Ein in Gott ruhender Existenzkämpfer

Betrachtungen über den heiligen Joseph (III): Du Stütze der Familien. Von Klaus-Peter Vosen

Wer die Lebenswirklichkeit der Familien heute nüchtern betrachtet, der fühlt sich ein bisschen wie Christus, als er auf die Scharen der Vielen blickte, die zu ihm kamen: Er hatte Mitleid mit ihnen, denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die ohne Hirten sind. Den Familien geht heute vielfach die Luft aus. Davon sind entschiedene, überzeugt-christliche Familien keinesfalls ausgenommen. Die Bedrohungen und Probleme sind unterschiedlicher Art: Da ist vielfach eine mörderische Belastung durch den Existenzkampf, in dem viele Familien stehen. Damit verbunden existiert oft ein ernstes Zeitproblem: Man hat kaum die nötigen Stunden, die man füreinander eigentlich aufbringen müsste, zu Gespräch, Muße, Miteinander. Damit steht aber auch das gemeinsame Glaubens- und Gebetsleben in Gefahr.

Und dann kommt über Familien auch manches, auf das man oft kaum angemessen und wirksam zu reagieren versteht: Wenn Kinder da sind, stehen sie oft so sehr im Mittelpunkt, dass Vater und Mutter einander immer weniger als Eheleute begegnen. Mit der bloßen Leibesgemeinschaft, die man einander schenkt, ist es ja nicht getan. Oft findet man keine Ehen und Familien, die ähnliche Fragen und Schwierigkeiten haben – nicht weil es sie nicht gäbe, sondern weil man sich über diese Dinge oft nicht zu reden traut. Man fühlt sich als Familie vielleicht auch von der Kirche allein gelassen. Zum Braut- und Taufgespräch, auch sonntags im Gottesdienst, da erlebt man den Priester, aber zwischendurch? Dass man ihn ja auch einmal zum Hausbesuch einladen könnte, daran wird zu selten gedacht. Probleme über Probleme! Anfechtungen gegen die eheliche Treue, Wegdriften der Kinder vom Glauben sind oft die weiteren Stufen der Misere… Kardinal Meisner kommt das Verdienst zu, im Gefolge des Kölner Weltjugendtages von 2005 darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass heutzutage ganz besondere Anstrengungen der Kirche in Bezug auf die Ehen und Familien notwendig seien, einsetzend bereits damit, dass man sich um „ernstlich Verliebte“ kümmern müsse. Pointiert hat der Kardinal gesagt: Es gehe ja schließlich nicht an, dass man nur immer den Priesternachwuchs ins Zentrum seiner Bemühungen stelle, irgendwoher müssten die geistlichen Berufe der Zukunft ja schließlich auch kommen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass die Kirche sich der Familien nur annimmt aus Rekrutierungsgründen, um ein Erntefeld zu kultivieren, das – profan gesprochen – das Fortleben des eigenen Apparates in der Zukunft unterstützt.

Die Kirche wendet sich den Familien um ihrer selbst willen zu, und wenn sie ihre Seelsorge hier in letzter Zeit auch besonders intensiviert, so hat es doch auch bisher bereits Familienpastoral gegeben. Schon im Jahre 1925 führte Pius XI. das Fest der Heiligen Familie ein für den Sonntag innerhalb der Weihnachtsoktav beziehungsweise – falls es keinen solchen gibt – den 30. Dezember. Immer schon konnte am Bild der Heiligen Familie von Nazareth Maß genommen werden, immer schon war der Gedanke an sie ein Kraftimpuls, der auch in Predigt und Katechese vermittelt wurde. St. Joseph hat im Rahmen dieser Heiligen Familie die Funktion eines ruhenden Pols. Das Jesuskind kommt zur Welt, um seinen Erlösungsweg für die Menschheit zu gehen, angefochten, bedrängt, gedemütigt, verletzt, gekreuzigt – und doch sieghaft.

Seine Mutter begegnet uns an entscheidenden Stellen des Evangeliums; stiller, aber fragend, erwägend, bittend, auf Jesus hinweisend, endlich leidend, geht sie seinen Weg aus der Nähe oder aus der Ferne mit. Sie ist die Gehilfin Christi bei der Erlösung. St. Joseph ist hingegen mehr der, der den Rahmen für all das bereitstellt – unter Einsatz seiner Person und sicher bis ins Innerste mitbeteiligt, doch mit einer großen, in Gott gründenden Ruhe. So ist er zu einer unendlich wichtigen Stütze für Jesus und Maria in ihrer heilsgeschichtlichen Aufgabe geworden, auch zu einem Garanten dessen, dass es auch in einer ganz ungewöhnlichen Situation noch zu einem echten Familienleben – und von welcher Qualität wird es gewesen sein! – kommen konnte. Joseph ist genau der Richtige, um den „aufgescheuchten Seelen“ (Dietrich Bonhoeffer) in unseren Familien heute beizustehen!

Themen & Autoren

Kirche