„Ein guter Platz zum Lernen“

Im Collegium Bernardinum in Attendorn haben neunzehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein Zuhause gefunden. Von Heinrich Wullhorst
Foto: Wullhorst | Das traditionsreiche Collegium Bernardinum in Attendorn.
Foto: Wullhorst | Das traditionsreiche Collegium Bernardinum in Attendorn.

Attendorn (DT) Mohammad ist siebzehn Jahre alt und hat drei Jahre Flucht mit seinem neunjährigen Bruder hinter sich. Von Syrien aus ging es zunächst mit der ganzen Familie nach Jordanien, dann nur noch zu zweit über die Balkanroute nach Deutschland. Seit September ist er in Deutschland. Im Collegium Bernardinum in Attendorn, dem einzigen katholischen Jungeninternat im Erzbistum Paderborn, haben die beiden Brüder ein neues Zuhause gefunden.

Beste Voraussetzungen für die Flüchtlingsaufnahme

Neunzehn sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind seit den Herbstferien hier untergebracht. Sie kommen aus verschiedenen Ländern und haben völlig unterschiedliche Fluchterfahrungen hinter sich. Die Jungen, die inzwischen angefangen haben, sich in dem neuen Umfeld einzuleben, stammen aus Marokko, Algerien, Pakistan, Russland und eben aus Syrien.

„In enger Zusammenarbeit mit dem Erzbistum Paderborn haben wir das Angebot vorbereitet“, erklärt Michael Lütkevedder. Er ist als Präses der geistliche Begleiter des Collegium Bernardinum. „Auch für die Betreuer im Haus ist es eine neue Situation“, berichtet Annette Hermes. Die stellvertretende Internatsleiterin hat die Koordination der Flüchtlingsarbeit übernommen. Für sie ist es ein echtes Anliegen. „Ich hatte mir ohnehin schon überlegt, mich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren“, betont die Erzieherin. „Da ist es jetzt natürlich eine schöne Aufgabe, das berufliche Wirken mit dem Einsatz für die Flüchtlinge verbinden zu können.“

Dabei war es schon ein ganz heftiger Kraftakt, den die Verantwortlichen in Attendorn stemmen mussten. „Aber wir haben hier natürlich die besten Voraussetzungen, wir hatten entsprechende Plätze frei. Also hieß es für uns: wenn nicht wir, wer dann?“ Nachdem man zunächst zehn Jugendliche erwartet hatte, kamen dann dreizehn. Nach dem fünfzehnten Jugendlichen konnte eine eigene Auffangklasse an der Schule gebildet werden. „Jetzt sind es eben neunzehn und das ist schon eine echte Herausforderung“, macht Hermes deutlich.

Einer der neuen Internatsbewohner ist jetzt auch Mohammad. „Er hat sich gut in das neue Umfeld integriert“, weiß Annette Hermes. Die Verständigung mit ihm ist in der englischen Sprache unproblematisch. „Deutsch ist noch schwierig“, sagt Mohammad. Hier hilft ihm allerdings sein syrischer Freund Ramez, mit dem er sich im Internat angefreundet hat und der schon besser mit der ungewohnten Sprache klarkommt. „Deutschland war von Anfang an das Ziel unserer Flucht“, beschreiben beide. In der syrischen Heimat sei kein Leben in Sicherheit mehr möglich gewesen. Ramez, der noch bis zum Sommer in Damaskus lebte, berichtet von Entführungen, Raketenangriffen und vielen getöteten Menschen. Das Land komme nicht zur Ruhe im Kampf zwischen Assad-Truppen, militanten Kräften und dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). „Wir wollten in ein Land, in dem man in Sicherheit leben kann und in dem die Menschenrechte respektiert werden. Deutschland ist so ein Land.“ Dazu gebe es hier die besten Möglichkeiten für die berufliche Entwicklung junger Menschen.

Deshalb machen sich viele von ihnen auf den Weg und dem Zuhörer stockt der Atem, wenn Mohammad von seiner Flucht erzählt. Um dieses Ziel zu erreichen, haben sie sich auf den lebensgefährlichen Weg gemacht. Von Jordanien aus hat er sich mit seinem Bruder zur Türkei durchgeschlagen und das Land dann einmal komplett durchquert. In einem mit 250 Menschen vollgestopften kleinen Boot ging es von Bodrum aus zu einer griechischen Insel, von dort aus nach Athen, danach mit den vielen tausend Anderen über die Balkanroute und danach von Österreich nach Deutschland. Eine Horrorroute für jeden Erwachsenen, umso mehr aber für einen Jugendlichen, der nicht nur für sein eigenes Leben, sondern auch für das seines Bruders Verantwortung trägt.

„Sehr gut, ein guter Platz für junge Menschen und zum Lernen“, erklären Mohammad und Ramez. Es gefällt ihnen gut in dem katholischen Haus. In ihrer Heimat hätten sie gelernt, andere Religionen zu respektieren. „So ist es für uns als Muslime kein Problem, in einem solchen Internat zu leben.“ Wichtig ist es für die jungen Menschen, dass sie über ihre Smartphones den Kontakt zu ihren Familien halten können. „Wir wollen ihnen Raum geben, dass sie erst einmal zur Ruhe kommen können“, beschreibt Annette Hermes eine der Aufgaben der Erzieher. „Wenn die Jungen bei uns ankommen, wissen wir nichts über ihre Vorgeschichte, ihre Ängste oder Traumata. Wichtig ist daher erst einmal, dass sie sich zurechtfinden und heimisch fühlen.“ Natürlich hoffen die jungen Männer darauf, dass ihre Familien irgendwann mit ihnen vereint sein werden. Sie selbst wollen studieren. Mohammad möchte Ingenieur werden.

Unterstützung durch das Erzbistum Paderborn

Eine solche Kraftanstrengung zur Integration der jungen Menschen schafft auch ein traditionsreiches Haus, wie das seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts bestehende Internat, nicht allein. „Das Erzbistum Paderborn hat uns hervorragend unterstützt und gleich eine neue Personalstelle eingerichtet“, berichtet Präses Lütkevedder. Diese Unterstützung ist auch möglich, weil sich das Erzbistum vorausschauend früh auf die Entwicklung eingestellt hat. Bereits im September 2014 hat Erzbischof Hans-Josef Becker einen Flüchtlingsfonds im Umfang von einer Million Euro aufgelegt.

Da die Zahl der Menschen, die aufgrund von Bürgerkrieg, Verfolgung oder Vertreibung ihre Heimat verlassen, zunimmt und das Erzbistum das Engagement für Flüchtlinge weiter fördern will, hat der Paderborner Kirchensteuerrat inzwischen die Aufstockung des Flüchtlingsfonds um zwei Millionen auf nunmehr drei Millionen Euro beschlossen. Generalvikar Alfons Hardt macht die Bedeutung des Anliegens klar. „Viele Flüchtlinge, die in den Kommunen des Erzbistums Paderborn leben, haben mit Gewalt und Vertreibung Schlimmes hinter sich. Dazu müssen sie sich in einem fremden Land zurechtfinden.“ Die haupt- und ehrenamtlich Engagierten wolle das Erzbistum nicht allein lassen.

Natürlich geht ein solcher Einzug nicht ohne Konflikte ab. „Es sind auch schon Jugendliche bei uns gewesen, die nach drei Tagen wieder abgehauen sind, weil sie mit den Regeln eines Internats nicht zurechtkamen“, erklärt Annette Hermes. Auch bürokratische Hemmnisse machen die Arbeit nicht immer leicht. Vielfach ist der asylrechtliche Status völlig ungeklärt. „Die meisten der Jugendlichen sind noch ohne einen gesetzlichen Vormund, der aber für bestimmte Handlungen, wie zum Beispiel die Stellung eines Asylantrags, rechtlich erforderlich ist.“ Man arbeite sich aber immer mehr in die Herausforderungen ein. Die Flüchtlinge werden übrigens von Beginn an in die Wohngruppen des bestehenden Internats integriert. Allerdings erhalten sie nach dem Schulbesuch in einer Auffangklasse am Vormittag nachmittags spezielle Unterstützung in eigenen Lerngruppen.

Rückkehr ins Heimatland nicht ausgeschlossen

„Große Konflikte hat es bislang noch nicht gegeben“, berichtet Annette Hermes. „Probleme gibt es meist, wenn es darum geht, bestimmte Regeln einhalten zu müssen.“ Das sei aber häufig eher ein Pubertätsproblem als ein Integrationshemmnis. Der Umstand, dass es sich bei dem Internat um eine katholische Einrichtung handele, bringe bislang keine Schwierigkeiten mit sich. Vor den Mahlzeiten beten wir regelmäßig und die muslimischen Jugendlichen stehen bei dem Gebet mit uns auf und verhalten sich still. „Sie respektieren das“, erklärt die stellvertretende Internatsleiterin. „Wir machen die Erfahrung, dass mit wachsendem Vertrauen schon mal ein Jugendlicher in unseren gemeinsamen Gottesdienst kommt, oder einfach auch Gespräche über Glauben und Religion entstehen können.“ Man versuche, künftig auch spirituelle, interreligiöse Angebote zu schaffen. „Drei muslimische Jugendliche haben jetzt beispielsweise von sich aus geholfen, den Fensterschmuck in der Wohngruppe zu dekoriereren“, freut sich Annette Hermes.

Mohammad und Ramez können sich übrigens auch vorstellen, dass sie nach einer guten beruflichen Ausbildung und einer Veränderung der Situation in ihrem Heimatland einmal wieder dorthin zurückkehren, um beim Wiederaufbau in Syrien zu helfen. Dazu bedarf es natürlich einer schnellen Integration in Sprache und Schule. Hier finden sie sicherlich im Collegium Bernardinum die besten Voraussetzungen.

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