die sonntagslesung

Die Erzählung über Moses und das Gleichnis von der Witwe und dem gottlosen Richter handeln von einem skandalösen Thema: Gebet und Gewalt. Wir meinen, aufgeklärt wie wir sind, das widerspräche einander. Denn Gebet erscheint als das Schwächste und Nutzloseste, eben eine Sache für die sprichwörtlich schwachen alten Frauen, nicht für Männer. Für die Einschätzung der Wirklichkeit im Sinne der Bibel ist jedoch Gebet eine Sache der Gewalt, extremer Gewalt sogar, die selbst gegen Gott mit Erfolg kämpft. Ausgerechnet eine schwache, wehrlose Witwe bestürmt den menschenverachtenden Richter und kann ihm Angst um sein Auge beibringen, weil sie ihm ein blaues Auge schlagen könnte. Denn sie ist hartnäckig, zäh und nachhaltig wütend. Jesus sagt: So müsst ihr beten, so Gott bestürmen, dass er, wenn es möglich wäre, Angst bekommen könnte vor eurem Potenzial an Protest, vor eurer nicht nachlassenden Geduld, vor eurem zornigen Eifer. Wer so betet, sagt Jesus, der ist allein schon deshalb unwiderstehlich, weil Gott ihn am Ende loswerden will, nicht immerzu von ihm gedrängt und behelligt werden möchte, weil es ihn nervt. Stellte man Jesus die Frage, wie man das fertigbringen könnte, zum Beispiel die Vernichtung ungeborenen menschlichen Lebens oder die Einheit der Christen, Jesus würde antworten: Die stärkste Waffe, die ihr habt, ist das Gebet.

Sowohl der dreitausend Jahre alte Text aus dem 17. Kapitel des Buches Exodus als auch Jesu Gleichnis sagen dem erfolgreichen Gebet nach, dass es unaufhörlich, lang anhaltend und gegen alle Hoffnung an Gott gerichtet werden muss. Die Unaufhörlichkeit ist seine wichtigste Eigenschaft. Das ist deshalb so, weil genau darin der Mensch Gott ähnlich wird. Gott weiß schon, was wir wünschen und haben wollen. Er würde nur gerne wissen, ob wir das mit Bestimmtheit und auf Dauer haben wollen, um nicht ein Hampelmann unserer wechselnden Wünsche zu sein. Deshalb muss das Gebet dauern. In manchen Fällen dauert es auch mal tausend Jahre. Wenn es nur lange und mit ausdauernder Geduld und Leidenschaft verrichtet wird. Gott will unsere Leidenschaft sehen. Er will insofern unsere Not spüren, weil er nur auf ernsthafte Anfragen reagiert.

Das Schwache wird vor Gott stark, sagt Jesus, wenn ihr nicht aufhört zu bitten und darin dem ewigen Gott ähnlich werdet. Aber was ist mit der Liebe, die nicht aufhört und trotzdem zu Lebzeiten unerfüllt bleibt, auch wenn man dafür gebetet hat? Wir sehen nur die sichtbare Hälfte der Wirklichkeit. Es kann ja sein, dass es ein Paradies für die unglücklich Liebenden gibt. Und schon Augustinus bemerkt, dass für jede unglückliche Liebe Gott selbst in seiner Person die völlig genügende Antwort ist.

Solange gebetet wird, kann Israel siegen

Mit archaischer Wucht stellt uns der Text aus dem Buch Exodus das Thema Gebet und Gewalt vor Augen. Solange Moses seine Arme zum Gebet erheben kann, und sei es mit physischer Unterstützung, kann Israel in der Schlacht siegen. Zwar führt Josua hier nur einen Verteidigungskrieg, aber die nachträgliche moralische Rechtfertigung für Israels Gewaltgebrauch kann ein deutscher Theologe dreitausend Jahre später nicht liefern. Das Thema dieses Textes und dieses Sonntags ist ein anderes: Ist es nicht eine magische Handlung, was Moses da vornimmt, eine altertümliche Weise, über Gott Gewalt auszuüben, die erstaunlicherweise dann ja auch klappt? Wenn Moses, und sei es mit letzter Kraft, die Hände zum Himmel erheben kann, siegt Josua. Typologische Exegese und die Kunstgeschichte haben dann den Gekreuzigten, der die Arme so ausbreitet, im Bilde des fürbittenden Moses gesehen. Denn am Kreuz bittet Jesus bereits für seine Feinde. Und manche Glockeninschrift greift die Szene aus dem 17. Kapitel des Buches Exodus auf, da die Glocke selbst als „ewige“ Beterin begriffen wird. Moses selbst greift nicht zur Waffe, aber sein Gebet ist die Mutter aller Waffen.

Archaisches, aber Grundlegendes lernen wir aus dem Buch Exodus über biblische Religion, und das Meiste davon ist uns seit zweihundert Jahren nach und nach abhanden gekommen: Erstens taugt eben nicht jeder zum Fürbitter, sondern nur der Erwählte. Anders als wir es im Gefolge einer sukzessiven Demokratisierung von Religion zu wissen meinen, kann man eben Mose nicht, als seine Arme erlahmen, durch einen beliebigen Menschen ersetzen, sondern es muss Moses sein. Das gilt auch noch für die Witwe im 18. Kapitel des Lukasevangeliums: Im 23. Kapitel des Buches Exodus erklärt Gott ausdrücklich, wie nahe ihm die Witwen stehen und dass er ganz speziell ihr Gebet erhören wird. Auch der erste Paulusbrief an Timotheus greift diese Hochschätzung des Gebetes der Witwe auf. Es kann eben nicht jeder beliebige Christ an ihre Stelle treten. Alle Menschen sind nicht gleich. Nicht alle Menschen stehen in gleicher Nähe in jeder Beziehung zu Gott. Protestantismus und Aufklärung haben unseren Blick da ein wenig getrübt.

Zweitens kommt es beim Beten sehr wohl auf Ritus und Gestus an: Moses betet nicht im Liegestuhl, sondern er steht auf der Spitze des Berges mit erhobenen Händen und mit Stab. Ein stilles Beten oder eine bequeme Haltung sind undiskutabel. Beten ist nicht unsichtbar und unhörbar. Moderne Menschen scheinen zu glauben, Ritus und Haltung beim Beten seien egal. Deswegen erst wird das Buch Exodus dramatisch. Selbst mit unter die Arme gepackten Steinen soll es ermöglicht werden, dass Moses dem Ritus entsprechend betet.

Es geht nicht um Worte, sondern um das Gespräch

Drittens wird nicht mitgeteilt, was Moses im Einzelnen betet, es wird noch nicht einmal eine Kostprobe gegeben. Im Wortlaut mitgeteilte Gebete nehmen erst ab dem dritten vorchristlichen Jahrhundert zu (zwischentestamentliche Literatur und Targume). Bis dahin ist allein wichtig, dass der Beter überhaupt die Arme erhebt (und mit Gott spricht). Der Wortlaut ist auch bei Jesusgebeten nicht das Entscheidende. Das Vaterunser soll nur ein Beispiel sein. Es ist bezeichnend, dass nicht ein Buch voller Gebete am Anfang der religiösen Aufzeichnungen in Israel steht. Für Gebetbücher haben wir erste Hinweise in den Qumrantexten.

Viertens besteht ein geradezu mechanischer Zusammenhang zwischen Gebet und Wohlergehen Israels bzw. Sieg in der Schlacht. Das Gebet ist als Gebet eine direkt einsatzbereite Waffe. Es macht Israel immun und ist direkt zu gebrauchen, um den Feind zu vertilgen. Es wirkt durch den bloßen Vollzug wie später die Sakramente der Kirche, Leid und Schmerz von Menschen sind hier uninteressant.

Wir dagegen meinen immer, alles hinge ab von unserer subjektiven Andacht und Frömmigkeit. Hier dagegen gilt: Gebet ist etwas Objektives, seine Macht besteht darin, dass es ja ist. Gott wird es dann schon an die richtige Stelle rücken. Zwar sollen wir nicht plappern wie die Heiden, aber man kann auch aus der eigenen Andacht eine fatale Werkgerechtigkeit werden lassen („Hauptsache, ich bin bei der Sache“). Wir lernen aus dem 17. Kapitel des Buches Exodus: Es gibt auch eine Art Gottvertrauen, die sich darauf bezieht, dass man sich um die Qualität des eigenen Gebets nicht ständig Sorgen machen muss. Auch das Gebet (als Vollzug) mit seinen Mängeln darf man Gott anvertrauen. Sonst kommt man vor lauter Skrupeln gar nicht mehr zum Beten. Gerade protestantischen Freunden, die es besonders gut machen wollten, ist es öfter so ergangen. Das Fatale liegt dann in dem „besonders gut machen Wollen“.

Fünftens: Das Gebet sieht klein und harmlos aus, es ist aber, nachhaltig und beständig angewandt, das Stärkste und Größte, was Menschen vermögen. Und wenn man nicht gerade zu den Auserwählten wie Moses oder zu den Witwen gehört, dann hat das gemeinsame Gebet oder die Fürbitte für andere diese Kraft. Wie heißt es in einem der Messgebete: Herr schau nicht meine Sünden an, sondern blicke auf den Glauben deiner Kirche.