die sonntagslesung

Theologie wird von Menschen gemacht – im Angesicht Gottes, wenn sie gut sein soll. Alle gute Theologie hat daher – Paulus ist der Maßstab – ihren Ursprung im Gebet, dort, wo der Mensch mit seinen offen bekannten Sorgen vor Gott hintreten mag. Bei den Texten aus Jesus Sirach und dem Lukasevangelium sah das so aus: Herr Jesus Christus, warum betonst du in der Praxis und in der Lehre so sehr, dass man sich erniedrigen soll? Endlich sich geringer einschätzen soll? Viele werden dadurch zu Duckmäusern, viele werden zu Menschen, die immer zu sagen scheinen: ,Bitte nach ihnen‘ und damit auf viele Druck ausüben, oft ohne dass sie es wollen. Wolltest Du das? Menschen, die allzu bescheiden sind, wie Bibliotheksangestellte angeblich sind, die nicht führen können. Brauchen wir nicht gerade Menschen, die führen können? – Aber ich sehe auch, dass Stolz immer unersättlich ist, zerstörerisch ist, Biografien und Länder verschlingt. Doch Dein Plädoyer für die Demut brachte Dich auch nur ans Kreuz. Es kostete Dich Dein Leben, das Du so geliebt hast.

Es zeigt sich schon im Alten Testament: Gott erhöht die Niedrigen und demütigt die Mächtigen. Angst kann es ja doch wohl nicht sein, was Dein himmlischer Vater den Mächtigen gegenüber empfindet. Aber warum nur liebt er die Kleinen und die Unwissenden? Auch nach Jesus Sirach offenbart er seine Geheimnisse den Kleinen, so wie Du es sagst: Den Einfachen hast du die Botschaft mitgeteilt (Mt 11, 25). Vielleicht weil sie das Empfangene nicht einfach nach eigenem Geschmack umdeuten, sondern treu bewahren? Man kann es ja haufenweise beobachten, dass die Menschen, die die Bibel per Hand abgeschrieben haben, dann am meisten Dein Wort verändert haben, wenn sie meinten, sie seien zu klug, um es bestehen zu lassen. Einfach nur hören und weitergeben, das konnten sie wohl nicht. Sie wussten es angeblich stets besser und haben so alles Mögliche verfälscht.

Dein Bild am Kreuz sagt mir auch: So wie Kohelet den Menschen zeichnet, dass mit uns nicht viel los ist, dass alles nichtig ist und eitel, auch das ist ja eine Botschaft des Kreuzes. Deshalb empfehle ich immer, aufgeblähte Menschen, die sich ihrer konfessionellen Errungenschaften brüsten, sollten sich zum Streit um Ökumene immer unter dem Kreuz treffen. Denn wer das Kreuz vergisst, streitet sich, unter dem Kreuz kann man nur schweigen. Wenn Du uns per Kreuz die Wahrheit über uns Menschen sagst, dann ist das einfach wahr. Du selbst hast diese Wahrheit für uns erlitten. Das Kreuz konfrontiert uns mit dem, was wir in Wahrheit sind. Und besonders beeindruckend ist, wie das Kreuz das über das Königtum der Könige sagt. Denn der Inbegriff von Macht, eben das Königsein, wird in der Inschrift genannt. Der Gekreuzigte ist ein König, und das Kreuz zeigt, was so ein irdischer König wert ist.

Vielleicht liebst du die Demütigen einfach deshalb, weil Du nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit lieben kannst. Denn die Demütigen sind am wenigsten in Gefahr, die Wahrheit zu verdecken, die Du so liebst. Sie machen nichts aus sich, was sie nicht sind. Machen „nicht viel von sich her“, wie man in Norddeutschland sagt.

Nein, du bist nicht eifersüchtig auf menschliche Macht, sondern traurig über alle Blindheit, die mit wachsender Macht zunimmt. Deshalb liebst du das Anfangsstadium aller Macht, weil es noch am wenigsten unter Verblendung leidet. Es fällt mir schon seit Schulzeiten auf, wie ähnlich das griechische und das biblische Menschen- und Gottesbild sind: Wie oft ist es die menschliche Hybris, der die selbst ernannten Tyrannen der griechischen Tragiker verfallen. Der Hybris der Tragödie, über die die Menschen stürzen, entspricht der Machtstolz des Menschen der Bibel. Und nichts hasst Gott mehr als das.

Dass der Mensch sich nicht wie Gott fühlen und aufführen soll, ist die grundsätzliche Spielregel unter diesem Gott. Selbst wenn es keinen Gott gäbe, wäre sie wahr.

Deshalb bist du so in jeden Anfang verliebt, weil der Anfang noch ohne Machtgebärden des Menschen ist. Gleich zweimal beginnst Du sozusagen die Bibel mit diesem wunderbaren Wort „Anfang“: Die Genesis mit „Im Anfang schuf Gott“ und das Johannes-Evangelium („Im Anfang war das Wort“). Denn am Anfang, morgens früh um vier, gibt es noch keinen Protz, sondern es zählt das frische Licht. Und daher ist es auch so still um diese Zeit, denn die Kreaturen „loben dich mit Schweigen“.

Und das hat der Mensch von dieser Anfangshaftigkeit in der biblischen Religion: dass er immer wieder neu anfangen kann. Dass wir immer wieder korrumpiert werden vom Machttrieb, sieht man an meiner Generation, den 68-ern: Wir wollten mit radikalem Machtverzicht beginnen, ich entsinne mich einer eigenen Predigtmeditation über Karl V. in San Yuste, der aller Macht entsagt hatte; die Studenten und ich selbst waren beeindruckt von diesem Kaiser damals, am Ende seines Lebens. Doch geworden sind aus uns die schlimmsten Hochschul-Tyrannen, schlimmer als die, die wir bekämpften. Wir waren nur raffinierter geworden, unsere Unverschämtheiten zu verbrämen und eleganter zu verteidigen.

In dem Spiel des Lebens ermöglichst du uns, Gott, dass wir immer wieder „zurück auf Los gehen“ dürfen oder manchmal auch müssen. Zurück auf Los heißt: realistisch wie Kohelet einschätzen, dass nicht viel mit uns los ist. Der Zauber, der allem Anfang innewohnt, ist der der Unschuld. Man kann noch nicht lügen, alle wissen ja, dass man nichts hat, und man selbst weiß es viel zu genau, als dass es erfolgversprechend wäre, sich selbst zu beschummeln.

Ich beginne auch zu verstehen, Herr, warum du die Kinder so liebst. Dass wir Menschen total abhängig sind, wird bei Kindern besonders greifbar. Dass sich Kinder alles schenken lassen müssen, gilt auch heute noch.

Und dann sagst du uns auch noch, wie dumm das sei, Leute einzuladen, die einen wieder einladen würden. Klug sei es, Menschen einzuladen, die das nicht können. Das ist schon sehr Bergpredigt-Stil. Du meinst wohl, dass es nicht immer nur so weitergehen kann mit Nehmen und Geben. Denn das betrifft immer nur die Gleichen untereinander. Freunde grüßen nur Freunde. Du stellst dir das, glaube ich, so vor wie wenn man in der Bahn Leute trifft, die man nicht kennt, und ihnen Freundliches sagt, Ihnen etwas anbietet von dem, was man hat, und es kann sein, dass es sie sehr tröstet, weil sie gerade Kummer hatten. Es entsteht dabei eine Weite ohne Grenzen. So hast Du die Menschen geliebt. Deshalb war dann auch die Zuwendung des Evangeliums zu den Heiden fast eine notwendige Konsequenz. Weiterführend ist Geben ohne Nehmen, geben und noch einmal geben wie in ein Fass ohne Boden hinein. Man muss schon innerlich sehr stark sein, wenn man das kann und durchhält. Du kannst diese innere Glut jedem schenken, weil Du Gott bist. Diese unversiegliche Kraft ist die allererste Gotteserfahrung. Sie ist mit dem Wort Schöpfer und Erbarmer gemeint. Und wenn wir geben und schenken können ohne Ende, geschieht dasselbe wie sonst in der Bergpredigt: Wir sollen Dir, Gott, ähnlich werden.

Aber wenn man so ist wie Du, landet man, wie die Welt nun einmal ist, am Kreuz. Jeder, der es anders macht und dem es anders ergeht, sollte misstrauisch werden gegen sich selbst. Aber oft ist der Weg des Menschen nicht klar: ein bisschen Kreuz, aber auch Jubel, wahrscheinlich von Seiten der Falschen. Dass wir so wenig mutig sind, so geringen Widerstand leisten gegenüber modischen Meinungen, liegt oft daran, dass wir Angst haben vor unserem eigenen Mut. Wir fürchten oft, wenn wir eigentlich gerne grenzenlos gäben, doch um unsere bisherigen Freunde und Beziehungen. Dabei haben wir doch Dich als wahren, manchmal gewiss einzigen Freund. Dass wir so wenig mutig sind, liegt auch daran, dass wir nur schwammige und unklare Vorstellungen haben gegenüber dem, was nach dem Kreuz kommt, nach dem Schenken ohne Grenzen. Es wird uns immer nur gesagt, alles werde gut enden, weil Gott für uns sei. Und es sei wichtig, sich in Gottes Hand zu begeben. Deine Worte vom Verzicht auf Prestige und vom grenzenlosen Geben klingen zuerst wie Mechanik: Wer dafür sorgt, dass er hier nichts zurückerhält, sorgt für die Zukunft vor. Wer auf Ruhm jetzt verzichtet, erhält ihn dann. Aber nichts ist mechanisch, alles liegt an Deiner Treue – und an der des Einzelnen.