, sondern arbeiteten auch für ihren Lebensunterhalt. Der erste reformierte Karmel sollte ein Freiraum für Frauen werden, die nach tieferer Innerlichkeit strebten. Armut statt Abhängigkeit, strenge Klausur statt lästiger Termine im Sprechzimmer und Pflichtbesuchen bei der feinen Gesellschaft Avilas. Die Konzilsväter von Trient sprachen Teresa mit ihrem strikten Klausurverständnis mehr aus der Seele als es die feministische Kirchengeschichtsschreibung der Gegenwart erahnen lässt.

Vierhundert Jahre, ehe im Zug der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils die Trennung zwischen Chor- und Laienschwestern aufgehoben wurde, fasste Teresa von Ávila einen revolutionär anmutenden Entschluss: Im standesbewussten Spanien des sechzehnten Jahrhunderts sollten gleichgesinnte Frauen ohne Unterschiede ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer Person ein Leben inneren Gebets miteinander führen. Gesunder Menschenverstand und Liebe zur kontemplativen Lebensweise zählten in Teresas Augen mehr als Vermögen. Vielversprechende Kandidatinnen wurden auch ohne Mitgift aufgenommen. Wie ernst es der „Madre“ und ihren Gefährtinnen mit der Rückkehr zur ursprünglichen Ordensregel war, bekam selbst der Königliche Hof zu spüren. Die launische Prinzessin Eboli scheiterte an der Lebensweise der Unbeschuhten Karmelitinnen kläglich. Am Wohlwollen des Königs für Teresa von Ávila änderte das nichts.

In San José schrieb die Heilige Klassiker der Mystik

In der mühsamen Gründungsphase von San José wuchs Teresas Verehrung für die heilige Klara von Assisi. Die unweit des Reformklosters lebenden Klarissen halfen den Karmelitinnen anfangs häufig aus. Klaras Fürsprache und Christus selbst schrieb Teresa zu, dass der Konvent von San José ohne festes Einkommen über die Runden kam, „denn ohne herumzubetteln, versieht uns Seine Majestät sehr ausreichend mit allem Notwendigen“. Lorenzo de Ahumada, der wie so viele Kastilier des sechzehnten Jahrhunderts sein Glück in der Neuen Welt suchte, schickte seiner Schwester Teresa aus Quito regelmäßig Geld.

Teresas Verständnis des Notwendigen war alles andere als spießig-kleinbürgerlich. Man schaue ihre Briefe und Bücher im Museum von San José an: edles Briefpapier mit eleganter Bordüre, die „Bekenntnisse“ des heiligen Augustinus, das „Tercer Abecedario Espiritual“, ein Meisterwerk der franziskanischen Mystik aus der Feder des Francisco de Osuna (1492–1541) und weitere geistliche Standardwerke des „Goldenen Zeitalters“. In einer Epoche, in der viele Frauen weder lesen noch schreiben konnten, verkörperte die weitgereiste und hochgebildete Teresa eine Ausnahme. Kommunikativ und parkettsicher wie sie war, schätzte sie die Bedeutung erfolgreicher Netzwerke für die Klostergründungen richtig ein. Ohne ihre unermüdliche Suche nach Mitstreitern in allen gesellschaftlichen Ständen wäre die Reform des Karmel vermutlich gescheitert.

Das schlichte granitfarbene Mutterkloster San José präsentiert sich heute als etwas verwinkelter Komplex aneinandergebauter Häuschen. Wer die Klosterkirche betritt, hört bei der Messe und beim Chorgebet junge Stimmen hinter schweren Vorhängen. Ein Gitter trennt den Nonnenchor links neben dem Hochaltar vom Kirchenschiff. Achtzehn Karmelitinnen leben heute in San José, die Jüngste ist zwanzig. Trotz einiger Umbauten erinnert noch vieles an die Gründerin: ihre Zelle, das Refektorium, die Statue des heiligen Josef über dem Eingangsportal, die ihr persönlich sehr gefiel, und ihr Sarg.

Im ersten Reformkloster des Karmel schrieb die vielbeschäftigte Teresa die Spiritualität ihres Ordens fort. Hier verfasste sie die Satzung der Unbeschuhten und beendete ihre Autobiografie sowie den Klassiker „Weg der Vollkommenheit“. Nach jahrzehntelanger geistlicher Suche war sie endlich am Ziel. In dem idyllisch gelegenen Konvent in der „Calle de las Madres“ erfüllte sich ihr Herzenswunsch: in aller Stille bei Christus wie bei einem Freund verweilen zu dürfen. Das erklärt auch, warum Teresa von Ávila die äußerlich so turbulenten Jahre in San José (1563–1567) rückblickend als „die ruhigste Zeit meines Lebens“ bezeichnete.

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