Du Königin vom heiligen Rosenkranz

Die Rosenkranzmadonna Tilman Riemenschneiders und ihre geistliche Bedeutung – Letzte Folge der Beitragsserie zu den Anrufungen der Lauretanischen Litanei

Mit der Anrufung „Du Königin vom heiligen Rosenkranz“ aus der Lauretanischen Litanei beschließen wir diese Serie zum Marianischen Jahr. Dieser Hoheitstitel Mariens fasst im Grunde die unterschiedlichen Intentionen der verschiedenen Marienlobpreisungen zusammen. Kein Geringerer als Tilman Riemenschneider (ca. 1460–1531) hat hiermit in seiner Amtszeit als Bürgermeister von Würzburg ein Meisterwerk geschaffen, das als Bild gewordener Rosenkranz seit 1524 in der Wallfahrtskirche Maria im Weingarten bei Volkach hängt.

Stand ursprünglich der lateinische Name rosarium (Rosenkranz) für einen echten Kranz von Blüten als Kopfschmuck der Damen und als Schmuck für eine Marienstatue Pate, so konnte er im 13. Jahrhundert auch für eine literarische Sammlung stehen. In dieser Zeit entwickelte sich der Brauch, statt der wirklichen Rosen einen Kranz von 50 Gegrüßet-seist-du-Maria zu sprechen, die auch anhand einer Perlenschnur, den man nun seinerseits als Rosenkranz bezeichnete, gebetet wurden.

Anti-marianische Vorwürfe der Reformation

Dieses Rosenkranzgebet umfasst im Laufe einer langen Entwicklung die unterschiedlichsten Lebensereignisse Jesu Christi. Trotz vielfach geäußerter Kritik, dass dieses Gebet ein Relikt veräußerlichter und magieverdächtigter Volksfrömmigkeit sei, wurde es zum weit verbreitetsten katholischen Volksgebet. Sicherlich musste sich auch Tilman Riemenschneider mit entsprechenden Vorwürfen während der Reformationszeit auseinandersetzen. Die Tatsache aber, dass er auf seinem Grabstein, den ihm sein Sohn Jörg anfertigen ließ, mit einem Rosenkranz in der Hand dargestellt ist, zeigt, dass er dem katholischen Glauben treu geblieben ist und das Rosenkranzgebet als Helfer auf dem Weg zum Ewigen Leben verstanden hat.

Der Gefahr, dieses Gebet zu einem mechanischen Lippengebet verkommen zu lassen, wurde durch die Einfügung der einzelnen Rosenkranzgeheimnisse begegnet, die jeweils ein Licht auf einzelne Heilsgeheimnisse werfen und somit den Beter meditativ und beharrlich in die inneren Schichten göttlichen Heilshandelns führen. Nicht Maria steht im Mittelpunkt, sondern das Leben Jesu. Nicht nur das Erinnern an historische oder im Glauben erkannte Ereignisse nimmt die Mitte ein, sondern auch das Bewusstwerden göttlichen aktuellen Handelns an uns.

Riemenschneider stellt in die Mitte des Rosenkranzbildes die lebensgroße, von einem Flammenkranz umstrahlte Madonna. Sie steht auf einer Wolke und hat den Mond zu Füßen. Diese Darstellung erinnert sofort an die sonnenumkleidete Frau der Apokalypse. Diese visionär von Johannes auf der Insel Patmos gegen Ende des ersten Jahrhunderts geschaute Frauengestalt, die sowohl synagogale wie kirchliche und marianische Züge in sich trägt, wird hier als verheißungsvolles Zeichen menschlicher Vollendung in der Gestalt Mariens vor Augen geführt und damit zu einem eindrucksvollen Trostbild für den Beter.

Mit der linken Hand hält Maria das Kind, das sich an die Mutter schmiegt und in ihr den lebendigen Thron findet. Maria neigt sich dem Kinde zu, ohne es direkt anzuschauen. Mit ihrer frontalen Stellung ist sie ganz auf den Betrachter ausgerichtet. Gegenüber früheren Mariendarstellungen Riemenschneiders ist ihr Kleid einfacher gestaltet und der Faltenwurf stiller geworden.

Die beiden oberen Engel neben dem Haupt Mariens hielten ursprünglich eine Krone in Händen. Damit wird Maria als die Königin des Rosenkranzes ausgewiesen. Die beiden Engelpaare zuunterst und in der Mitte musizieren und verweisen auf eine himmlische Musik, in die die mit jeweils zehn stilisierten Rosenblüten verbundenen Medaillons der einzelnen Rosenkranzgeheimnisse einbezogen werden.

Die Thematik der jeweiligen Betrachtungsgeheimnisse wandelte und vermehrte sich im Laufe der Jahrhunderte. Auf den fünf hier abgebildeten Rundbildern sehen wir zuoberst die Verkündigung an Maria, und nach rechts folgend die Begegnung Mariens mit Elisabeth, dann die Geburt Christi, die Anbetung der Weisen und schließlich den Tod Mariens. Wie in der uns bekannten Anordnung des Freudenreichen Rosenkranzes schließen sich an die Verkündigungsszene, die Heimsuchungs- und die Geburtszene Jesu an. Anders als wir es kennen folgt bei Riemenschneider statt der Darstellung Jesu im Tempel die Anbetung der Könige. Verständlich wird dies im Blick auf die Gesamtthematik dieses Werkes: Königin des Rosenkranzes. Ebenso schließt sich hier folgerichtig der Tod Mariens an, der in der Himmelfahrt und Krönung Mariens sein endgültiges Ziel findet. Im Blick auf die Vollendung Mariens findet der Beter auch die Verheißung seines Lebenszieles. Somit vermag er darin Trost und Ermutigung für sich zu finden.

Roter Faden zur Vollendung

Interessant ist, dass auf der Rückseite der fünf Medaillons die fünf Wunden Jesu zu finden sind. Hier wird der Schmerzreiche Rosenkranz im Herz Jesu und seinen Hände- und Fußwundmalen aufgerufen. Inmitten einer blühenden Rose bilden sie das Zentrum des jeweiligen Medaillons. Wie die beiden Seiten einer Medaille gehören zu den freuden- und glorreichen Geheimnissen des Rosenkranzes auch die schmerzreichen.

Tilman Riemenschneider hat uns keine Tagebücher oder Selbstbeobachtungen hinterlassen – wie beispielsweise Albrecht Dürer. Er tritt vielmehr ganz hinter seinem Werk zurück und pflegt damit eine mittelalterliche Tradition, die Gott als den Schöpfer, den eigentlichen Erstschaffenden, anerkennt. Dabei strömen seine Werke auch heute noch den Lebensatem der ersten Schöpfungsstunde aus und erlauben dem Betrachter, etwas von der Beseelung des Menschen zu erahnen, die im Beginn des menschlichen Seins schon die Verheißung auf die Vollendung in sich trägt. Der Mensch ist für das vollkommene Glück in Gott geschaffen, das er im Ewigen Leben erreichen soll. Gerade die Gottesmutter Maria reicht uns als Königin vom heiligen Rosenkranz eine geistige Gebetsschnur, an der wir uns – wie an dem berühmten roten Faden – zur Vollendung entlang tasten können.

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