„Ein brennendes Herz“

Im Marienwallfahrtsort Kevelaer beleuchten nahmhafte Experten das facettenreiche Denken Papst Johannes Pauls II. Von Stefan Rehder

Kevelaer (DT) „Alle Päpste haben von Gott geredet. Keiner hat so viel vom Menschen geredet, wie Johannes Paul II.“, heißt es in der zu Beginn des neuen Jahrtausends erschienenen, gut lesbaren Biografie des Journalisten Jan Roß („Der Papst. Johannes Paul II. Drama und Geheimnis“). Warum dies so ist, dem gingen am vergangenen Wochenende im niederrheinischen Marienwallfahrtsort Kevelaer die sechzig Teilnehmer einer Offenen Akademietagung auf den Grund, die gemeinsam von der Wallfahrtsleitung Kevelaer und der Thomas-Morus-Akadamie Bensberg veranstaltet wurde und den Titel „Aus dem Staunen vor dem Menschen geboren – Das Denken Papst Johannes Pauls II“ trug. „Nichts wäre oberflächlicher, als in Johannes Paul II. allein den Großen Konservativen zu erblicken, der er natürlich auch war“, sagte Hanns-Gregor Nissing, Referent der Thomas-Morus-Akademie, der die Tagung organisiert hatte. In der Tat. Am Ende der Tagung hatten die fünf Experten, die sich mit Leben und Werk Johannes Pauls II. intensiv beschäftigt hatten und in ihren Beiträgen im Petrus-Canisius-Haus in Kevelaer verschiedene Facetten des Denkens Johannes Paul II. erschlossen, zusammen ein Gemälde abgeliefert, dass Johannes Paul II. als einen im besten Sinne des Wortes modernen Menschen zeigte.

Den Anfang machte der Philosoph Jörg Splett, der viele Jahre lang an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen und der Hochschule für Philosophie in München lehrte. In einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Werk Karol Wojtylas zeigte Splett auf, wie der spätere Papst in Auseinandersetzung mit Johannes vom Kreuz und anderen Autoren eine „Theologie des Subjekts“ entwickelte, deren Ausgangspunkt die „Erfahrung“ bildet. Für Johannes Paul II. „verifiziert“ die Theologie die Erfahrung. Unter Erfahrung verstand er, so Splett, „die subjektive Bezugsdimension im Menschen, die es ihm ermöglicht, in eine intime Gemeinschaft mit Gott zu treten“, welche die bloß biologische und psychische Sphäre übersteigt.

Vereinigung des Menschen mit Gott ist erfahrbar

Diese Fähigkeit besitze der Mensch nicht naturhaft. Sie könne ihm aber „übernatürlich geschenkt“ werden. Es gebe ein Erleben, in dem das erlebende Subjekt sich selbst übersteigt, diskursives Denken in der Kontemplation aufbreche und sich das gesamte Gefühlsleben „einer neuen Liebe unterwerfe, die es zunehmend durchdringt“. Dabei werde die „ernorm bildbare Seele“ gestaltet. Richte sich der Wille dabei auf Gott, so werde die Seele „in einem übernatürlichen Prozess“ mehr und mehr aus allen niederen Verstrickungen gelöst. Eine solche erfahr- und beschreibbare Vereinigung mit Gott zeige sogleich das Ungenügen bloßer Psychologie.

Wie Splett klarstellte, fügte Johannes Paul II. damit der scholastischen Tradition, die nur Aktiv und Passiv als Aktionsarten kenne, eine weitere hinzu. Das Sich-Erfassen-Lassen des Geschöpfes von Gott sei eine Grundvollzugsweise von Sein und Leben, die durch alle Dimensionen reiche. Ob in der religiösen oder anderen: „Überall steht im Anfang ein Ergriffenwerden, dass man nicht machen kann, dem man jedoch auch nicht rein passiv ausgeliefert ist“ und dem man sich auch verweigern könne.

Daher sei es auch kein Zufall, dass sich Karol Wojtyla als junger Moraltheologe in seiner Habilitation der phänomenologischen Grundlegung der Ethik zugewandt habe. Dabei habe der spätere Papst Max Schelers Beschränkung auf die phänomenologische Perspektive gegenüber dem thomanischen Seinsdenken einerseits als ungenügend, anderseits jedoch als brauchbare Hilfestellung betrachtet, mit der sich die Grenzen empirischer Psychologie in der Erfassung des sittlichen Erlebens sprengen ließen. Gleichwohl sei Johannes Paul II. nicht einfach Thomist gewesen. Bereits als junger Privatdozent habe er zunehmend Abstand von der Idee des letzten Ziels, dem aristotelisch-thomistischen „appetitus naturalis“ genommen, so Splett. Auch in der Ethik habe Johannes Paul II. bei der sittlichen Erfahrung angesetzt. Und dabei lasse sich zeigen, dass Sollen nicht vom Glücksverlangen abhängt, sondern umgekehrt die Glückserfüllung von der Erfüllung dessen abhängt, was sittlich gesollt wird. „Der Mensch“, zitierte Splett am Ende seines Vortrags aus einem Gesprächs Johannes Pauls II. mit dem Italiener Vittorio Messori, „ist ein Wesen, dessen einzig angemessene Dimension die Liebe ist.“ Daher würden wir einem Individuum „nur dann gerecht, wenn wir es lieben: Dies gilt für Gott wie für die Menschen.“

Die Dresdner Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz nahm in ihrem Beitrag die „Personalität und Leiblichkeit“ bei Johannes Paul II. in den Blick. Seine „Theologie des Leibes“ habe Johannes Paul II. ihr zufolge dabei im Wesentlichen aus der Auseinandersetzung mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ entwickelt. Ein Schlüsselbegriff darin sei die Person. Für Johannes Paul II. sei Person-Sein „nicht stumpfer Selbstbesitz“, sondern beinhalte ein „Sich-Hinwenden“ und ein „Sich-Zuneigen“ zum Anderen. Als „theomorphes“, von Gott gestaltetes Wesen, verweise die Personalität des Menschen auf die Personalität Gottes. Die Gemeinschaft, die Gott mit sich selbst besitze, werde im Menschen nachgebildet. Dabei sei die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen kein Ausdruck eines Defizits. Vielmehr trügen Mann und Frau jeweils, „die Fülle des Ebenbildes“ in sich. Für Johannes Paul II. verweise jedoch Zweiheit des Geschlechts und der Auftrag „ein Fleisch zu werden“ in besonderer Weise auf das personale Leben Gottes hin.

William Hoye, Professor für Systematische Theologie an der Universität Münster, setzt sich in seinem Vortrag mit der Frage auseinander, was es für Johannes Paul II. bedeute, eine gute Tat zu vollbringen. Die Leichtigkeit, mit der sich der Theologe dabei mit der Schrift „Person und Tat“ auseinandersetzte, die nach Ansicht vieler zu dem Schwierigsten gehört, was Johannes Paul II. verfasst hat, war schon verblüffend. Dabei hob er hervor, dass der Mensch als Person für Johannes Paul II. nicht nur Taten vollbringe, sondern zugleich „sich in ihnen“. Daher könne man die Person aus ihren Taten erschließen. Zwar könne man eine Person nicht unmittelbar aus ihren Taten erschließen, weil auch ein guter Mensch böse und ein böser Mensch gut handeln könne. Gleichwohl entständen durch die Taten Tugenden und Laster, entwickele sich der Charakter eines Menschen aus seinen Taten. Dabei sei das Laster jedoch nicht einfach „der Gegensatz von Tugend“, sondern die „Unfähigkeit zu tugendhaftem Handeln“. Genauso verwirkliche, wer sündige, auch nicht seine Person bloß in einer anderen Weise, als der, der Gutes tut. Vielmehr sei die Sünde eine „Entwirklichung“ der Person. Der „Selbstvollzug“ der Person sei daher auch nicht einfach identisch mit der Selbstverwirklichung. Echte Selbstverwirklichung gebe es daher nur „im Streben nach dem Guten“ Nach dem Guten streben, heiße aber letztlich, nach dem höchsten Gut zu streben, das – so Johannes Paul II. – Gott selbst ist. Daher zeige sich die echte Selbstbestimmung im Gehorsam gegenüber Gott. „Gehorsam gegenüber Gott ist Gehorsam der Wahrheit gegenüber und dies ist Selbstbestimmung“, so Hoye.

Beitrag zum Niedergang des Kommunismus

Professor Alfred Marek Wierzbicki von der Philosophischen Fakultät der Katholischen Universität Johannes Paul II. in Lublin entfaltet im Anschluss daran das politische Denken Johannes Paul II. Dabei beleuchtete er nicht nur den Beitrag Johannes Pauls II. am Niedergang und Fall des Kommunismus, sondern erschloss auch wesentliche Facetten seines politischen Denkens, das ebenfalls ganz im Zeichen seines personalistischen Verständnisses des Menschen stand. Dabei sei Woitylas Sozialphilosophie nicht ein bloßer Zusatz zu dessen Philosophie der Person, sondern „ihre wesentliche Entfaltung, die aus der gemeinschaftlichen Natur der Person selbst resultiert. Für Johannes Paul II. waren Staaten und Gesellschaften daher auch in erster Linie „Personengemeinschaften“. Sie wüchsen „auf dem Boden des Erkennens desselben Gemeinwohls und des Strebens nach ihm“. Dabei legt Johannes Paul II. Wert darauf, dass das gemeinsame Handeln der Personen nicht die einzelnen Personen verdecke. „Das Gemeinwohl wird von Personen verwirklicht und es ist ein Wohl für Personen“, so Wierzbicki. Bei der Analyse der Struktur und Dynamik von Gemeinschaften habe Johannes Paul II. zwischen „authentischen und nichtauthentischen Haltungen“ unterschieden. Authentisch seien die Haltungen der „Solidarität“ und des „Widerspruchs“, nichtauthentisch dagegen die des „Konformismus und des Ausweichens“.

Zum Abschluss der Tagung, erzählte Joachim Kardinal Meisner den Teilnehmern von seinen Erinnerungen an Johannes Paul II., den er als „väterlichen Freund“ bezeichnete. Das Gemeinsame der vielen Anekdoten, mit der Meisner die Zuhörer zu begeistern verstand, war das, was Wallfahrtsrektor Domkapitular Stefan Zekorn am Ende so zusammenfasste: Johannes Paul II. habe „ein brennendes Herz“ gehabt, das die Welt vielleicht noch stärker verändert habe als sein gewaltiges Denken“.

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