Die Wahrheit lässt sich nicht organisieren

Ein Gespräch mit Kardinal Gerhard Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, über die Ehe- und Familiendebatte in der Kirche. Von Stefan Meetschen
Foto: reg | Kardinal Gerhard Müller.
Foto: reg | Kardinal Gerhard Müller.
Eminenz, das Referendum in Irland hat bewiesen: Unter den Katholiken gibt es viele, welche die kirchliche Lehre zu Ehe und Familie im persönlichen und politischen Leben nicht mehr beachten. Muss sich die Kirche auf weitere Niederlagen auf diesem Gebiet einstellen?

Ich beglückwünsche alle, „die ihre Knie nicht gebeugt haben“ (Röm 11, 4) vor den Götzen der Selbsterschaffung und Selbsterlösung, die uns zielsicher in die Selbstzerstörung führen werden – wie andere politische Ideologien zuvor. Was ist nicht alles schon schöngeredet worden! Tatsächlich ging es aber nicht darum, dass homosexuell empfindende Menschen nicht diskriminiert werden. Das ist eine Selbstverständlichkeit. „Nichtdiskriminierung“ war nur die Schalmei, mit der sich die Naiven in den Schlaf des Gewissens wiegen ließen. Das Ziel des Ganzen ist die Diskriminierung des Ehebundes von Mann und Frau und somit eben auch der Familie, die Lebensgemeinschaft von Vater und Mutter ist mit ihren Kindern, die Gott ihnen geschenkt und anvertraut hat. Die Kinder sind nicht Eigentum der Gesellschaft und des Staates, der sie bei Leuten, die sich einen Wunsch erfüllen wollen, zur Pflege gibt, sondern sie sind Eigentum Gottes, der die Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat. Insofern hat Kardinalstaatssekretär Parolin den richtigen Ausdruck gefunden: eine Niederlage für die Menschheit und nicht nur, wie die Medien triumphierten, eine Niederlage für die katholische Kirche. Die Mehrheit, die auf diese Weise organisiert wurde, sagt aber nichts über die Wahrheit aus. Die Wahrheit wird sich durchsetzen, wenn auch unter großen Opfern! Wenn der Ehebund eine Lebensgemeinschaft von einem Mann und einer Frau ist, kann die Ehe nicht auch mit dem gleichen Wort die Bezeichnung für die Verhältnisse von Menschen zueinander ganz anderer Art sein.

Warum sind Sie so sicher?

Man kann auch nicht zuerst das Fundament eines Hauses umstürzen und dann in dieses einziehen wollen. Die Ehe entsteht ihrem Wesen nach aus dem freien Ja-Wort, das ein Mann und eine Frau sich geben, und besteht in der Tatsache, dass sie „ein Fleisch sind“ (das unauflösbare Eheband) und eine (natürliche und sakramenentale) Lebenswirklichkeit bilden, die von Gott selbst gestiftet ist (vgl. Mt 19, 6). Daraus ergibt sich die Offenheit für Kinder als Erweiterung dieser Liebe und die lebenslange Treue zu dem einen Mann beziehungsweise der einen Frau, zu dem oder zu der man Ja gesagt hat mit der Konsequenz, dass Ehebruch eine schwere Sünde ist, die vom Gottesreich ausschließt (Gal 5, 19), solange der Sünder nicht durch Reue, Bekenntnis, Wiedergutmachung und die Absolution die Wiederversöhnung mit Gott und der Kirche erlangt hat. Das sind die wesentlichen Grundlagen der Ehe. Ansonsten ist das Wort Ehe nur noch eine Hülse, das man beliebig füllt mit beliebigen Inhalten. Wenn man aber jede Beziehung von Menschen, in welcher Weise und Zahl auch immer, Ehe nennt, dann hat das Wort „Ehe“ jeden Bezugspunkt verloren, nämlich die spezifische Differenz, ohne die eine Definition nur eine Tautologie wäre. Deshalb ist es wichtig, dass das Volk Gottes mit dem Papst und den Bischöfen, denen die Führung der Kirche anvertraut worden ist, klar einsteht für die im Naturrecht und im Schöpfungswillen Gottes begründete Ehe von Mann und Frau. Die Ehe als Lebensbund von Mann und Frau ist die Keimzelle eines gesunden Wachstums von Gesellschaft und Kirche. Wir treten hier übrigens nicht nur für Inhalte ein, die sich unmittelbar aus der übernatürlichen Offenbarung in Jesus Christus ergeben, sondern für etwas, das schon in der Schöpfung selbst grundgelegt ist. Der Heilige Vater wird dieses Thema auch in der kommenden Enzyklika klar ansprechen: Die Bewahrung der Schöpfung bedeutet ja nicht nur Flora und Fauna, die Grundelemente Feuer, Wasser, Erde, Luft und Licht, sondern auch die Grundlage der ganzen Anthropologie. Es geht um das Menschenbild, den konstitutiven Aufbau des Menschseins „als Person in Gemeinschaft“ im Licht von Schöpfung und Heilsgeschichte.

Stichwort Schöpfung: In Deutschland gibt es mit dem Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) eine Einrichtung, die sich zu den Themen Homosexualität und Familie gern mit kreativen Ideen zu Wort meldet. Die Segnung homosexueller Paare und der Zugang wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten wurde vorgeschlagen. Wie stehen Sie dazu?

Das Zentralkomitee der deutschen Katholien ist ein Gremium, das den Laienapostolat fördern und auch in die öffentliche Diskussion hinein christliche Grundüberzeugungen einbringen soll für das Gemeinwohl der ganzen Gesellschaft, auch wenn sie pluralistisch ist. Man hat dort keine Kompetenz, anstelle des Lehramts wesentliche Inhalte der Offenbarung zu interpretieren oder ihres Inhaltes zu entleeren oder gar im Namen eines säkularisierten Denkens „Forderungen“ an das Lehramt des Papstes und der Bischöfe zu stellen. Das ZdK kann sich auch nicht auf demokratische Legitimation berufen, wenn es darum geht, die Vollmacht und die Mission der ganzen Kirche, die Offenbarung in Jesus Christus zu bewahren und zu vergegenwärtigen. Diese ist von Gott gegeben und nicht ausgedacht wie ein Parteiprogramm von einer Gruppe, die sich organisiert, die sozusagen die Offenbarung in die eigene Regie nimmt und Gott am Ende belehren will, was er eigentlich gemeint haben sollte, als vor 2 000 Jahren in Jesus Christus, dem Fleisch gewordenen Wort des Vaters, die geschichtlichen Offenbarung abgeschlossen wurde und von nun an im Heiligen Geist der Glaubensgemeinschaft für immer aufgeschlossen bleibt. Die Forderung, etwas zu segnen, also von Gott her gut zu heißen, was Gott selber in der Offenbarung nicht gut nennt, und was einen Verstoß gegen das sechste Gebot darstellt, ist ein schreiender Widerspruch zum Wort Gottes. Auch mit Berufung auf die Psychologie und Soziologie ist hier keine Verringerung des Abstands zwischen Kirche und entchristlicht-neuheidnischer Gesellschaft zu erreichen. Statt mehr gesellschaftlicher Akzeptanz wird man nur mehr Irrelevanz ernten in allen existenziellen Fragen. Humanwissenschaftliche Forschung kann durchaus in der pastoralen Sorge um konkrete Menschen dienlich sein. Oft müssen aber die weltanschaulichen Thesen, die aus empirischen Daten gewonnen oder gesponnen sind, gereinigt werden von falschen anthropologischen Annahmen, besonders wenn sie aus einem „Humanismus ohne oder gegen Gott stammen“. Jedes Menschenbild ohne Gott und jeder Gesellschaftsentwurf gegen Gott ist zum Scheitern verurteilt. Schauen wir nur auf die katastrophalen Ergebnisse der Gesellschaftsexperimente in Ländern, die von gottlosen Regimes durchgeführt worden sind, mit Millionen von Menschen ohne Heimat und Geborgenheit in Gott, ohne Erfahrung, „dass sie zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes bestimmt sind“ (Röm 8, 21), sehen wir auf die Orientierungslosigkeit in religiösen, moralischen und kulturellen Fragen.

Vor wenigen Tagen hat in Rom ein diskretes Treffen von Bischöfen, Theologen und Medienleuten aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz stattgefunden, sozusagen als theologische Vorbereitung für die Synode im Herbst. Ist das in Ordnung?

Es darf sich jeder mit jedem an beliebiger Stelle über wichtige Fragen austauschen. Aber vielleicht sollte nur das Sprichwort bewahrheitet werden: „Alle Wege führen nach Rom.“ Bekanntlich muss mit der römischen Kirche wegen ihrer einzigartigen Gründungsautorität in Petrus und Paulus jede andere Kirche in der Glaubens- und Sittenlehre übereinstimmen. Schließlich ist die römische Kirche Mutter und Lehrmeisterin aller Kirchen. Sie lehrt und wird nicht belehrt. Sie braucht von niemanden, so überlegen und zeitgemäß er sich auch vorkommen mag, erst auf den Begriff des rechten Glaubens gebracht zu werden, weil in ihr die apostolische Tradition treu bewahrt worden ist und immer bewahrt wird (vgl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien III, 3). Die Wahrheit, von der wir sprechen, ergibt sich aus dem Wort Gottes (in Schrift und Tradition). Die Offenbarung treu und vollständig zu bewahren ist der Kirche insgesamt anvertraut. Und alle haben hier einen besonderen Auftrag: Laien, Ordensleute, das Lehramt des Papstes und der Bischöfe. Man kann die Wahrheit nicht organisieren. Wenn dieses Prinzip greifen würde, dass das in der Kirche als wahr gilt, was über Meinungsmacher auf den Weg gebracht wird, die Bewusstseinsbildung betreiben, dann wäre die Kirche in ihren Fundamenten erschüttert. Der Begriff der Offenbarung mit seiner kirchlichen Vermittlung ist klar ausgesprochen in den beiden Dogmatischen Konstitutionen Dei Filius des I. Vatikanums und Dei Verbum des II. Vatikanums. Die Lehre über die Ehe und auch die Sexualmoral findet sich lehramtlich zusammengefasst in Gaudium et spes 47–52 und im Katechismus der Katholischen Kirche. Gewiss gibt es ein tieferes Verständnis der geoffenbarten Wahrheit und auch die Notwendigkeit, pastoral und kirchenrechtlich auf die jeweiligen Situationen konkret einzugehen. Aber die Grundlagen sind ein für allemal gelegt. Die Wahrheit macht frei (vgl. Joh 8). Und die christliche Freiheit findet ihre Erfüllung in der Liebe (vgl. Gal 5). Angesichts der Prinzipien katholischer Theologie, die allen dualistischen Theoremen wie schon Irenäus von Lyon gegen den Gnostizimus herausgearbeitet hat, widerstreben, ist es geradezu absurd, der Theologie des Leibes von Johannes Paul II. eine Theologie der Liebe, mit der dann die verbindliche Ehelehre etwas elastischer und relativierter gemacht werden soll, entgegen (!) zu stellen, so als ob die Ehe von Mann und Frau nicht eine integrale Gemeinschaft des Leibes, der Liebe und des Lebens wäre.

Was spricht dagegen, mit den Bischofskonferenzen anderer Länder den Standpunkt abzustimmen und ihnen die Lebenswirklichkeit zu erklären?

Die Synode ist nicht ein Zusammenschluss von einzelnen Bischofskonferenzen, weil die Weltkirche nicht einen Verbund von autokephalen Nationalkirchen darstellt. Bei der Bischofssynode sind die Bischöfe als Zeugen und Lehrer des geoffenbarten Glaubens eingeladen vom Papst, um über wichtige Fragen des Glaubens- und der Sittenlehre und des christlichen Verhaltens zu sprechen, und nicht um die geoffenbarte Wahrheit an irgendwelche Lebenswirklichkeiten anzupassen, das heißt hier konkret den Prozess der Säkularisierung der Ehe seit dem 18. Jahrhundert nun auch in die Kirche einmünden zu lassen. Es geht darum, den Menschen in Christus das Heil zu bringen, Erneuerung und Versöhnung zu ermöglichen. So ist das Reich Gottes von Jesus proklamiert worden: Wir sollen umkehren, unser Denken und Verhalten erneuern. Glauben an Jesus und Nachfolge Christi, Bekenntnis zu Gott und ein neues Leben sind untrennbar. Wenn man diese sogenannte Lebenswirklichkeit jetzt auf dieselbe Stufe stellen will wie Schrift und Tradition, dann ist das nichts anderes als die Einführung des Subjektivismus und der Beliebigkeit, die sich sentimental und selbstgefällig in fromme Worte hüllen. Wenn man allerdings bedenkt, was schon alles als Lebenswirklichkeit da war und gegolten hat, was die Sendung der Kirche schrecklich verdunkelt hatte, dann sollte man aus der Geschichte wirklich lernen. Das germanische Eigenkirchenwesen und die Feudalgesellschaft beispielsweise, an die man sich so weltklug angepasst hatte, dass die Bischöfe sich mehr als Landesfürsten denn als geistliche Hirten gefühlt haben, das ist auch eine Lebenswirklichkeit unserer deutschen Vorfahren gewesen. Die Reichsbischöfe haben daran starr festgehalten, weil sie gemeint haben, es sichere ihnen einen großen gesellschaftlichen Einfluss, aber das Ganze war doch zum schweren Schaden für die Kirche und hat die Säkularisierung des Menschenbildes und der Kultur, unter der wir jetzt leiden, mit herbeigeführt. Der antichristliche Furor der französischen Revolution wäre ohne den politischen Gallikanismus (die Kirche als ideologischer Garant der Staatsräson im Absolutismus, die gallikanischen Freiheiten gegen Rom, dem König unterwürfige Bischöfe), geschichtlich so nicht möglich gewesen. Deshalb sollte man auch mit Blick auf die Geschichte etwas klüger und vorsichtiger sein, wenn man irgendwelche Lebenswirklichkeiten heranzieht, um die scheinbar nicht lebbare Sexualmoral zu relativieren. Warum lassen wir uns nur durch die falschen Vorwürfe des Puritanismus und der Gebots- und äußerlichen Gehorsamsmoral einschüchtern? Die Lebenswirklichkeit kann manchmal sehr heidnisch sein. Unser Glaube ist kein Kompromiss aus akzeptablen christlichen Ideen und abstrakten Prinzipien und einer heidnischen Lebenspraxis. Die Freiheit und Eigenverantwortung der Bischöfe wird von Rom gestärkt, hingegen von staatskirchlichen Nostalgien und dem Feilschen um gesellschaftliche Akzeptanz bedroht.

Bei manchen Katholiken an der Basis breitet sich die Sorge aus, dass die Kirche immer stärker von sozialen Projekten und dem Zeitgeist bestimmt wird als von den Dogmen und der Transzendenz. Sind solche Sorgen berechtigt oder unberechtigt?

Der Heilige Vater warnt immer davor, dass wir eine Nichtregierungsorganisation werden, dass wir uns also in einer säkularisierten Welt auf säkularistische Weise legitimieren. Beispielsweise, indem wir sagen, wir sind der größte Arbeitgeber nach dem Staat, aber deshalb müssen wir auch unser christliches Profil herabsenken, damit wir unsere gesellschaftliche Position behaupten können. Ich glaube, dass der umgekehrte Weg richtig ist: Wir sind berufen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Es ist schön und aller Mühe wert, wenn viele dabei mitmachen, denn Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und selig werden, das ewige Leben finden. Das Salz darf dabei aber nicht schal werden, sonst wird es auf die Straße geworfen und von den Menschen zertreten (vgl. Mt 5,13).

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24.09.2021, 10 Uhr
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