Ein kleines Kind, der ewige Gott

Lobpreis der frühen Kirche: Der byzantinische Dichter Romanos der Melode und sein Weihnachtslied. Von Michael Karger
Foto: KNA | Festtagsikone aus Nowgorod 15. Jahrhundert.
Foto: KNA | Festtagsikone aus Nowgorod 15. Jahrhundert.

„Die Jungfrau gebiert heute den über allem Sein Seienden,/ und die Erde bietet dem Unzugänglichen eine Höhle dar./ Engel lobsingen mit den Hirten,/ die Weisen ziehen ihren Weg mit dem Stern:/ Denn geboren wurde für uns/ ein kleines Kind, der ewige Gott.“ So beginnt das Weihnachtslied des byzantinischen Dichters Romanos, genannt der Melode (griechisch: Lieddichter, Sänger). Die Einleitung erscheint wie die Zusammenfassung der auf der Ikone zum Geburtsfest Christi dargestellten Ereignisse: Engel und Menschen singen das Gloria, die Weisen reiten – dem Stern folgend – übers Gebirge. Alles wurde ausgelöst durch die Geburt des Gottessohnes in einer Höhle durch die Jungfrau Maria. Zur Entstehung der Bildinhalte der Weihnachtsikone haben gleichermaßen die biblischen Lesungen der Weihnachtsliturgie wie der Hymnus des Romanos beigetragen.

Als Romanos sein Lied schrieb, wurde das Geburtsfest Christi am 25. Dezember gerade einmal hundert Jahre gefeiert. Zwar hatte bereits Kaiser Konstantin eine Basilika über der Geburtshöhle in Bethlehem gebaut, aber offiziell wurde das Weihnachtsfest erst im Jahr 380 im byzantinischen Reich von Rom übernommen. Romanos, ein Mönchsdiakon, wurde um 485 in Syrien geboren und starb vor 562 in Konstantinopel. Man datiert den Kontakion genannten Hymnus in die letzten Jahre der Regierungszeit des Kaisers Anastasios I. (491–518).

Den Bogen zur Vertreibung aus dem Paradies geschlagen

Die literarische Gattung der Kontakia wurde nach dem Stab (griechisch Kontakion), benannt, um den die Schriftrollen gewickelt wurden. Das Kontakion hatte die Aufgabe, den theologischen Festinhalt zu vermitteln und folgte in der Liturgie auf das Evangelium. Romanos hat also mit seinem Weihnachtslied eine Art Predigt in Gedichtform geschrieben. Insgesamt vierundzwanzig Strophen folgen auf die Einleitung. Diese und alle Strophen sind durch den Kehrvers: „Denn geboren wurde für uns/ ein kleines Kind der ewige Gott.“

Bereits die erste Strophe schlägt den heilsgeschichtlichen Bogen zurück zur Vertreibung aus dem Paradies: „Bethlehem öffnete Eden ... kommt lasst uns empfangen die Paradiesesgaben in der Höhle.“ Was Adam und Eva durch eigene Schuld verloren haben, erneuern nun der neue Adam Christus und seine Mutter, die neue Eva. Sodann betont Romanos die Jungfrauengeburt mit alttestamentlichen Bildern. Adam erwartete die Neuschöpfung des Menschengeschlechtes im neuen Adam. In seinem Stammbaum Jesu geht der Evangelist Lukas bis auf Adam zurück und sagt damit: Jesus ist ganz Mensch und doch zugleich allein der Sohn des himmlischen Vaters. Darum die Geburt aus der Jungfrau und Mutter: Eva hat die „Paradiesesgaben“ selbst genommen, um von Gott unabhängig sein. Maria empfängt, ohne für sich etwas zu wollen, ohne über sich zu verfügen. In der zweiten Strophe spricht Maria das Kind in der Krippe an als „mein Fleisch und Blut“ und fragt: „Sag mir, Kind, wie wurdest du mir eingesät, wie eingepflanzt?“

Jesus Christus verdankt sich als wahrer Mensch seiner Mutter, darum sagt das Apostolische Glaubensbekenntnis über ihn: „geboren aus der Jungfrau Maria“. Das einmalige Verhältnis des Sohnes zum göttlichen Vater bedingt die Geburt aus der Jungfrau Maria. In der dritten Strophe wird die Abstiegsbewegung Gottes in die Armut des Kindes mit vollzogen bis in die Erfahrung der Mutter, dass sie und das göttliche Kind auf Erden nicht willkommen sind: „Siehe, keinen Platz hat deine Dienerin in der Herberge:/ keinen Platz, sage ich, sie hat nicht einmal eine Höhle,/ denn selbst diese gehört anderen.“

Mit dem Bezug auf das Patriarchenpaar greift Maria zurück auf den Beginn des Bundes Gottes mit Israel: „Als Sarah ein Kind gebar,/ wurden ihr große Ländereien zuteil, mir nicht einmal ein Lager.“ Matthäus lässt den Stammbaum Jesu mit Abraham beginnen. Maria stellt sich selbst seiner Frau Sarah gegenüber: Mit dem Sohn der Verheißung erhielt die unfruchtbare Sarah zugleich von Gott das Land der Verheißung, während der Menschensohn aus der Jungfrau Maria für sich und seine Mutter „keinen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8, 20).

Alle gnadenhaft geschenkten Kinder unfruchtbarer Frauen im Alten Bund von Sarah bis Elisabeth sind so Vorausbilder der Jungfrauengeburt. Zugleich ist Maria die Tochter Zion mit ihrem Jawort „Siehe ich bin die Magd des Herrn, an mir geschehe gemäß deinem Wort“ (Lk 1, 38) die vollkommen Glaubende, die Verwirklichung des Glaubens Abrahams und ganz Israels. Während Sarah ungläubig lachte, als ihr ein Sohn verheißen wurde, sprach Maria ihr uneingeschränktes Jawort zur jungfräulichen Mutterschaft. Im Glaubensgehorsam Marias sammelt Gott erneut sein Volk. Im Zueinander von göttlichem Sohn und menschlicher Mutter realisiert sich das Bundesverhältnis von Gott und Mensch, Bräutigam und Braut. Darum wird Maria zum Urbild der Kirche. In der vierten Strophe treffen die Weisen vor der Höhle ein und fragen nach der Mutter des „vaterlosen Sohnes“.

Maria ist die neue Bundeslade

Wunderbar fasst Romanos in der fünften Strophe den Glauben der „Herrscher des Ostens“ zusammen: „Ganz genau erklärte uns ja Bileam/ den Sinn der Worte, die er prophezeite,/ als er sagte, dass ein Stern aufgehen wird.“ Auch die Vertreter der Heidenvölker empfangen das Heil von den Juden, denn allein die biblische Prophezeiung Bileams lässt sie den Stern richtig deuten: „Ein Stern wird aufgehen aus Jakob und ein Mensch wird aufstehen aus Israel“ (Num 24, 17). Maria ist in der sechsten Strophe erstaunt und zu Tränen gerührt über den Glauben der drei Weisen und spricht zum Kind: „Dein Antlitz zu sehen/ verlangen und flehen die Reichen deines Volkes;/ denn wahrhaft dein Volk sind diese, die in dir erkannten/ ein kleines Kind, den ewigen Gott.“

Daraufhin „berührte Christus unsichtbar die Seele seiner Mutter“ und wünscht, dass die Vertreter der Heidenvölker zu ihm in die Höhle kommen dürfen: „Empfange, die mich empfangen haben!/ In ihnen ruhe ich wie in deinen Armen,/ die Vereinigung mit ihnen ist keine Trennung von dir.“ Maria öffnet den Zutritt der Glaubenden zum Gottessohn, sie behält ihn nicht für sich, sondern wird Urbild der Kirche und Mutter aller Glaubenden, da sie allen die geistige Gottesgeburt im Raum der Kirche eröffnet. Maria führt zu Christus und nicht zu sich selbst, zugleich aber führt der Zugang zu Christus über Maria, das Urbild der Kirche: „Die Tür öffnete die Eröffnete,/ und doch des Schatzes der Unberührbarkeit nicht Beraubte.“

Als die Weisen nach Jerusalem kamen, suchten sie „eine gewaltige Rechtfertigung“, doch fanden sie das Allerheiligste im Tempel leer ohne die „Bundeslade samt all den Gütern, die sie einst enthielt“. Maria ist die neue Bundeslade, aus der das Wort Gottes Fleisch geworden ist. Ihre Geschenke übergeben die Weisen in einer Opferhandlung an Christus: Sie hielten „die Geschenke in ihren Händen hoch und beteten/ das Geschenk aller Geschenke, das Salböl aller Salböle an“. Mit ihren Opfergaben bitten die Stellvertreter aller Heidenvölker darum, vom Messias, dem mit dem Heiligen Geist Gesalbten, angenommen zu werden, der sich selbst allen Menschen zum Geschenk macht. Romanos lässt die Weisen ihre Geschenke trinitarisch deuten: „Gold, Myrrhe, auch Weihrauch brachten sie Christus dar/ und riefen: Nimm an das dreifache Geschenk,/ wie den dreifach heiligpreisenden Hymnus der Seraphim!“ War doch die erste Offenbarung der Dreifaltigkeit, als der Engel Maria die Botschaft brachte, die Botschaft, dass einer aus der Dreifaltigkeit Mensch werden wird. Die Weisen bitten durch Maria Christus um die Annahme ihres Opfers. Maria wird die Fürbitterin der in Christus geeinten Menschheit: „Da die Untadelige nun sah, wie die Magier/ neue, schimmernde Geschenke in Händen trugen und sich hinwarfen,/ wie der Stern erhellte, wie die Hirten lobpreisen,/ da flehte sie den Schöpfer und Herrn dieser aller an:/ Eine Dreifaltigkeit(!) der Geschenke nahmst du an, Kind,/ so gewähre mir, deiner Gebärerin, drei Bitten!“ Maria als die erste in der Gemeinschaft der Heiligen verwirklicht so dienend ihr Muttersein für die Glieder des Leibes Christi. Auf das Leitthema der ersten Strophe „Bethlehem öffnet Eden“ verweist nun in der vorletzten Strophe Maria selbst zurück, wenn sie über ihre eigene heilsgeschichtliche Rolle nachdenkt: „Denn nicht nur deine Mutter bin ich, gütiger Erretter/ nicht vergebens stille ich den, der alle Milch gewährt/ sondern für alle bitte ich dich/ du machtest mich zum Mund und Stolz meines ganzen Geschlechtes,/ hat doch in mir der ganze Erdkreis/ einen starken Schirm, Wall und Stütze./ Zu mir schauen alle auf, die verbannt wurden/ von den Freuden des Paradieses, da ich sie zurückführe,/ auf dass sie alle wahrnehmen durch mich, die dich geboren hat,/ ein kleines Kind, den ewigen Gott.“

Mit einem Gebet der Gottesmutter beschließt Romanos seine große Weihnachtsdichtung: „Rette die Welt, Retter; denn deswegen kamst du!/ Richte all das Deine auf/ denn deswegen erstrahlst du/ mir und den Magiern und der ganzen Schöpfung!“ Die Rettung kommt von Kreuz her, allein Christus ist der Erlöser. Maria hat mit der Darstellung des Kindes im Tempel Gott den Sohn zurückgegeben. Scheinbar ein rein praktischer Gedanke steht ganz am Ende des Weihnachtsliedes: „Siehe, die Magier ... bringen dir Geschenke dar,/ nützliche, gute, höchst begehrte,/ welcher ich bedarf, denn ich will/ nach Ägypten gehen, auf der Flucht mit dir um deinetwillen,/ mein Führer, mein Sohn, mein Schöpfer, der mich reich macht,/ ein kleines Kind, der ewige Gott.“ Romanos gibt Maria die Initiative zur Flucht nach Ägypten und betont damit wie im gesamten Text nochmals ihre aktive Rolle im Heilsgeschehen. Aus der alltäglichen Muttersorge um den nächsten Tag heraus freut sich Maria über die Gaben der Weisen als notwendige Mittel, um in der Fremde zu überleben. Über den Verweis auf die Verfolgung Jesu durch Herodes hinaus will Romanos damit wohl sagen, dass das Opfer der Heiden angenommen wurde, dass sie am Heil der Welt mitwirken dürfen und so von Gott angenommen werden. Den einzigen individuellen Zug aus dem Leben des großen Weihnachtsdichters berichtet das Synaxarion zum 1. Oktober, dem Todestag und Gedenktag des heiligen Romanos. Es ist die Legende über die Entstehung seines Weihnachtsgedichtes: Romanos war Mönch in einem der Gottesgebärerin geweihten Kloster in Konstantinopel, „wo er auch die Gnadengabe empfing, Kontakia zu dichten. Es erschien ihm nämlich die heilige Gottesgebärerin am Abend der Geburt Christi im Traum, reichte ihm ein Papyrusblatt und befahl ihm, dieses hinunterzuschlingen. Nachdem er es verschlungen hatte, erwachte er sogleich, bestieg den Ambon und begann höchst melodisch zu singen: ,Die Jungfrau gebiert heute den über dem Sein Seienden.‘“

Dem Propheten Ezechiel wurde von Gott eine Schriftrolle zu essen gegeben, die innen und außen „mit Klagen, Seufzern und Weherufen beschrieben war“ (Ez 2, 10). Sie wurde in seinem Mund „süß wie Honig“ (Ez 3, 3). Wenn die Gottesmutter Romanos das Weihnachtslied selbst in den Mund legt, bedeutet dies, dass die Kirche dieses Gedicht als eine authentische Interpretation der Weihnachtsgeschichte angenommen hat, wie dies ja auch durch die Aufnahme des Hymnus in die Liturgie des Geburtsfestes Christi bestätigt wurde. Wenn schon für Ezechiel die bitteren Worte der Schriftrolle in seinem Mund „süß wie Honig“ schmeckten (Ez 3, 3) so gilt dies umso mehr für die Schönheit der um den Stab, das Kontakion, gewickelten Weihnachtsdichtung des Romanos: „Fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe, und sie wurde in meinem Mund süß wie Honig.“

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