„Ein Licht, das nicht blendet“

Bei der Begegnung mit den Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens in der Kathedrale von La Paz erinnert der Heilige Vater daran, dass der Glaube nicht auf die Privatsphäre reduziert werden kann – 8. Juli 2015

Papst Franziskus hat kurz nach seiner Ankunft in Bolivien in der Kathedrale von La Paz Vertreter des öffentlichen Lebens getroffen. Hier seine Rede in der ganzen Fassung; spontane Zusätze, die der Papst gemacht hat, sind in den Text eingearbeitet:

„Bruder Präsident, Brüder und Schwestern, ich freue mich über diese Begegnung mit Ihnen, den Vertretern der Politik und des öffentlichen Lebens in Bolivien, den Mitgliedern des Diplomatischen Korps und den Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur und der ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ich danke meinem Bruder, dem Erzbischof dieser Kirche von La Paz, Edmundo Abastoflor für seine herzliche Begrüßung. Bitte gestatten Sie mir, dass ich mit einigen Worten der Ermutigung antworte, was die Aufgabe betrifft, die ein jeder von Ihnen verrichtet. Und ich danke Ihnen für diese Hilfe, die Sie mir mit dem Zeugnis Ihres herzlichen Empfangs geben; Sie ermuntert mich zum Weitermachen. Vielen Dank.

Wir alle hier Anwesende teilen ein jeder auf seine Weise die Berufung, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Vor fünfzig Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil das Gemeinwohl bezeichnet als „die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen“ (Gaudium et spes, 26). Danke Ihnen für Ihr Bestreben – gemäß Ihrer jeweiligen Rolle und Aufgabe –, dass die Menschen und die Gesellschaft sich entwickeln, die Vollendung erreichen. Ich bin mir sicher, dass Sie bei diesem Einsatz für das Gemeinwohl nach dem Schönen, Wahren und Guten streben. Möge diese Anstrengung immer beitragen zu einem Wachstum in einer größeren Achtung für die menschliche Person als solcher mit ihren grundlegenden und unveräußerlichen Rechten im Hinblick auf ihre ganzheitliche Entwicklung sowie in einem größeren Respekt für den sozialen Frieden, das heißt der Stabilität und der Sicherheit einer bestimmten Ordnung, die ohne ein besonderes Augenmerk auf die distributive Gerechtigkeit nicht zu verwirklichen ist (vgl. Enzyklika Laudato si?, 157). Einfach gesagt: Der Reichtum muss verteilt werden.

Auf dem Weg vom Flughafen zur Kathedrale konnte ich die Gipfel des Hayna Potosi und des Illimani bewundern, des „jungen Berges“ und des Berges, der auf den „Ort, von dem aus die Sonne aufgeht“, weist. Ich habe auch gesehen, wie sich viele Häuser und Viertel kunstgerecht mit den Hängen vermischten, und habe einige Werke ihrer Baukunst bewundert. Die natürliche Umwelt und die soziale, politische und wirtschaftliche Umwelt stehen in enger Beziehung zueinander. Dies treibt uns an, die Grundlagen zu einer ganzheitlichen Ökologie – das ist ein Gesundheitsproblem! – zu legen, die klar alle menschlichen Dimensionen einschließt, um die ernsten Umwelt- und Sozialprobleme unserer Tage zu lösen ... Andernfalls werden die Gletscher auf diesen Bergen weiter zurückgehen, und auch die Logik des Empfangens, das Bewusstsein für die Welt, die wir denen, die nach uns kommen, hinterlassen wollen, ihre allgemeine Ausrichtung, ihr Sinn und ihre Werte werden sich wie diese Gletscher zurückziehen (vgl. Enzyklika Laudato si?, 159–160). Und dessen muss man sich bewusst werden. Ganzheitliche Ökologie – um das mal zu entwickeln – bedeutet Ökologie der Mutter Erde, die Mutter Erde bewahren; menschliche Ökologie, uns umeinander kümmern; und soziale Ökologie...

Da alles in Beziehung zueinander steht, brauchen wir einander. Wenn sich die Politik von der Finanzspekulation beherrschen lässt oder die Wirtschaft sich nur nach dem technokratischen und utilitaristischen Paradigma der maximalen Produktion richtet, dann wird man auch die großen Probleme, welche die Menschheit betreffen, nicht verstehen, geschweige denn lösen können. Es ist auch die Kultur vonnöten, zu der nicht nur die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen in der Wissenschaft und die Fähigkeit, in der Kunst Schönheit zu schaffen, gehören, sondern auch die örtlichen Volkstraditionen – auch das ist Kultur! – mit ihrer besonderen Sensibilität für die Umwelt, aus der sie hervorgegangen sind und der sie Sinn verleihen. Gleichermaßen braucht es eine ethische und moralische Bildung, die zu einer Haltung der Solidarität und der Mitverantwortung unter den Menschen erzieht. Wir müssen die spezifische Rolle der Religionen bei der Entwicklung der Kultur und den Nutzen, den sie für die Gesellschaft beisteuern können, anerkennen. Wir Christen insbesondere sind als Jünger der Guten Nachricht Träger einer Heilsbotschaft, die in sich über die Fähigkeit verfügt, die Menschen zu veredeln und zu hohen Idealen anzuregen – Ideale, die in der Lage sind, zu Handlungslinien zu bewegen, die über individuelle Interessen hinausgehen, und darauf einzustimmen, die Fähigkeit zu Verzicht zugunsten anderer, die Solidarität und die anderen Tugenden, die uns halten und vereinen, zu entwickeln. Diese Tugenden, die sich in Ihrer Kultur auf so einfache Weise in diesen drei Geboten ausdrücken: nicht lügen, nicht stehlen und nicht faul sein!

Wir müssen allerdings aufpassen, weil wir uns allzuleicht an das Umfeld der Ungleichheit gewöhnen, die uns umgibt, dass wir unsensibel geworden sind für ihre Äußerungen. Und so verwechseln wir, ohne es zu bemerken, das „Gemeinwohl“ mit „Wohlstand“, und da kommt das etwas ins Kippen, immer mehr, und aus Gemeinwohl wird schließlich Wohlstand – vor allem dann, wenn wir selbst ihn genießen. Der Wohlstand, der sich allein auf den materiellen Überfluss bezieht, neigt dazu, egoistisch zu sein, parteiische Interessen zu verteidigen, nicht an die anderen zu denken und der Versuchung des Konsumismus nachzugeben. So verstanden brütet der Wohlstand, anstatt zu helfen, mögliche Konflikte und soziale Auflösung aus. Als beherrschende Sicht, die sich durchgesetzt hat, gebiert er das Übel der Korruption, das sehr entmutigt und großen Schaden anrichtet. Das Gemeinwohl hingegen ist mehr als die Summe der Einzelinteressen; es ist der Schritt von dem, was „besser für mich“ ist, zu dem, was „besser für alle“ ist, und beinhaltet all das, was einem Volk Zusammenhalt verleiht: gemeinsame Ziele, gemeinsame Werte, Ideale, die helfen, den Blick über die individuellen Horizonte hinaus zu richten.

Die verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsträger haben die Verantwortung, zum Aufbau der Einheit und der Entwicklung der Gesellschaft beizutragen. Die Freiheit ist stets der beste Kontext, damit die Denker, die Bürgervereinigungen, die Kommunikationsmittel mit Eifer und Kreativität ihre Funktion im Dienst des Gemeinwohls ausüben. Auch die Christen, die berufen sind, Sauerteig im Volk zu sein, bringen ihre Botschaft in die Gesellschaft ein. Das Licht des Evangeliums Christi ist nicht Eigentum der Kirche; sie dient ihm vielmehr, die Kirche muss dem Evangelium Christi dienen, so dass es die Grenzen der Erde erreicht. Der Glaube ist ein Licht, das nicht blendet; die Ideologien blenden, der Glaube blendet nicht, der Glaube ist ein Licht, das nicht verdunkelt, sondern voll Respekt das Gewissen und die Geschichte jedes Menschen und jedes menschlichen Miteinanders erhellt und leitet. Respekt. Das Christentum hat bei der Bildung der Identität des bolivianischen Volkes eine wichtige Rolle gespielt. Die Religionsfreiheit – so wie dieser Ausdruck gewöhnlich im öffentlichen Bereich verstanden wird – erinnert uns auch daran, dass der Glaube nicht auf die bloße Privatsphäre reduziert werden kann. Er ist keine Subkultur. Es wird eine Herausforderung für uns sein, die Entwicklung der christlichen Spiritualität und des christlichen Glaubens, des christlichen Einsatzes in sozialen Werken anzuregen und zu fördern, indem wir das Gemeinwohl über die sozialen Werke weiter ausdehnen.

Unter den gesellschaftlichen Handlungsträgern möchte ich die Familie hervorheben, die allseits aus so vielen Gründen bedroht ist, durch häusliche Gewalt, Alkoholismus, Chauvinismus, Drogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, öffentliche Unsicherheit, Vernachlässigung der alten Menschen, Straßenkinder und durch die Annahme von Pseudolösungen, die von Sichtweisen kommen, die nicht gesund sind für die Familie, sondern die deutlich von ideologischen Kolonisierungen herkommen… Viele sind die sozialen Probleme, welche die Familie löst, und in Stille löst, es sind so viele. Die Familie nicht zu fördern heißt, die Schwächsten ohne Schutz zu lassen.

Eine Nation, die das Gemeinwohl anstrebt, kann sich nicht in sich selbst verschließen. Die Netze der Beziehungen festigen die Gesellschaften. Das Problem der Migration in unseren Tagen zeigt es. Die Entwicklung der Diplomatie mit den Nachbarländern, um Konflikte zwischen Brudervölkern zu vermeiden und zum freimütigen und offenen Dialog über die Probleme beizutragen, ist heute unerlässlich. Und ich denke hier an das Meer: Dialog ist unerlässlich. (Bolivien verhandelt mit Chile um einen Zugang zum Meer, den es nach einem Krieg verloren hat, A.d.Red.) Brücken bauen anstatt Mauern aufrichten! Brücken bauen anstatt Mauern aufrichten! Für alle Themen, so heikel sie auch sein mögen, gibt es gemeinsame, vernünftige, gerechte und dauerhafte Lösungen. Und in jedem Fall dürfen sie nie Grund zu Aggressivität, Argwohn oder Feindschaft sein, welche die Situation weiter verschlimmern und die Lösung schwieriger machen.

Bolivien macht gerade einen historischen Moment durch: die Politik, die Welt der Kultur, die Religionen nehmen teil an dieser schönen Herausforderung der Einheit. In diesem Land, wo die Ausbeutung, die Geldgier, die vielfachen Egoismen und die sektiererischen Sichtweisen seine Geschichte überschattet haben, kann heute die Zeit der Integrationen stattfinden. Und auf diesem Weg gilt es zu gehen. Heute kann Bolivien „neue kulturelle Synthesen schaffen“, es ist dazu imstande mit seinem Reichtum. „Wie schön sind die Länder, die das krankhafte Misstrauen überwinden und die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind sie, wenn sie reich sind an Räumen, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 210)! Bolivien ist bei seiner Integration und bei seiner Suche nach Einheit gerufen, diese „vielgestaltige Harmonie, die anzieht“ (ebd., 117), zu sein, und die anzieht auf den Weg hin zur Konsolidierung des großen Vaterlands.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Ich bitte den Herrn, dass Bolivien, „diese reine und schöne Erde“, immer weiter voranschreitet, um diese „glückliche Heimat, wo die Menschheit das Gut der Glückseligkeit und des Friedens lebt“, zu sein. Die Jungfrau Maria behüte Sie, und der Herr schenke ihnen reichen Segen. Und bitte, bitte, vergessen Sie nicht, für mich zu beten. Vielen Dank.“

Quelle: Radio Vatican

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