Ein blinder Fleck im Lutherjahr?

In der Geschichte der Renaissance-Päpste spiegelt sich Glanz und Elend einer ganzen Epoche. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Aus den Händen von Papst Nikolaus V. erhält Nikolaus Cusanus den Kardinalshut.
Foto: KNA | So machte man in der Renaissance bella figura: Aus den Händen von Papst Nikolaus V. erhält Nikolaus Cusanus den Kardinalshut.

Rom und der päpstliche Stuhl stiegen in der Renaissance zu einer Größe empor wie seit der Antike nicht mehr: Es wurde erneut „Haupt der Welt“ mit religiösem Anspruch und in künstlerischer Blüte. Freilich spaltete die Reformation die Kirche auch wie nie zuvor und brachte Europa in den Religionskriegen an den Rand der Selbstzerstörung. Doch ließ sich diese dunkle Rückseite nicht sofort erkennen, vielmehr erstrahlte Rom zwischen 1450 und 1520 glanzvoll: Selbst zur Zeit des Perikles arbeiteten nicht so viele Künstler in Athen wie seinerzeit in Rom.

Eingeleitet wurde der Glanz durch Nikolaus V. (1447–1455). Im „babylonischen Exil“ der Päpste in Avignon (1305–1378) war Rom zur „Witwe“ geworden: Es war mit 80 000 Einwohnern ein Provinznest; die klassischen Bauwerke lagen in Trümmern; der Bau von St. Peter zerfiel; die Aristokratie suchte die Papstwahl zu bestimmen; Viehzüchter und Wollweber waren verarmt. Nikolaus V., selber aus dem unteren Stand, unterstützte die Nähe von Kirche und Humanismus mit seiner Liebe zum antiken Wort ebenso wie zur klassischen christlichen Literatur. Als 1453 Konstantinopel an die Türken fiel, lud er die flüchtenden Gelehrten ein und schuf „Griechenland in Rom“; angeblich wurden dort mehr Texte übersetzt als in 500 Jahren vorher. Seine Sammlung von fünftausend Bänden, die größte im Abendland, wurde zum Grundstock der Biblioteca Vaticana.

Nikolaus wollte das Jubeljahr 1450 baulich vorbereiten, doch wurden der Abbruch der alten Peterskirche und der Ausbau des Vatikans durch seinen Tod verhindert. Vor allem wollte er die Kirche den studia humanitatis öffnen, um Antike und Christentum zu versöhnen. Alles Großgedachte und Edle sollte die Autorität des Heiligen Stuhles erhöhen. Auf Nikolaus? Grabmal stehen die Worte: „Goldene Zeiten hatte er, Rom, dir gegeben,/ erleuchtet im Rat, erleuchteter noch in jeder Tugend/ bildete er Gelehrte, selbst noch gelehrter, heran.“

Dem farblosen Kirchenjuristen Calixtus III. folgte der umjubelte Aeneas Silvius Piccolomini, Papst Pius II. (1458–1464). Als Diplomat und gefeierter Literat war er auch einer der besten Redner der Zeit. „Vielfältiges zu erleben begierig“, sagte er von sich selbst. Sein Lebensstil war einfach; er liebte es, Gäste in der freien Natur zu empfangen als „silvarum amator“, Liebhaber der Bäume, womit er auf seinen Namen Silvius anspielte. Ein anderes Wortspiel lautete „pius Aeneas“ – auch darin schwang die Antike unüberhörbar mit. Er verbot den üblichen Abbau der römischen Ruinen; den Einwohnern von Arpino erließ er eine Strafe, weil Cicero in ihrer Stadt geboren war... In Bessarion fand er den Philosophen, der die Lehre Platons gegen den scholastischen Aristoteles entfaltete: im Ideal-Schönen den ursprünglichen Glanz des Wahren und Guten zu sehen.

Papst Paul II. (1464–1471), demselben Schönen zugeneigt, wollte sogar den Namen Formosus annehmen, der Wohlgestaltete. Persönlich anspruchslos, umgab er sich mit einem prachtvollen Hofstaat und sammelte Juwelen, Medaillons und Kameen. Er sah sich im übrigen gezwungen, die Accademia Romana zu schließen, weil sie denn doch zu heidnische Züge annahm. Allerdings wurde sie unter dem kunstliebenden Papst Sixtus IV. (1471–1484) wieder eröffnet, mit dem die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle begann. Er gründete die Lukas-Gilde für die Maler, erweiterte die Vatikanische Bibliothek, ließ Vorlesungen über griechische Literatur halten und schätzte den Platonismus hoch. In Rom sorgte er als instaurator urbis für Hygiene und öffentliche Ordnung.

Unter dem wenig kunstverständigen Innozenz VIII. (1484–1492) baute das Papsttum politische, militärische und finanzielle Züge aus. Aber wie ein Wetterleuchten trat Savonarola als Bußprediger in Florenz auf und verkündete das Zeitalter des Antichrist. Dies war umso glaubwürdiger, als Alexander VI. (1492–1503) mit seinen unehelichen Kindern folgte, die er offen mit Posten ausstattete. Auch er berief Gelehrte und unterstützte die Universität, schätzte und förderte das Theater und bewies eine sichere Hand in Finanzen. Am Pasquino, dem „schwarzen Brett“ Roms, hing der Vers: „Alexander verkauft Altäre, Schlüssel, Christum;/ zurecht kann er verkaufen, was er erstanden zuvor.“

Papst Julius II. (1503–1513) muss als ausgezeichneter Politiker, Staatsmann und Mäzen gelten. Raffael porträtierte den Mann, „der ein Jahrzehnt lang Italien mit seinen Kriegen in Atem hielt, die fremden Armeen aus dem Lande vertrieb, die alte Peterskirche niederriss; Bramante und hundert andere Künstler nach Rom brachte, Michelangelo und Raffael entdeckte (...) und durch sie der Welt einen neuen Petersdom (...) und die Stanzen des Vatikans gab.“

Julius Il. Terribile, streng, ungeduldig, hochfahrend, schonte weder sich noch andere, etwa Michelangelo, dem er sein Werk abrang, vor allem die Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle. Die riesigen Pläne verschlangen Geld, wozu der Ämter- und Ablasshandel nötig schien, besonders für den neuen Petersdom ab 1506. Rom wurde Sinnbild weltlicher und religiöser Macht, künstlerisch und architektonisch unübertroffen, im Wetteifer mit dem alten Kaisertum. Bramante legte einen Entwurf für die Peterskirche vor, um 10 000 Quadratmeter größer als der heutige Bau. Kunst spiegelte die Religion; das Schöne war selbst Religion geworden.

Als Rom Europas stürmisch klopfendes Herz wurde

Eine letzte Steigerung Roms zum „stürmisch klopfenden Herz Europas“ geschah durch Leo X. (1513–1521) Medici. Mit 13 Jahren Kardinal, mit 16 Jahren im Kollegium zugelassen, wurde er mit 37 Jahren Papst. Er führte das V. Laterankonzil (1512–1517) zu Ende, allerdings zögerlich und ohne die drängende Reform der Kirche einzuleiten. Freigebig, schönheitsliebend, durchaus Änderungen zugeneigt, aber wohl zu harmoniebedürftig, liebte Leo die Musik, die Jagd, das Theater. Auch Erasmus feierte die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters. Die Gelehrsamkeit wurde durch Berufung vieler Professoren beflügelt; das Studium der semitischen Sprachen wurde eingeführt, eine griechische Akademie eröffnet, eine Druckerei für Lehrbücher gegründet, Agenten zum Sammeln alter Handschriften ausgesandt, die Biblioteca Vaticana reich bestückt, Gelehrte zu Kardinälen ernannt, die Dichter freigebig bezahlt, die Künstler mit Aufträgen überhäuft. Beim Tod Raffaels war es „das letzte Mal, dass ein Papst einen Künstler beweinte“ (Raffalt). Die Humanisten waren immerhin kultivierter und sittlicher als zuvor, die Kardinäle unbescholtener.

Es waren wohl Leos Großzügigkeit und Noblesse, die ihm letztlich den Blick auf die gebotene Reform verstellten. Vermutlich wollte er sogar den störrischen Luther zum Kardinal erheben, um ihn zu gewinnen. Doch kam es 1520 zur Verurteilung der Schriften Luthers und 1521 zur Exkommunikation – der Bruch war endgültig.

Es würde sich lohnen, ein fiktives Gespräch zwischen Leo und Luther zu entwerfen. Hier der Prinz und Kunstliebhaber des kultiviertesten europäischen Landes, dort der bäurische Mönch aus dem „barbarischen Norden“ mit der Herbheit eines Christentums, das im Süden in der Verehrung des Schönen und Monumentalen seinen Ausdruck fand. So prallten nicht allein zwei Glaubenshaltungen aufeinander, sondern auch zwei Kulturen. Zur Ehrenrettung beider ist zu sagen: Ohne die südliche Kultur hätte das Christentum die Welt der Antike nicht in sich aufgenommen und dabei unübertroffen strahlende Werke der Kunst hervorgebracht; ohne die nördliche Kultur wäre der Ernst des Evangeliums nicht wieder freigelegt worden.

Weitere Artikel
Röhrenradio
Rom
Radio Vatikan ist wieder da Premium Inhalt
Neunzig Jahre nach der Gründung der Radioanstalt taucht der untergegangene Name des Senders der Päpste als Label für das Internetradio aus dem Vatikan wieder auf.
22.02.2021, 13  Uhr
Guido Horst
Themen & Autoren
Nikolaus V. Petersdom Pius II. Päpste Raffael Reformation der christlichen Kirchen Sixtinische Kapelle

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann