Die Stunde der „Ratzingerianer“

Mehr als nur ein „Lager“: Was für jene Papstwähler zählt, für die das geistige Erbe Benedikts XVI. maßgebend ist. Von Guido Horst
Foto: dpa | Erst der Austausch, dann die Wahl. Ein haushoher Favorit für das Konklave ist noch nicht in Sicht.
Foto: dpa | Erst der Austausch, dann die Wahl. Ein haushoher Favorit für das Konklave ist noch nicht in Sicht.

Rom (DT) Es ist ein seltsames Gespann, das zurzeit im Vatikan die Geschäfte führt. Da ist zum einen Kardinal Tarcisio Bertone, dessen Amt als Staatssekretär in der Zeit der Sedisvakanz ruht, der dafür aber als Camerlengo die administrativen Akte der Kurie verantwortet. Und da ist Angelo Sodano, der in seiner Eigenschaft als Dekan des Kardinalskollegiums die Generalkongregationen der in Rom versammelten Purpurträger leitet. Denkt man an die ersten Monate der Amtszeit von Kardinalstaatssekretär Bertone, so könnten die Gegensätze nicht größer sein.

Da war auf der einen Seite der erfahrene Vatikandiplomat Sodano, der mit Können, Pragmatismus und einem gewissen Bewusstsein für die Macht und die Möglichkeiten seines Amtes seit 1991 der römischen Kurie vorstand und es fertigbrachte, nach der Ernennung Bertones im September 2006 in aller Ruhe in der Dienstwohnung des Kardinalstaatssekretärs zu bleiben, bis sein Ruhestandssitz im Äthiopischen Kolleg in den Vatikanischen Gärten den notwendigen Schliff erhalten hatte. Die ersten Monate seiner Zeit als Staatssekretär musste Bertone im Turm von Johannes XXIII. im Vatikan wohnen. Und da ist der Salesianer, der nicht aus dem diplomatischen Dienst der Kurie hervorgegangen war, sondern lange Jahre als Sekretär der Glaubenskongregation an der Seite Kardinal Joseph Ratzingers gearbeitet hatte, diesem treu und loyal ergeben, aber glücklos in der Leitung der Kurie, wie sich später zeigen sollte.

So groß der Gegensatz zwischen Sodano und Bertone auch ist, so wenig eignet er sich jedoch dafür, an diesen beiden Personen zwei Lager unter den Kardinälen festzumachen, die dann im Konklave jeweils ihren Kandidaten zum Papst machen möchten. Abgesehen davon, dass die Begriffe „konservativ“ und „progressiv“ nicht mehr taugen, um gewisse Flügel im Kollegium der Papstwähler zu kennzeichnen, sind beim bevorstehenden Konklave eigentlich überhaupt keine Lager mehr festzustellen. Es gibt Einzelpersönlichkeiten, die auffallen: etwa der mit 55 Jahren ziemlich „junge“ Erzbischof von Manila, Kardinal Luis Antonio Tagle, ein Halb-Chinese, oder der Kapuziner aus Boston, Kardinal Sean Patrick O’Malley mit dem dichten weißen Bart. Auch ist immer wieder die Rede von Peter Turkson, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden. Sofort nach der Rücktrittsankündigung von Benedikt XVI. tauchte der Name des telegenen Kardinals aus Ghana immer wieder als erster möglicher Papst aus Afrika auf. Man fragt sich eigentlich warum. Nicht nur, dass es sich Turkson mit der Vorführung eines sehr islamkritischen Videos bei der jüngsten römischen Bischofssynode mit einigen Kardinalskollegen verscherzt hat. Auch seine Darlegungen, warum es in Afrika keine Homosexualität gebe, waren einigen dann doch zu naiv. So etwas merken sich die Papstwähler, wenn es gilt, zur Tat zu schreiten.

Schaut man auf die papstwahlberechtigten Kardinäle, so fallen einem also keine rechten oder linken Lager auf. Aber eine Gruppe gibt es: die der erklärten „Ratzingerianer“, die im Laufe der Jahre – oder besser im Laufe der Konsistorien von Benedikt XVI. – immer weiter gewachsen ist. An Anfang gehörten fast nur die Kardinäle dazu, die als Großwähler geholfen hatten, Kardinal Ratzinger auf den Papststuhl zu heben. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner etwa oder die graue Eminenz der Kirche in Italien, Kardinal Camillo Ruini. Und selbstverständlich Kardinal Bertone oder die Ratzinger-Vertrauten Angelo Scola und Christoph Schönborn. Dann aber kamen immer mehr dazu. Der Salesianer-Kardinal Angelo Amato, Präfekt der Heiligsprechungskongregation, ist ein „Ratzingerianer“, auch Carlo Caffarra, seit 2003 Erzbischof von Bologna und seit 2006 Kardinal. Dasselbe gilt für Kardinal Angelo Comastri, den Erzpriester der Petersbasilika, oder für Mauro Piacenza, seit 2010 Kardinal und Präfekt der Kleruskongregation. Der spanische Kardinal Antonio Canizares Llovera ist so sehr „Ratzingerianer“, das er noch in seiner Zeit als Erzbischof von Toledo den Spitznamen „der kleine Ratzinger“ trug. Viele weitere Kardinäle gehören dazu. Peter Erdö etwa, der Primas von Ungarn, Marc Ouellet, der Kanadier an der Spitze der Bischofskongregation, Kurt Koch, der Präsident des Einheitsrats, oder Kardinal Albert Malcolm Ranjith Patabendige Don, seit 2009 Erzbischof von Colombo. Und diese Liste ist noch lange nicht vollständig.

Doch was zeichnet die „Ratzingerianer“ aus, was für ein Lager ist das, wenn man es überhaupt als solches bezeichnen möchte? Deutlich wird das an der „Gegenfigur“. Lässt man einmal Kardinal Sodano beiseite, der zu alt ist, um an der Papstwahl teilzunehmen, wäre eine solche „Gegenfigur“ Kardinal Giovanni Battista Re, der als ranghöchster der Papstwähler das kommende Konklave leiten wird. Ein rechtgläubiger, papsttreuer und ohne ideologische Auffälligkeiten daherkommender Mann der Kurie, der aber die Akzente anders setzt. Im Inneren glaubt er wohl, was Papst Benedikt glaubt, aber ihm geht es vor allem um die Institution. Die Institution Kirche. Als Kardinal Angelo Sodano auf dem Höhepunkt des Skandals um „Vatileaks“ das Wort ergriff und die Mitarbeiter der Kurie zur Einheit und Geschlossenheit aufrief, tat er das nach dem Motto: „Die Institution muss überleben“. Auf dem Höhepunkt der Krise vor einem Jahr war das Papsttum tatsächlich ordentlich ins Wanken gekommen.

Aber geht es den „Ratzingerianern“ nicht um die Institution, um das Heil und die Stabilität der Kirche? Natürlich ist das auch ihnen ein Anliegen. Aber wie gesagt, es geht hier um Akzente. Und bei den „Ratzingerianern“ liegt der Schwerpunkt – wie bei Kardinal Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. – auf der Frage nach Gott, auf dem Glauben. Noch vor der Institution liegt ihnen die alles entscheidende Frage am Herzen: Nicht dass es Gott gibt – letztlich weiß das auch der Atheist –, sondern wie es möglich ist, der Zeit und den Menschen von heute zu erklären, dass dieser Gott in die Geschichte der Menschheit eingebrochen ist, in der Person Jesu ein Gesicht aus Fleisch und Blut erhalten hat sowie in der einen Kirche Christi weiterlebt und gegenwärtig ist. Das ist mehr als die Institution. Das ist die Rückkehr zum Wesentlichen, zum Kern des katholischen Credos, das ist die immerwährende Reform der Kirche, die Joseph Ratzinger in seiner Zeit als Theologe, Kardinal und dann Papst immer wieder aufgeworfen hat: Alles wegzunehmen, was stört, um den Glauben rein und unverschmutzt zu verkünden. Mit einem Wort: Entweltlichung.

Natürlich stehen auch der Zustand und die Arbeitsweise der römischen Kurie auf der Agenda der Generalkongregationen der Kardinäle. Das ist den Kardinälen wichtig, denen es vor allem um die Institution Kirche geht. Nicht, dass der Vatikan und sein Innenleben Papst Benedikt nicht interessiert hätten. Aber es war für ihn nicht das Wichtigste. Das Wichtigste war Gott. Und das gilt auch für die „Ratzingerianer“, die jetzt in großer Zahl mitwählen, wenn es um den Nachfolger Benedikts geht.

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