Ein französisch-polnisches Geburtstagsgeschenk

Heiligsprechungsverfahren eröffnet: Der selige Märtyrer Jerzy Popie³uszko soll in Frankreich ein Wunder vollbracht haben. Von Stefan Meetschen
Foto: KNA | Volksheld und Märtyrer: Bei der Seligsprechung Jerzy Popie³uszkos war die Begeisterung mit Händen zu greifen.
Foto: KNA | Volksheld und Märtyrer: Bei der Seligsprechung Jerzy Popie³uszkos war die Begeisterung mit Händen zu greifen.

Warschau (DT) Nicht das Grab von Kardinal Stefan Wyszyñski oder das seines Nachfolgers als Primas von Polen, Kardinal Józef Glemp, zieht die Großen der Welt, die nach Warschau kommen, in ihren Bann. Ob Präsidenten, Prinzen oder Päpste, sie alle besuchen das Grab von Jerzy Popie³uszko (1947–1984), der mit seinen Predigten der Anfang der 1980er Jahre gegründeten und bald darauf verbotenen Gewerkschaft „Solidarnoœæ“ beim Kampf gegen das kommunistische System half, bis er genau vor 30 Jahren am 19. Oktober von Agenten des polnischen Geheimdienstes entführt, gefoltert und getötet wurden. Man ertränkte ihn etwas außerhalb von Warschau im Weichsel-Stausee bei W³oc³awek, wo Popie³uszko am 30. Oktober gefunden wurde.

Eine Legende, ein Nationalheld, ein Märtyrer, dessen Anziehungskraft sich durch die Seligsprechung 2010 noch deutlich gesteigert hat: Dokumentarfilme, aber auch abendfüllende Spielfilme, sind über den Mann aus dem kleinen Ort Suchowola, dicht an der Grenze zu Weißrussland, gedreht worden. In vielen Kirchen Polens ist sein Porträt zu sehen. Gebetskärtchen, Bücher, Fotos. Die Kirche des Hl. Stanis³aw Kostka im Stadtteil ¯oliborz, wo Popie³uszko seinen geistlichen Dienst verrichtete und wo er einmal im Monat unter großem Zulauf die „Messe für das Vaterland“ zelebrierte, ist so etwas wie ein Popie³uszko-Mausoleum geworden.

Doch nicht nur in Polen wird Popie³uszko seit der Seligsprechung verstärkt verehrt, sondern auch im Ausland. Zum Beispiel in Frankreich, wo sich im Zusammenhang mit dem polnischen Priester ein spektakuläres Wunder ereignet haben soll, auf dessen Grundlage nun das Heiligsprechungsverfahren in der Causa Popie³uszko eröffnet wird. Was war passiert?

Vor zwei Jahren, am 14. September 2012, besuchte der französische Priester Bernard Brien den seit Jahren schwer an Leukämie erkrankten Geschäftsmann François Audelan im Krankenhaus in Creteil bei Paris. Das Datum spielte dabei keine unwichtige Rolle, ist der 14. September doch der Geburtstag des Priesters Brien – und auch der Geburtstag Popie³uszkos, wie Brien kurz zuvor bei einer Reise nach Polen festgestellt hatte. Und zwar auf den Tag genau. Beide, Popie³uszko und Brien kamen am 14. September 1947 zur Welt. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass Brien nicht gegen den Kommunismus kämpfte, sondern erst einmal zwei unglückliche Zivilehen absolvierte, bis er sich entschloss, Priester zu werden. Vor gar nicht so langer Zeit, 2012, weshalb ihn die Entdeckung von Popie³uszkos Geburtsdatum während der Polenreise bis ins Mark erschütterte.

Der Sarg für den Gatten stand schon bereit

„Wir sind wie getrennte Zwillinge“, beschreibt Brien gegenüber den Medien seine Verehrung für den seligen polnischen Märtyrer, und von dieser Euphorie beflügelt, scheute sich Brien auch nicht, da die Begegnung mit Audelan an seinem (und Popie³uszkos) Geburtstag stattfand, im Himmel um ein Geschenk zu bitten – die vollständige Heilung des bereits bewusstlosen François Audelan. Keine kleine Bitte, denn so fromm Audelan als geistlich gereiftes Mitglied der Chemin- Neuf-Bewegung auch war, die Ärzte gaben dem heute 56-Jährigen keine Überlebenschance mehr. Zu geschwächt war Audelan nach all den Therapien und lebenserhaltenden Maßnahmen. Bester Beweis für die hoffnungslose Lage: seine Frau Chantal, die während des Gebets mit den Kindern am Bett ihres Ehemanns stand, hatte bereits den Sarg für ihren geliebten Gatten gekauft.

Doch dieser spürte unmittelbar nach dem Besuch des Priesters und des Gebets, das während der Stunde der Göttlichen Barmherzigkeit stattfand, neue Kräfte in sich aufsteigen, so sehr, dass er sich selbstständig von all den Maschinen befreite, um auf den Flur des Krankenhauses zu gehen. Eine Überraschung für seine Familie, ein Schock für Ärzte und Krankenschwester, zumal bei der bald darauf eingeleiteten Untersuchung seines Blutes keine Spuren von Leukämie mehr zu erkennen waren. Bis heute nicht, weshalb Audelan inzwischen wieder im Kreis der Familie leben kann. Dankbar für die Hilfe von Jerzy Popie³uszko und das Gebet seines verlängerten Zwillingsarms auf Erden: Priester Bernard Brien.

„Ich wusste schon damals in den 1980er Jahren, wer Popie³uszko ist und was er tut, weil ich mich sehr für die Gewerkschaft Solidarnoœæ interessiert habe. Ich war sehr schockiert, in welcher Weise er getötet wurde“, sagt Audelan jetzt gegenüber Medienvertretern und gibt mit Blick auf die Heilung zu: „Ich verstehe das alles immer noch nicht, aber ich nehme es demütig an.“

Eine wohltuende Zurückhaltung, die man auch beim polnischen Postulator des Prozesses, Tomasz Kaczmarek, findet. Dieser sagte gegenüber den polnischen Medien, welche die Nachricht aus Frankreich mit großer Begeisterung aufnahmen, ganz ruhig: „Es gibt viele Voraussetzungen dafür, dass wir es mit einem authentischen Wunder zu tun haben.“

Offiziell eröffnet worden ist das Heiligsprechungsverfahren laut der katholischen Nachrichtenagentur Polens KAI mit einem Gottesdienst durch Bischof Michel Santier in der französischen Diözese Creteil. Wann der Prozess abgeschlossen sein wird, lässt sich noch nicht sagen. Doch in der Kirche des Hl. Stanis³aw Kostka im Stadtteil ¯oliborz besteht auch kein Grund zur Eile.

Im Kirchhof liegt ein massives Steinkreuz, unter dem sich Popie³uszkos Grab befindet. In der Kirche befinden sich neben zahlreichen polnischen Nationalflaggen hinter dem Altarraum auch historische Zeitungsartikel, Dokumente und Transparente mit Fotos von Popie³uszko an den Wänden. In der Krypta der Kirche ist schon vor Jahren ein Popie³uszko-Museum eingerichtet worden. In mehreren biografisch geordneten Räumen kann man sich ein Bild seiner Zeit und seines Lebens machen. Die Botschaft hier ist eindeutig: Jerzy Popie³uszko ist ein Märtyrer und Heiliger, die kirchliche Entscheidung eine reine Formalie.

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