Durstig nach Gott

Hören, Begegnen, Losgehen: Im Wortlaut die Predigt des Papstes bei dem Wortgottesdienst, bei dem er 500 Taufbewerber aus 47 Ländern in den Katechumenat aufgenommen hat
Foto: dpa | Papst Franziskus während des Wortgottesdienstes.
Foto: dpa | Papst Franziskus während des Wortgottesdienstes.

Liebe Katechumenen,

in diesem Augenblick des Endes des „Jahres des Glaubens“ sehe ich euch hier versammelt, gemeinsam mit euren Katecheten und Verwandten, als Repräsentanten der vielen Frauen und Männer, die in ganz verschiedenen Teilen der Welt den gleichen Glaubensweg gehen wie ihr.

Ihr kommt aus vielen verschiedenen Ländern, aus verschiedenen kulturellen Traditionen und Erfahrungen. Trotzdem fühlen wir an diesem Nachmittag, dass wir unter uns etwas gemeinsam haben. Vor allem ist da eines: Das Verlangen nach Gott.

Dieses Verlangen wird in den Worten des Psalms ausgedrückt: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?“ (Ps 42, 2–3). Wie wichtig ist es doch, dieses Verlangen, dieses „Lechzen“ nach der Begegnung mit Gott zu erhalten und ihn zu erfahren, in seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit! Wenn der Durst nach dem lebendigen Gott fehlt, dann riskiert der Glaube, zur Gewohnheit zu werden, auszugehen, wie ein Feuer, das nicht angefacht wird.

Die Erzählung des Evangeliums hat uns Johannes den Täufer gezeigt, der seinen Jüngern das Lamm Gottes vorstellt. Zwei von ihnen folgen dem Meister und werden dann selber zu „Mediatoren“, die wieder anderen ermöglichen, dem Herrn zu begegnen, ihn kennenzulernen und ihm zu folgen. In dieser Erzählung gibt es drei Momente, die an die Erfahrung des Katechumenats erinnern.

An erster Stelle ist da das Hören. Die beiden Jünger haben das Zeugnis des Täufers gehört. Auch ihr, liebe Katechumenen, habt auf die gehört, die euch von Jesus berichtet haben und euch eingeladen haben, ihm zu folgen und durch die Taufe seine Jünger zu werden. In der Unruhe so vieler Stimmen, die in uns klingen, habt ihr gehört und die Stimme wahrgenommen, die euch Jesus zeigt als den einzigen, der eurem Leben den vollen Sinn geben kann.

Der zweite Moment ist die Begegnung. Die beiden Jünger begegnen dem Meister und bleiben bei ihm. Nachdem sie ihm begegnet sind bemerken sie sofort etwas Neues in ihren Herzen: das Bedürfnis, ihre Freude anderen weiterzugeben, so dass auch andere ihm begegnen können. So begegnet Andreas seinem Bruder Simon und führt ihn zu Jesus. Es tut gut, diese Szene zu betrachten! Sie erinnert uns daran, dass Gott uns nicht dazu geschaffen hat, allein zu sein, in uns selber abgeschlossen, sondern dazu, ihm zu begegnen und dazu, uns der Begegnung mit anderen zu öffnen.

Gott kommt auf jeden von uns zu; das ist wunderbar! In der Bibel erscheint Gott immer als der, der die Initiative gegenüber dem Menschen ergreift: Er sucht den Menschen, und in der Regel sucht er ihn, wenn der Mensch die bittere und tragische Erfahrung des Verrats an Gott macht und vor Gott flieht. Gott wartet nicht mit der Suche, er sucht sofort. Unser Vater ist ein geduldiger Sucher! Er kommt uns immer zuvor und wartet immer auf uns. Er entfernt sich nicht von uns, sondern hat die Geduld, den günstigen Moment zu einer Begegnung mit jedem von uns abzuwarten. Und wenn es dann zur Begegnung kommt, dann ist es nie eine eilige Begegnung, weil Gott immer bei uns bleiben will, um uns zu erhalten, um uns zu trösten, um uns seine Freude zu schenken. Wie wir uns nach ihm sehnen, so sehnt sich auch Gott danach, bei uns zu sein, weil wir zu ihm gehören, wir sind sein, wir sind seine Geschöpfe. Wir können deswegen sagen, dass auch er Durst nach uns hat, uns zu begegnen.

Der letzte Teil der Erzählung ist das Gehen. Die beiden Jünger gehen auf Jesus zu und gehen dann ein Stück des Weges gemeinsam mit ihm. Das ist eine Lehre, die für uns alle wichtig ist. Der Glaube ist ein Weg mit Jesus, und er dauert das ganze Leben. Am Ende werden wir ankommen. Sicher, in einigen Augenblicken dieses Weges fühlen wir uns müde und verwirrt. Der Glaube aber gibt uns die Sicherheit der immerwährenden Anwesenheit Jesu in allen Situationen, auch in den schmerzhaften oder schwierig zu verstehenden. Wir sind berufen, weiterzugehen und immer mehr in das Geheimnis der Liebe Gottes einzutreten, die vor uns steht und uns erlaubt, mit Seelenruhe und Hoffnung zu leben.

Liebe Katechumenen, heute beginnt ihr euren Weg des Katechumenates. Ich wünsche euch, dass ihr ihn mit Freude gehen könnt, immer der Unterstützung der ganzen Kirche gewiss, die mit so viel Vertrauen auf euch schaut. Maria, die vollkommene Jüngerin, begleite euch: Es ist schön, sie als unsere Mutter im Glauben zu erfahren! Ich lade euch ein, euch die Begeisterung des ersten Augenblicks zu erhalten, in dem euch die Augen für das Licht des Glaubens geöffnet wurden; den Tag, wie der Jünger, den Jesus liebte, zu erinnern, an dem ihr das erste Mal bei Jesus wart, seine Blick auf euch wahrgenommen habt. So werdet ihr immer der treuen Liebe des Herrn sicher sein.

Er wird euch nie verraten!

Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan.

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