„Ein Augenblick größten Schmerzes“

Die katholische Kirche reagiert bestürzt auf den Tod Eluana Englaros – Vatikan mahnt „Respekt vor dem Leben“ an

Vatikanstadt (DT/KNA) Der Vatikan und die katholische Kirche Italiens haben nach dem Tod der Koma-Patientin Eluana Englaro zu Besinnung und Gebet aufgerufen. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte am Montagabend, man müsse über neue Wege nachdenken, Schwerkranke „im nötigen Respekt vor dem Recht auf Leben“ zu begleiten. Für Christen habe indessen der physische Tod „nicht das letzte Wort“, so der Jesuit. Die 38-jährige Englaro war am Montagabend in einem Pflegeheim im norditalienischen Udine gestorben. Am Sonntag war ihre künstliche Ernährung eingestellt worden.

Die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ warnte vor einer Entwertung des Lebens und bezeichnete ein rasches Verbot von Sterbehilfe als notwendig. Die reiche Gesellschaft verdränge Tod und Sterben bis zur völligen Unsichtbarkeit, heißt es in einem Kommentar des Direktors in der Mittwochsausgabe. Damit gehe unvermeidlich eine Abwertung des Lebens einher. Diese habe „viele schreckliche Gesichter“ und reiche von verbrauchender Embryonenforschung über Abtreibungen bis zur Sterbehilfe. Die Gesellschaft müsse sich wieder darauf besinnen, dass der Tod Teil des menschlichen Lebens sei. Der wissenschaftliche Fortschritt, so der „Osservatore“, werfe neue schwerwiegende moralische und soziale Fragen auf. Dabei wachse die Verantwortung von Politikern, Gesetzgebung und Richtern. Die italienische Gesellschaft solle sich nach den Wochen tiefen Streits auf den Wert und die Würde des Lebens unabhängig vom Zustand der Person besinnen. Positiv bewertet das Blatt die andauernden politischen Bemühungen um eine gesetzliche Regelung der Fragen zum Lebensende. Es gelte, zu verhindern, dass dem Schicksal Englaros weitere Fälle folgen könnten.

Kurienkardinal Javier Lozano Barragan bat in einer ersten Reaktion auf den Tod der Patientin um die Vergebung Gottes „für alle, die sie an diesen Punkt gebracht haben“. Der Präsident des Päpstlichen Rats für Krankenpastoral verlangte Aufklärung darüber, ob der Tod Englaros durch den Abbruch der künstlichen Ernährung „oder aus anderen Gründen“ erfolgt sei. Zugleich stellte er klar, dass Sterbehilfe entgegen anderen Stimmen nicht mit der Exkommunikation belegt sei.

Der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Rino Fisichella, sprach am Dienstag in Radio Vatikan von einem „Initialfehler“, dass die Medien das Schicksal der Wachkoma-Patientin zu einem Ereignis mit einer „gigantischen öffentlichen Präsenz“ hochgepusht hätten. Das habe eine inhaltliche Frontstellung erzeugt, die der Sache „nicht dienlich war und es auch in Zukunft nicht sein wird“. Fisichella verwies auf die internationalen Fernsehstationen, die in den vergangenen Tagen rund um das Pflegeheim „La Quiete“ in Udine Übertragungspositionen aufgebaut hatten. Der Erzbischof verwahrte sich gegen Vorwürfe, die Kirche habe mit ihren Lebensschutz-Forderungen ungebührlich in die Debatte eingegriffen. Sie habe nur getan, was „ihrer Natur und ihrer Mission“ entspreche. In einer Demokratie müssten Katholiken ihre Stimme einbringen dürfen. Ohne deren Beitrag würde die Gesellschaft „in den Abgrund fallen, kein Ideal mehr zu haben“, sagte Fisichella. Zugleich zeigte sich der Ethiker zufrieden mit dem italienischen Gesetzesvorhaben zu Fragen des Lebensendes. Der aktuelle Entwurf zeichne sich durch „große Ausgewogenheit“ aus. Er räume einerseits Patienten die Möglichkeit des Verzichts auf aussichtslose intensivmedizinische Maßnahmen ein und schreibe andererseits fest, dass die Versorgung mit Nahrung und Wasser keinen therapeutischen Eingriff darstelle. Wenn die öffentliche Debatte vorurteilsfrei geführt werde, habe dieser Text Aussicht auf breite Akzeptanz in der Bevölkerung, meinte Fisichella.

Die Italienische Bischofskonferenz sprach in einer Erklärung von einem „Augenblick größten Schmerzes“. „Die Gebete und Appelle zahlloser Menschen guten Willens haben nicht genügt, um ihr zerbrechliches Leben zu retten, das nur liebevolle Pflege nötig hatte“, hieß es darin. Dabei bleibe die Hoffnung aller ungeschmälert, „die an die Würde der Person und an den unverfügbaren Wert des Lebens glauben“. Die Bischöfe riefen dazu auf, sich weiter für das menschliche Leben in allen Phasen von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende einzusetzen. In Englaros Heimatstadt Lecco versammelten sich nach ihrem Tod am Montagabend viele Menschen zu einer Messe. Der Gottesdienst, geplant als Solidaritätsbekundung für Englaro, sei zu „ihrer ersten Totenmesse“ geworden, sagte Bischofsvikar Bruno Molinari. Mailands Erzbischof, Kardinal Dionigi Tettamanzi, rief in einer Botschaft zum Gebet um Weitsicht in der Sterbehilfe-Debatte auf. Nötig sei eine Lösung „jenseits der verschiedenen ideologischen Sichtweisen, juristischer und gesetzlicher Diskussionen, politischer Spannungen und medialer Verbissenheit“.

Themen & Autoren

Kirche