Ein Leben für die Priester

Krankheit als Apostolat: Ein bewegendes Porträt der französischen Mystikerin Marthe Robin. Von Klaus-Peter Vosen
Foto: IN | Marthe Robin.
Foto: IN | Marthe Robin.

In der katholischen Kirche Frankreichs ist die Erinnerung an die in Deutschland nicht allzu bekannte Marthe Robin (1902–1981) sehr lebendig. Theresia Westerhorstmann hat diesen Mangel entdeckt und den Versuch unternommen, Marthe dem deutschen Publikum und insbesondere den Priestern vorzustellen. Das Anliegen ist berechtigt. Die Autorin möchte den vielfach äußerlich wie innerlich angefochtenen Geweihten gerade auch vor dem Hintergrund des kaum bewältigten Missbrauchsskandals die gute Wegweisung vermitteln, die Marthe Robin für die Priester von Christus empfing.

Westerhorstmann vermag die Persönlichkeit Marthe Robins überzeugend darzustellen, die als ein Zeichen der Nähe Gottes in eine glaubensfremde, ja zum Teil sogar religionsfeindliche Umwelt hineingestellt und berufen war, durch die „Foyers de Charité“, Lebensgemeinschaften von gläubigen Priestern und Laien, die sich auf dem Gebiet von Exerzitien und Einkehrtagen für ihre Mitwelt engagierten und bis heute apostolisch einsetzen, Menschen Christus entgegenzuführen. Marthe stammte aus einfachen, bäuerlichen Verhältnissen, hatte viel mit Krankheit und Schwäche zu kämpfen, war jahrzehntelang – wie wir es häufig bei Mystikerinnen finden – bettlägerig und ernährte sich nur noch von der Eucharistie. Dennoch war sie eine frische und natürliche Frau. Obwohl sie den Hauptschulabschluss krankheitsbedingt nicht hatte machen können, attestierten Zeitgenossen ihr ein staunenswertes Wissen in den verschiedensten Sparten und Weisheit. Das „Genie“ der Marthe Robin war erkennbar von Christus gewirkt. Er lebte in ihr und durchdrang sie mit seinem Licht, sodass sie das paulinische „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ wohl mit Berechtigung nachsprechen durfte. Die Weisungen fanden ihre Bestätigung durch den Gang der Ereignisse.

Die Beziehung Marthe Robins zu den Priestern, ihre liebende Zuwendung zu diesen, ist der Mystikerin durch Christus selbst als großer Lebensinhalt gezeigt worden. Nach ihren Privatoffenbarungen hat der Herr zu ihr gesagt: „Widme all dein Leiden meinen Priestern, welche meiner Mutter und mir so lieb sind. Gib mir all dein Leiden, welches dich jetzt peinigt, all deine Schmerzen, in welche dich meine Liebe tauchen will, gib mir dein Alleinsein und die Einsamkeit, in welche ich dich tauche, all das gib mir ohne Unterlass für meine Priester. Biete dich mit mir dem Vater an für sie; habe nicht Angst, zu sehr für meine Priester leiden zu müssen, sie brauchen dies wirklich sehr, ich tue dies in dir für sie.“ Marthe Robin hat diesem Heilandsruf Folge geleistet. Von den wohl über 100 000 Menschen, die in ihren Nöten hilfesuchend zu ihr kamen, waren über 600 Priester und Bischöfe. Sie fühlten sich angezogen und angesprochen durch Marthes Humor, besonders aber durch frohe und schnörkellose katholische Gläubigkeit, die sie unter anderem auch in eine besondere geistliche Nähe zur heiligen Theresia vom Kinde Jesus (1873–1897) brachte.

Ganz im Geiste dieser Kirchenlehrerin war zum Beispiel Marthes Verehrung der Gottesmutter, wenngleich in der „Opfer-Spiritualität“ zwischen Theresia und Marthe keine völlige Deckungsgleichheit zu bestehen scheint. Im Wesentlichen aber besteht Einigkeit; „ganz klein“ wollen beide sein. Und wie Theresia in Gebet, Opfer und Ermutigung sich besonders für die Missionare einsetzt, so Marthe Robin für die Gemeindeseelsorger, für jene unter ihnen, die sie aufsuchen, wie für die anderen, die ihr persönlich unbekannt bleiben. Ihre „Passion für die Priester“ hat nach Jesu Worten Anteil an seinem Leiden. Das wird nicht zuletzt dadurch besiegelt, dass sie ab Oktober 1930 die Wundmale Christi trug. Gerade auch die schon angesprochene marianische Frömmigkeit Robins ist in ihrer Ausprägung schön und ermutigend. So sagt Marthe über die Mutter Gottes, die ihr oft als Gnadenmittlerin erschien: „Man wird [bei ihren Erscheinungen] nicht dazu getrieben, niederzuknien, sondern sich ihr in die Arme zu werfen“. Maria ist für sie wahrhaft jene, die der Schlange den Kopf zertreten hat. Satan hat nach Marthes Erfahrungen mit seinen Quälereien, unter denen die Mystikerin gelitten hat, sofort ausgespielt, wenn Maria auftritt: „Wenn die Mama erscheint, vermag er absolut nichts gegen sie. Nichts. Sie ist so schön, nicht nur ihr Gesicht. ... Er hat keinerlei Gewalt über sie. Wenn sie erscheint, welche Flucht, welcher Sturz all dieser Dämonen.“

Nur wenige Kritikpunkte erheben sich bezüglich des Marthe-Robin-Buchs von Theresia Westerhorstmann. Der Begriff der „Wellnessgnade“ ist hochgradig misslungen, insofern eine übernatürliche Gabe hier auf die Ebene einer oft genug höchst irdisch-missverstandenen Angelegenheit gezerrt erscheint. Die Erwähnung von Medjugorje wäre verzichtbar gewesen. Und wird die Vermutung über die Unehelichkeit Marthe Robins nicht durch Marthes Ausspruch über das „eigene Fleisch und Blut“ und Westerhorstmanns Betonung der Ähnlichkeit von Vater und Tochter (ebd.) nicht schon (ein Stück zumindest) widerlegt?

Trotz dieser Punkte darf man dem Buch eine positive und aufbauende Wirkung bescheinigen. Es ist bestens lesbar und gehört in die Hände vieler Leser, besonders von Priestern.

Theresia Westerhorstmann, Passion für die Priester. Die besondere Sendung der Marthe Robin, Be&Be-Verlag: Heiligenkreuz 2012, 232 Seiten,

ISBN: 978-3-902694-38-6, EUR 9,80

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