„Ein Leben ohne Jesus ist wie ein Handy ohne Netz“

Endlich kamen sie in Massen: Die Heiligjahr-Feier der Jugend in Rom – Franziskus hört Beichte auf dem Petersplatz. Von Guido Horst
Foto: dpa | Der Petersplatz verwandelte sich am Wochenende in einen großen Beichtstuhl. Unter den Beichtvätern saß Papst Franziskus.
Foto: dpa | Der Petersplatz verwandelte sich am Wochenende in einen großen Beichtstuhl. Unter den Beichtvätern saß Papst Franziskus.

Rom (DT) Am Ende, nach Messe und Gebet des „Regina coeli“, war es wie zu Beginn seines Pontifikats: Weit konnte Papst Franziskus auf seinem offenen Papamobil die Via della Conciliazione hochfahren, auch diese Prachtstraße zum Petersplatz war gut gefüllt mit Menschen. Das „Jubiläum der Jungen und Mädchen“ hatte die Jugend zum Heiligen Jahr nach Rom gebracht – siebzigtausend, zumeist aus den italienischen Diözesen, einige Teilnehmer auch aus Frankreich, Spanien oder Belgien. Zielgruppe dieser Großveranstaltung zum Barmherzigkeits-Jahr waren die 13- bis 16-Jährigen, über zwei Tage füllten sie die Ewige Stadt: am Samstag zum Beichten und Durchschreiten der Heiligen Pforte, abends dann zu einem Konzert im Olympia-Stadion, am Sonntag zum Gottesdienst mit dem Papst und gestern am Montag, der in Italien staatlicher Feiertag zur Erinnerung an die Befreiung von den Deutschen ist, zur Fortsetzung des Zugs durch die Heiligen Pforten.

Die Messe auf dem Petersplatz war betont schlicht. Jugendliche brachten die Gaben zu Papst Franziskus und trugen die Lesungen vor – ansonsten erinnerte nichts an die Inszenierungen von Jugendgottesdiensten, wie sie noch unter Johannes Paul II. üblich waren. Spruchbänder oder Transparente waren während der Messfeier nicht zu sehen, erst am Ende hielt man sie in die Höhe – keine Hinweise auf Bewegungen oder junge geistliche Gemeinschaften, sondern Grüße aus Pfarreien und Diözesen. Wenn es ein Zeichen für die Mitgliedschaft in besonderen Vereinigungen gab, dann waren es die zahlreichen Uniformen italienischer Pfadfindergruppen, die viele der jungen Leute trugen.

Der Samstag hatte mit einer Überraschung begonnen. Zu den etwa hundertfünfzig Priestern, die rund um den Petersplatz vor den Kolonnaden saßen, um den Jugendlichen die Beichte abzunehmen, begab sich auch Papst Franziskus. In Begleitung von Erzbischof Rino Fisichella, der als Präsident des Neuevangelisierungsrats einer der Hauptorganisatoren des Heiligen Jahrs ist, war der Papst zu Fuß vom Gästehaus Santa Marta zum Petersplatz gegangen und hatte auf einem der grauen Plastikstühle Platz genommen. Mit sechzehn Jungen und Mädchen sprach Franziskus und erteilte ihnen die Absolution. Es war der Namenstag des Papstes, der Festtag des heiligen Georg.

Und da er an dem abendlichen Festival im Olympiastadion nicht teilnehmen konnte, hatte Franziskus allen Jugendlichen eine Videobotschaft gesandt. Man sah den Papst am Schreibtisch mit einem Smartphone in der Hand, das er in die Kamera hielt: Es hatte kein Netz. „Ohne Jesus gibt es keinen Empfangsnetz für den Glauben!“, sagte Franziskus auf das Smartphone weisend. „Wie oft passiert es einem, dass man Freunde anrufen will, aber es klappt nicht, weil das Handy nicht funktioniert... Nun denn, erinnert euch daran: Wenn in eurem Leben Jesus fehlt, dann ist es genauso wie mit dem fehlenden Handy-Empfang! Man kann nicht sprechen und verschließt sich.“

Deshalb empfahl der Papst, sich immer dorthin zu begeben, wo dieses „Glaubensnetz“ angezeigt werde. Das könne in der Familie, der Pfarrei oder der Schule sein. „Denn in dieser Welt gibt es immer Gelegenheiten, etwas Gutes und Wahres zu sagen“, so der Papst weiter. Der Papst ermutigte in seiner Videobotschaft zur Vergebung. Der Wunsch nach Rache wegen einer Beleidigung oder Verletzung führe zu nichts. „Er ist ein Wurm, der die Seele auffrisst und uns nicht mehr erlaubt, glücklich zu sein“, so Franziskus. Auch erklärte Franziskus die Bedeutung der Heiligen Pforte im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Dieses „offene Tor“ sei ein Sinnbild für das „offene Herz des Herrn“. Deshalb sei jeder Gläubige dazu aufgerufen, ebenfalls zu vergeben und für seine Mitmenschen da zu sein. „Vergeben wir! Vergeben wir und vergessen wir das Leid, das uns zugefügt wurde. Auf diese Weise können wir die Lehre Jesu verstehen und seine Jünger und Zeugen der Barmherzigkeit sein.“

Für eine weitere Überraschung sorgte Franziskus am Sonntagnachmittag. Während sich die Jugendlichen nach der Messe und dem Regina Coeli auf dem Petersplatz in der römischen Innerstadt auf sieben Plätze verteilten, wo es in „Zelten der Barmherzigkeit“ Glaubenserfahrungen und Zeugnisse über die Werke der Barmherzigkeit zu hören gab, verließ der Papst nochmals mit dem Auto und in Begleitung von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin den Vatikan, um die Veranstaltung „Villaggio per la terra“ (Erdendorf) im Park der Villa Borghese zu besuchen. Die Fokolarbewegung hatte das Treffen organisiert – am Freitag war der „Tag der Erde“ begangen worden. In einer kurzen Ansprache lobte Franziskus die Friedensarbeit der Gemeinschaft. „Ihr macht eine gute Arbeit. Ihr macht aus der Wüste einen Wald“, meinte er. Probleme und Konflikte löse man nicht, indem man sich abwende, sondern sie müssten angegangen werden. Heute bedrohe der „Gott des Geldes“ die Menschlichkeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, so der Papst weiter. Wer zahlen könne, dem gehe es gut, wer nicht, der ende oft in Hunger, Krankheit und Ausbeutung. Das Schlüsselwort für eine gerechte Gesellschaft sei deshalb das der Gratuität, was man mit „Kostenlosigkeit“ übersetzen könnte. Nach etwa einer Stunde, in der Franziskus auch vielen Menschen die Hand geschüttelt hatte, fuhr er wieder zurück in den Vatikan.

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