die sonntagslesung

„Erwählte“ ist in diesen drei Texten das Thema, und zwar in Jesaja 66 und in Lukas 13 im Verhältnis zu den jeweils Nicht-Erwählten. Jesaja variiert das Thema der Völkerwallfahrt nach Jerusalem: Die Völker werden sich in Jerusalem versammeln, Gott wird ein Gerichtszeichen wirken. Daraus werden einige Heiden entkommen und dann aus der ganzen Welt die Erwählten nach Jerusalem tragen. Nach Jesaja 66 wird das die Wiedergutmachung für die Entehrung sein, die man den Israeliten zugefügt hatte. Nach Hebräer 12 ist es Merkmal der Erwählten, dass sie von Gott mit Strafen erzogen werden. Denn der, den der Herr liebt, das heißt den er erwählt hat, dem bringt er Zucht und Ordnung bei. Daher geht es den Erwählten keineswegs besser als anderen. Nur ihr Leiden hat ein anderes Ziel. Sie werden gut erzogene Kinder. In Lukas 13 werden die Verhältnisse hinsichtlich der Erwählung gegenüber den Erwartungen des als auserwählt geltenden Volkes ins Gegenteil umgekehrt. Die Völkerwallfahrt wird stattfinden (wie in Jesaja 66), um Israels Stelle einzunehmen. Denn die Heidenvölker werden mit den Erzvätern beim Mahl liegen, die Israeliten aber werden „draußen“ bleiben und nicht mehr erwählt sein. Auch hier gibt es einen Gerichtsakt am Ende. Aber da werden die Heidenvölker eingeladen, Jesus wird dagegen den Israeliten sagen, er kenne sie nicht. Das Ganze ist als paradoxe Intervention gedacht: Es wird so geschildert, damit es nicht so kommt. Denn noch kann Jesus an Israel appellieren. Hierzulande müsste man den Text allen vorhalten, die betonen, Israel könne und müsse sich nicht zu Jesus bekehren. Jesus selbst fordert es. Er sagt nicht, dass die Heiden diese Mission veranstalten sollen; dafür hat er seine judenchristlichen Jünger.

„Erwählung“ ist ein Wort, mit dem sich auf einzigartige Weise Gottes souveränes – und doch offenbar auf einen Partner angewiesenes – Geschichtshandeln beschreiben lässt. Ich habe das, was mir nach 47 Jahren Exegese dazu einfällt, wie ein modernes Gedicht aufgeschrieben: Erwählen ist ein unveränderliches Kennzeichen dieses Gottes. Es geschieht aus Gnaden, völlig grundlos, Gott kann und will sich nicht rechtfertigen dafür. So wie man eine junge Frau nicht zwingen sollte, sich dafür die rechtfertigen, dass sie diesen oder jenen einfach liebt. An besonderen Akten wird Erwählung sichtbar, zum Beispiel an der Kreuzigung. Zum Erwählen Gottes gehört seine Treue. Erwählen ist wie Lieben, nur betont es andere Aspekte als die Totalität; es betont die Singularität.

Der Erwählte unterscheidet sich nicht von anderen

Und wie ist das mit dem Erwählten? Der Erwählte muss nicht der Schönste sein, auch nicht der Klügste. Im Falle Israels zunächst das Kleinste und unbedeutendste Volk. Woran kann man echte Erwählung erkennen? Juden sagen: Am Leiden. Leiden durch Gott, wenn er straft, weil er liebt, um zu erziehen. Leiden wegen Gott, weil die anderen den Sack schlagen und den Esel meinen. Jedenfalls ist der Erwählte äußerlich nicht viel von anderen unterschieden. Der Erwählte ist das Sorgenkind, das Kummer macht und auf dem doch alle Hoffnungen liegen. Echte Erwählung ist daran erkennbar, dass das erwählte Volk sagen kann: Aufgrund meines Adels bin ich auf Kindereien nicht angewiesen. Ich bin mir zu stolz für das vulgäre Getue anderer.

Und was hat der Erwählte davon, erwählt zu sein? Die anderen werfen ihm Arroganz vor. Aber das ist es nicht, der Unterschied liegt in der Ungeselligkeit des Erwählten Volkes. Sie lehnten harmlose Kaiseropfer, den Verzehr unkoscherer Speisen, Mischehen mit Heiden ab, waren einen Tag faul pro Woche und verstümmelten die Buben am Penis. Sie waren und blieben fremd, kritzeln Hebräisch, vor allem waren sie kritisch gegenüber jedem „allmächtigen Diktator“ – was ihnen stets das Leben kostete.

Erwählt sein heißt: Gott hat herausgerufen. Durch seine Intoleranz ist er einsam unter den Göttern. So wie sein Volk unter den Völkern. Manche können das nicht durchhalten. Deshalb kann man Erwählung verlieren. Die Drohreden Jesu lassen darauf schließen – Paulus meint in Römer 9–11, im Ganzen könne Israel die Erwählung nicht verlieren. Denn Gott ist größer als menschliches Versagen. Wozu dient die Unterscheidung, die Erwählung ist, im Ganzen der Weltgeschichte? Sie ist zwar nicht zu rechtfertigen. Aber sie verhindert, dass die Menschheit so ist wie ein gewaltiger Strom, der sich einfach in seiner Richtung dahinwälzt. Ich denke da an die Flutmassen des Ganges, dem nichts standhält, und zugleich an die Religion der Hindu. Sie beten etwa dreitausend Götter an. Die Religion ist dort wie der Ganges. Erwählung oder einen einzigen Gott gibt es nicht.

Mit der Rede von einen Gott und der Erwählung fängt Israel etwas Neues an. Echnaton in Ägypten war nur ein tyrannisch gewordener Anhänger des Sonnengottes. Im Unterschied zu Israel geht es bei ihm nicht um Gott und sein Volk. Wie eine Liebesgeschichte, so ist die Geschichte Israels mit seinem Volk. Das war bis dahin unerhört. Die erwählten Israeliten glauben, die geliebte Frau dieses Gottes zu sein. Deshalb gibt es die Kategorie des einen Gottes zusammen mit der Erwählung seines einzigen Volkes nur hier.

Und die anderen? Sie sind nicht erwählt. Man kann nicht sagen, die Erwählten seien auf ihre Kosten, auf die der anderen, erwählt. Aber die anderen stehen daneben, vorerst jedenfalls. Nach Lukas 13, 28b stehen die dann nicht Erwählten für immer draußen. Die Nicht-Erwählten blicken auf die Erwählten. Nie werden sie gleiches Maß für alle gelten lassen. Für den, der behauptet erwählt zu sein, gibt es ein besonderes Maß. Denn als Partner Gottes sollten sie Gott darstellen. Keinen Fehltritt wird ihnen irgendjemand verzeihen. Sie sollen das leuchtende Zeichen zur Umkehrung der Wege der anderen sein.

Gott ist weder Dogmatiker noch unberechenbar

Aber trotz der Leiden, die Gott seinem Volk schon zugemutet hat, kann man die Erwählung nach Lukas 13, 28 noch immer leicht verlieren. Das droht den Juden dann, wenn sie auf ihren Messias nicht achten und ihn verpassen. Dann kann Gott neue Erwählte schaffen, so sagte es auch schon Johannes der Täufer. Das ist freilich nicht Dogmatik, sondern Drohrede. Nach Matthäus 23, 39 und Lukas 13, 35 denkt Jesus an eine künftige Versöhnung mit seinem Volk, wenn er nicht per Drohrede spricht, sondern in der Gattung der Verheißungsrede. So ist es ja auch nach Paulus in Römer 11. Man kann bei Jesus die Drohrede nicht gegen die Verheißungsrede ausspielen. Beides ist Gott – je zu seiner Zeit. Es hat schon seine Gründe, warum es keine jüdische „Dogmatik“ gibt. Denn Gott ist weder Dogmatiker noch das unberechenbare Gegenteil. Es ist wie in einer Liebesgeschichte, in der der Bräutigam bedingungslos liebt und immer wieder neue Wege versucht, in jedem aber ganz und gar er selbst ist. Wegen der Liebe ist dieser Gott kein „Chaot“.

Auch die Erziehungsleiden der Kinder werden eben als Zeichen von Gottes Liebe verstanden (Umkehrung von 5, 8; dort: Leiden „obwohl“ er Sohn war, hier: weil ihr Kinder seid). Das Argument: Die Leiden sind ein Zeichen von Liebe – die Alternative wäre ein völliges Desinteresse Gottes. Liebe, auch wenn sie sich als Strafe äußert, ist immer noch ein Zeichen des Sich-Kümmerns. Das zweite Argument: Gottes Erziehung greift über die menschlicher Eltern hinaus. Menschliche Eltern erziehen nur kurze Zeit für ein kurzes Leben. Aber Gott will die Verähnlichung mit sich. Diese Ähnlichkeit mit Gott als Erziehungsziel wird hier Heiligkeit genannt, nämlich Frieden und „gerechtes Handeln“. Das ist ganz gewiss ein sehr anspruchsvolles Erziehungsziel, und das rechtfertigt auch die strengsten Erziehungsmethoden.

Noch heftiger spricht Paulus über Gottes Erziehung in 1 Korinther 11, 27–32. Wir fragen: Warum erzieht Gott? Antwort: Um vor Schlimmerem zu bewahren. Wir fragen weiter: Warum bewahrt Gott gerade so? Antwort: Menschen bekommen auf diese Weise Angst vor dem noch größeren Verlust. Wir fragen: Warum erzieht Gott nicht durch Liebe? Antwort: Das Einüben von Angst, das seine Erziehung bewirkt, wird als Liebe verstanden. Wir fragen: Aber warum wird Angst eingeübt und nicht Liebe? Antwort: Bei der Angst geht es um die nackte Existenz, bei Liebe um einen zusätzlichen Gewinn, um Erfüllung. Angst ist elementar, Liebe ist substanziell. Jede hat ihren Ort.