Ein scharfer Geist seiner Zeit

Der katholische Gelehrte und Publizist Joseph Görres engagierte sich vielseitig in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Von Clemens Schlip
Foto: KNA | Unbestechlicher Blick auf die Wirren seiner Zeit: Joseph Görres.
Foto: KNA | Unbestechlicher Blick auf die Wirren seiner Zeit: Joseph Görres.

Bis heute trägt die zur Zeit des Kulturkampfes gegründete „Görres-Gesellschaft“ als Vereinigung sich an der christlichen Tradition orientierender Wissenschaftler seinen Namen. Und in der Tat könnte es dafür kaum einen geeigneteren Namenspatron geben als Joseph Görres (1776–1848), der als vielseitiger Gelehrter und streitbarer katholischer Publizist dem deutschsprachigen Katholizismus des 19. Jahrhunderts seinen Stempel aufdrückte. Seine katholische Grundhaltung verband er dabei zeitlebens mit einem gesunden Patriotismus und einer freiheitlichen Gesinnung, die sich etwa in seinem Engagement für die Pressefreiheit ausdrückte. Zugleich jedoch war Görres ein entschiedener Gegner der gegen die christlich-abendländische Tradition gerichteten revolutionären Bewegungen. Seine in diesem Sinne geäußerte Warnung vor dem Kommunismus etwa sollte sich als prophetisch erweisen.

Die Historikerin Monika Fink-Lang, die bereits eine Edition von Briefen Görres? und eine umfangreiche Biographie vorgelegt hat, stellt den bedeutenden Publizisten und Gelehrten nun auch in einer kurzgefassten Taschenbuchmonographie vor. Trotz der erforderten Kürze gelingt es Fink dabei, eine Fülle von Quellenzeugnissen heranzuziehen, wovon schon der umfangreiche Anmerkungsteil Zeugnis ablegt.

Görres? Leben ist reich an inneren Wandlungen und überraschenden Wendungen in seinem äußeren Geschick. Als junger Mann ist der in Koblenz als Sohn eines kleinen Holzhändlers geborene Görres eine Zeitlang ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution in ihrer extremsten jakobinischen Ausrichtung, korrigiert diese Haltung aber rasch unter dem Eindruck der französischen Besetzung seiner Heimatstadt und kehrt schrittweise zum Katholizismus zurück. Bald wird er Teil der romantischen Bewegung im deutschen Geistesleben, die er unter anderem durch naturphilosophische Schriften und Studien zur altorientalischen und altdeutschen Literatur bereichert. Die hier zutage tretende Vielseitigkeit der Interessen ist für Görres charakteristisch. Einmal klagt er darüber, dass er eigentlich „ein halbes Dutzend Nebenleben“ bräuchte, um allen seinen Interessen gerecht werden zu können. Berühmtheit erlangte von seinen gelehrten Schriften besonders auch das Alterswerk „Die christliche Mystik“, ein wertvolles Sammelwerk, das freilich durch seine dämonologischen Partien auch eine von Görres wohl kaum gewünschte Rezeption in esoterischen Kreisen erfahren hat. Zu seinen vielen Interessen gehört zeitlebens auch die Tagespolitik, wobei Görres seine freiheitliche Grundhaltung niemals verleugnet. In der von ihm herausgegebenen Zeitung „Der rheinische Merkur“ kämpft er publizistisch gegen die Despotie Napoleons. Später, nachdem das Rheinland an Preußen gefallen ist, übt Görres offen Kritik an der Verdrängung der einheimischen rheinländischen Katholiken durch die zugewanderten protestantischen Beamten des preußischen Staates. Die wechselseitigen Irritationen zwischen dem streitbaren Publizisten und der preußischen Bürokratie führen schließlich 1819 dazu, dass Görres seine Heimat verlassen muss. Nach Jahren im Elsass und in der Schweiz wird Görres 1827 von dem bayerischen König Ludwig I. als Professor nach München berufen. Besondere Berühmtheit erlangen seine Vorlesungen zur „Universalgeschichte“, in denen er die Prinzipien einer christlichen Geschichtsphilosophie entfaltet. Zu seinen Hörern in München gehören unter anderem der spätere „Sozialbischof“ Wilhelm Emmanuel Ketteler und der „Gesellenvater“ Adolph Kolping.

Von Anfang an wird Görres? Wirken in München von der liberalen Partei mit Abneigung und Misstrauen verfolgt. Daraus resultiert eine von beiden Seiten erbittert ausgetragene publizistische Auseinandersetzung. Görres macht kein Geheimnis daraus, dass er die innersten Beweggründe seiner Gegner durchschaut. Diesen attestiert er einen „Hass gegen alle Religion und allen Glauben, vorzüglich den katholischen, und gegen jede Ordnung der Dinge, die darauf gegründet ist“ und dass sie den Katholizismus offensichtlich als „eine Art von geistigem Idiotism und Kretinism“ betrachten. Bemerkungen, die zeigen, dass sich die weltanschaulichen Frontstellungen seit damals nicht allzusehr verändert haben.

In Görres? Todesjahr (1848) fällt zugleich die Entfremdung Ludwigs I. von der katholischen Partei, nachdem diese gegen die Verleihung des Gräfinnentitels an seine Geliebte Lola Montez protestiert hatte. Bei Görres? Begräbnis darf keine Gedächtnisrede gehalten werden, ein studentischer Fackelzug zu Ehren des Verstorbenen wird polizeilich verboten.

Da es sich bei der vorliegenden Monographie um eine kurze Darstellung handelt, bleibt die Ausseinandersetzung mit den weltanschaulichen Wandlungen Görres? weitgehend deskriptiv, ohne die inneren Ursachen im Einzelnen zu verdeutlichen. Dennoch gelingt es Fink, durch ihre Ausführungen deutlich zu machen, dass es sich auch heute noch lohnt, bei Görres in die Schule gehen. Görres stand weder für einen Katholizismus, der sich in die Sakristei zurückzieht, noch für einen, der seine öffentliche Wirksamkeit auf bloßes karitatives Engagement beschränkt. Görres wusste, dass die Kirche auch auf dem politischen Feld und im Bereich der öffentlichen Meinung verteidigt werden muss. Er nutzte dabei alle Möglichkeiten, die ihm das im 19. Jahrhundert aufblühende Pressewesen bot. Dabei war Görres auch nach seiner Retroversion zum Katholizismus nie der Vertreter einer plumpen Restaurationspolitik, wie sie etwa von den europäischen Fürsten im Rahmen der „Heiligen Allianz“ betrieben wurde. Nicht mit „wurmstichigen, verrosteten und morschen Institutionen“ könne Europa gerettet werden, schrieb er 1822. Die Ablehnung der absolutistischen Staatsform blieb eine Konstante in seinem Denken. Seine steten Forderungen nach der Freiheit der Kirche von staatlicher Gängelung waren ein logisches Resultat aus dieser Haltung. Besonders deutlich artikulierte er seine Überzeugung anlässlich des „Kölner Ereignisses“ von 1837, als der Konflikt zwischen dem Kölner Erzbischof Droste zu Vischering und dem preußischen Staat hinsichtlich der konfessionellen Mischehen eskalierte und zur Inhaftierung des prinzipientreuen Erzbischofs führte. Görres reagierte darauf mit der Streitschrift „Athanasius“. Die nach dem streitbaren alexandrinischen Kirchenvater benannte Schrift war von entscheidender Bedeutung für die Formierung eines politischen Katholizismus in Deutschland.

Der Autorin gelingt es, beim Leser das Interesse nach einer persönlichen Beschäftigung mit dem Werk von Joseph Görres zu wecken. Insofern erweist sie ihrem Gegenstand einen großen Dienst. Als knappe und konzise Einführung in Leben und Werk einer der bemerkenswertesten Gestalten des deutschsprachigen Katholizismus ist dieses Taschenbuch sehr gut geeignet.

Monika Fink-Lange: Joseph Görres. Ein Leben im Zeitalter von Revolution und Restauration. Lahn-Verlag (topos Taschenbuch 1024), Kevelaer 2015, Taschenbuch, 173 Seiten, ISBN 978-3-8367-1024-4, EUR 9,95

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