Durst nach Gott

Missionsarbeit im Traveller-Paradies: Schwester Maribel wirkt auf Big Corn Island in Nicaragua als Glaubensbotin. Von Andreas Drouve
Schwester Maribel
Foto: Drouve | Als Leiterin einer Grundschule hat Schwester Maribel die Zukunft der Kirche im Blick.

Mit acht Jahren schon wollte ich Missionarin werden“, schaut Schwester Maribel Marchena, 36, zurück und stellt klar: Missionarin ja, aber keine Ordensfrau. Es kam anders. Sie begegnete, immer noch ein Mädchen, Teresita Ortez, der Gründerin der Kongregation der Dienerinnen des Heiligen Antlitzes, auf Spanisch: „Congregación Hermanas Siervas del Divino Rostro“. Mutter Teresita, die den Orden Ende der 1980er Jahre ins Leben gerufen hatte, sagte der jungen Maribel voraus: „Du wirst einmal Nonne sein.“ Maribel spürte, wie tief im Innern etwas zu nagen begann, eine unbestimmte Unruhe in ihr wuchs. Es erfasste ihr Herz, ihre Seele. „Das kam regelrecht aus mir heraus. Ich spürte Durst nach Gott“, reflektiert sie. Sie wartete bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr und verließ das Elternhaus im Norden Nicaraguas. Für immer. In der Hauptstadt Managua schloss sie sich der Schwesterngemeinschaft an. „Das war die schönste Erfahrung meines Lebens. Es waren meine ersten Schritte als Missionarin“, sagt sie. Die ersten Gelübde legte Maribel als 17-Jährige ab. 2004 folgte die ewige Profess.

Maribel hat auf ein Holzbänkchen gegenüber der Kirche gebeten, die Unserer Lieben Frau vom Meeresstern geweiht ist. Auf dem Gelände wachsen Kokospalmen. Ein Pelikan segelt vorüber. Salzhauch hängt in der Luft. Das Meer ist nur wenige hundert Meter entfernt. Es ist warm, wie immer, um die dreißig Grad. Maribel trägt ihre weinrote Ordenstracht und daran den Rosenkranz, um den Hals ein kleines Kreuz.

Seit zwei Jahren lebt sie auf Big Corn Island, der „Großen Mais-Insel“, ein territoriales Anhängsel Nicaraguas in der Karibik. Die Insel diente einst als Piratenversteck. Heute fühlen sich Traveller wie im Paradies. Die meisten schaukeln in Propellermaschinen aus Managua ein und haben es auf anderweitige Schätze abgesehen: die Strände, die tropische Vegetation, die Tauch- und Schnorchelreviere im kristallklaren Wasser, das Lebensgefühl des karibischen Easy-going.

Maribel hat anderes im Sinn. Ihre ganze Konzentration gilt der Arbeit als Glaubensbotin. Sie leitet die katholische Grundschule bei der Kirche, gibt Religionsunterricht. Offiziell ist sie zur Verwalterin von dem ernannt worden, was sie „Quasi-Pfarrgemeinde“ nennt. Einen Geistlichen, der kontinuierlich Dienst tut, gibt es nicht. Einmal im Monat kommt Pfarrer Anthony vom Festland aus der Stadt Bluefields.

Grundanspruch der Schwestern ist es, immer dort tätig zu werden, wo es keinen oder keinen festen Pfarrer gibt, wo der Christenglaube brach liegt, Anstöße dringend notwendig sind, Bedürftige Hilfe brauchen. Über Nicaragua hinaus hat der Orden in Costa Rica und Ecuador Wurzeln geschlagen. Die Gesamtzahl der Schwestern schätzt Maribel auf 45. Die Altersstruktur ist jung. Hier auf Big Corn Island sind sie zu dritt. Maribel ist die älteste, Jaritza García 27, Araceylin Elizabeth Pérez 24.

Die Arbeit in der Schule macht nur einen Teil des Tätigkeitsfeldes von Maribel aus. „Wir gehen in die Viertel, so wie ich es mir als Missionarin erträumt hatte“, sagt sie. Dort beten sie mit den Leuten, führen Gespräche, hören zu. „Irgendwann kommt aber der Moment, das Netz auszuwerfen“, bringt sie zielgerichtet das Bild des Menschenfischers Jesus ins Spiel. Auf der zehn Quadratkilometer großen Insel, auf der sich geschätzte 13 000 Menschen ballen, fehle es an christlicher Identität, an Orientierung. Es gebe eine „große Verwirrung“ mit diversen religiösen Gruppierungen. Wer per Vespa oder Rad eine Inseltour startet, weiß, was Maribel meint. Es gibt Baptisten, ein „Christliches Zentrum Neues Leben“, die „Pfingstkirche Maranatha Alpha und Omega“, die Siebenten-Tags-Adventisten.

Zufrieden und etwas stolz zieht Maribel ein vorläufiges Fazit ihrer bisherigen Arbeit. Der Zulauf steigt. Zehn Kinder bereiten sich auf ihre Erstkommunion vor, am missionarischen Frühunterricht nehmen 25 Vier- bis Siebenjährige teil. Als Erfolg wertet sie auch den eucharistischen Donnerstag, immer um 17 Uhr. Sonntag vormittags werde die Kirche beim Gottesdienst immer voll, mit oder ohne Pfarrer Anthony. Ist er nicht da, was meistens der Fall ist, beschränken sich die Schwestern auf die Wortgottesfeier. In die Grundschule gehen etwa hundert Kinder. Doch nicht jede Familie kann das Schulgeld aufbringen. Kostenpunkt: 350 Córdoba im Monat, umgerechnet knapp zehn Euro. Dann muss Maribel nach anderen Lösungen suchen. Unterstützung aus dem Ausland wäre sicher willkommen. Wer sich mit dem Gedanken trägt, einmal eine Schülerpatenschaft zu übernehmen – hier wäre das Geld mit Sicherheit gut angelegt. Nicaragua ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas.

Maribels Lachen steckt an. Ihre tiefdunklen, fast schwarzen Augen funkeln vor Lebensfreude. Klein und drahtig ist sie. Und hübsch. Ob man das über eine Missionsschwester sagen darf? Sie weiß – und da muss sie schmunzeln, wenn sie das erzählt –, welchen Eindruck sie auf das andere Geschlecht macht. Zu ihrer Grundschulzeit buhlten zwei Jungs um ihre Gunst. „Der eine brachte mir immer eine Orange mit, der andere eine Banane“, so Maribel. Kraft gibt ihr die Jungfrau von Guadalupe. „Oft bitte ich sie: Mutter, nimm mich unter deinen Mantel, ich allein kann das nicht schaffen“, sagt sie. Problematisch ist der Umgang mit manchen Eltern, die sie in ihrem schlichten Büro empfängt. Oder bei der Initiative „Eltern-Schule“, einmal im Monat. „Zuhause schreien die Eltern oft die Kinder an, aber dadurch löst man keine Probleme“, erlaubt Maribel einen Blick hinter die Fassade. Die paradiesisch-lockere Oberfläche der Insel bekommt weitere Risse, wenn sie von Mobbing gegenüber „dicken oder schwarzen Kindern“ erzählt.

„Ich habe so gut wie keine Freizeit“, antwortet Maribel auf die Frage, was sie sonst gerne macht. Wenn, dann liest sie. Oder gibt Kindern mit Problemen persönlich Halt. Geht sie auf der Insel nicht mal an den Strand? Das lockt sie ein wenig aus der Reserve – und macht sie umso menschlicher. „Na gut, wenn ich mich sehr, sehr müde fühle“, räumt sie ein, „dann schwimme ich mal eine halbe Stunde im Meer.“ Tauscht sie dann die Ordenskleidung gegen den Badeanzug? „Nein, ich ziehe T-Shirt und Shorts an“, entgegnet Maribel.

Weitere Artikel
Über die Missionarin Maribel Marchena
Vom Bedürfnis nach Gott erfasst Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung
"Mit acht Jahren schon wollte ich Missionarin werden": Das Porträt einer Glaubensbotin auf Big Corn Island in Nicaragua.
12.09.2018, 14  Uhr
Themen & Autoren
Elternhaus Gott Grundschulen Managua Missionare Nonnen Ordensschwestern Religiöse Orden Schwestern Siebenten-Tags-Adventisten Spanische Sprache

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier