Ein dogmatisch durchdachtes Modell der „Marke Ratzinger“

William Palmer (1803–1885) war der Oxforder Theologe, der in seiner Schrift Treatise on the Church of Christ (1838) ein ekklesiologisches Konzept vorlegte, das durch das katholisierende Oxford Movement breitere Kreise erreichte und als Branch Theory bekannt geworden ist. Demnach existiert die Kirche Christi in verschiedenen Zweigen oder einander ergänzenden kirchlichen Traditionen und Jurisdiktionen, die durch die gemeinsame Wahrung des Apostolischen Glaubens und einer kraft der Apostolischen Sukzession gewährleisteten Sakramentalität der einen Kirche untereinander geeint sind.

In seiner Apostolischen Konstitution Anglicanorum coetibus greift Benedikt XVI. unausgesprochen diese – von der katholischen Kirche zunächst zurückgewiesene Theorie – unausgesprochen auf und gibt ihr eine dogmatische Verankerung in der teils kritisch beleuchteten Lehre von der Subsistenz der Kirche Christi in der katholischen Kirche (vgl. Vaticanum II, Lumen gentium 8). Hier zeichnet sich eine Fortschreibung dieser konziliaren Lehre ab oder anders gesagt deren dogmatisch-kanonistische Konkretisierung in der kirchlichen Wirklichkeit. Wie die Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiert, so können in dieser durch das Bekenntnis desselben Glaubens, die Feier derselben Sakramente und die Eingliederung in dieselbe hierarchische Ordnung geeint, ganze Körperschaften subsistieren.

Wenn man die frühe Beschäftigung Ratzingers mit Zuordnung und Spannung von Episkopat und Primat kennt und auch seine Symphatie für eine nicht unbedingt lokal verankerte Aktualisierung der alten Patriachate als kirchlicher Ordnungsgrößen, bemerkt man eines: Das in Anglicanorum coetibus mehr juridisch-praktisch formulierte Modell von voller Kirchengliedschaft ist für Benedikt XVI. nicht überraschend, sondern dogmatisch sehr durchdacht. Gleichwohl ist es eigenständig – Marke „Ratzinger“ sozusagen.

Worum geht es also bei diesem Modell? Solchen Christen, die die volle kirchliche Communio ersehnen und anstreben, soll ermöglicht werden, nicht nur als Einzelne in die römisch-katholische Kirche einzutreten, sondern als ganze kirchliche Gemeinschaften, vielleicht noch besser: als geschlossene kirchliche Körperschaften. Die klassische Einzelkonversion war oft damit verbunden, auch wertvolle Prägungen der früheren Konfession mit der Annahme des „Römischen“ abstreifen zu müssen. Dies soll jetzt vermieden werden. Ganze kirchliche Körperschaften sollen – grundlegende Einheit vorausgesetzt – soviel als möglich ihre spirituellen, theologischen, liturgischen, und disziplinarischen Spezifika und Charakteristika beibehalten und als Bereicherung in die Gesamtkirche einbringen können.

Das unterscheidet diesen neuen Entwurf kirchlicher Einheit auf alle Fälle praktisch vom klassischen der Unierten. Bei diesen gab es historisch oftmals eine bestimmte Latinisierung, die als Uniformismus ausgelegt werden könnte, welcher Vorwurf zumindest teilweise nicht abgestritten werden kann und der fallweise bis heute das ökumenische Gespräch mit der Orthodoxie überschattet.

Das, was Benedikt XVI. hier im Zugehen vor allem auf die anglikanische High Church gleichsam als Versuchsballon steigen lässt, könnte sich überhaupt als Modell für eine auf Zukunft gerichtete Ökumene und die Erlangung größerer kirchlicher Einheit erweisen; selbst für bestimmte hochkirchliche Kreise im Protestantismus könnte es eines Tages anwendbar werden, sicherlich für einige orthodoxe Gruppen schon jetzt und wohl auch für nicht wenige katholische „Traditionalisten“. Wenn es letzteren eine Goldene Brücke bauen könnte, ihre Stellung zur und in der kirchlichen Hierarchie voll zu normalisieren, würde zudem noch etwas von der Verschmitztheit der Dialektik des Denkens und Ideenreichtums Ratzingers aufblitzen: Der Begriff der Subsistenz könnte dann nicht mehr als Abschwächung kirchlicher Identität missdeutet werden und würde als Ermöglichungsgrund von ,Einheit in Verschiedengestaltigkeit‘ verständlich.

Einheit in Verschiedengestaltigkeit ist die neue Zielvorgabe, die die geistig-geistliche Weite Benedikt XVI. am Beispiel der Anglikanischen Gemeinschaft einer Ökumene der Zukunft vorgibt. Dass diese eine ,Einheit in Verschiedenheit‘ ablösen könnte, werden allerdings einige, die in der Vergangenheit für sich eine ökumenische Vorreiterrolle beansprucht und sich dafür auf das II. Vaticanum berufen haben, wohl kaum widerstandslos hinnehmen.

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