die sonntagslesung

Von drei Weisen zu glauben sprechen diese drei Texte: Liturgie, alles setzen auf die himmlische Heimat und im treuen Dienst unter Mitsklaven auf die Wiederkunft des Herrn warten. Alle drei Weisen zu glauben sind am Ende der Zeiten orientiert. Denn die Liturgie lobt wesentlich im voraus, nach der Heimat im Himmel kann man sie nur von ferne sehnen und die Sklaven sollen bereit sein für das Kommen des Herrn.

Was Liturgie ist, kann man an der Deutung der jüdischen Passahfeier durch Weisheit 18 erfahren: Dort haben die jüdischen Väter in der Passahnacht Rettung für sich, Bestrafung der Feinde erwartet. Hier wird freilich besonders herausgestellt: Die Passahnacht hat grundlegende Bedeutung für den späteren Kult. Die für diese Nacht hinfort geltenden Regeln werden hier als Statut betrachtet, das sich die Juden damals gaben. Denn die Väter stimmten schon im voraus Lobgesänge an.

Nach Hebräer 11 besteht der Glaube darin, dass ein Stück des Erhofften als geheime Kraft schon wirklich ist. Der Glaube ist der Beweis für das, was man nicht sehen kann. In den Versen 8–19 stehen zwei Aspekte im Vordergrund. Einmal befähigte er besonders die Erzväter Israels dazu, wie Beisassen und Fremdlinge auf der Erde zu leben, also letztlich wie Heimatlose, die durch ihr Umherziehen in Zelten, durch ihr Bekenntnis zur Pilgerschaft selbst zu verstehen gaben, dass sie eine andere, nämlich die himmlische Heimat jenseits der vorläufigen irdischen Heimat suchten. Diese Väter illustrieren durch ihr eindeutiges Handeln den Satz von der Sehnsucht nach der ewigen Heimat; diese wird hier „Stadt“ genannt, ein Vorgriff auf 12,22. Die Logik des Schlussverfahrens ist hier: Weil Abraham bei der Verhandlung mit den Hethitern in Gen 23, 4 um ein Grab für Sara bittend sagt: „Ein Fremdling bin ich unter euch“, wird daraus eine Aussage über Abrahams gesamte Existenz gemacht und gleichzeitig erschlossen, dass er keine irdische, sondern nur eine himmlische Heimat im Sinn gehabt haben kann. Es wird daher das Gegenteil postuliert. Denn eine himmlische Stadt im Sinne von Hebräer 11 als ersehnte künftige Heimat der Erzväter kennt das Alte Testament nicht. Im Neuen Testament ist 1 Petrus nächst verwandt, hier schärft der Verfasser ein, die Isolation und Heimatlosigkeit der Gemeinde zu deuten im Sinne der biblischen Fremdlingschaft. Der zweite Aspekt des Glaubens ist Gottes Sieg über Abgestorbensein (V.11f) und den Tod (V.19). So wird Abraham beim Gehorsam für Isaaks Opferung Glaube an die Auferstehung Toter zugeschrieben.

Ein Zeichen für das endzeitliche Wirken Gottes

Dass Abraham Isaak zurückerhalten hat, ist eine Belohnung für den Glauben und ein Zeichen für das, was Gott bei der Auferstehung der Toten wirken wird. Es wird hier in die Berichte über Abraham ein Auferstehungsglaube eingetragen, den weder Abraham selbst noch der Verfasser der Berichte kannte. Dennoch sind die Aussagen nicht sinnlos. Denn man darf die zitierten Episoden nach der Schrift so lesen, dass es in ihnen stets um ein Mehr an Sinn geht, das nicht einfach mit dem alltäglich-materialistischen Verständnis von Wirklichkeit schon abgegolten ist. Dieses Mehr an Sinn hebt die berichteten Ereignisse über das Niveau üblicher Händler, Hirten und Könige hinaus und macht sie trotz aller Differenz interessant für moderne Menschen. Hebräer 11 bewahrt ein Bild von Gott und denen, die an ihn glauben, das für die Diskussion über den Zölibat wichtig ist: Abraham ist nicht heimisch, weil sein Gott unintegrierbar ist. Er steht der Generationenfolge fremd gegenüber.

Immer wieder stoßen wir bei den Völkern darauf, dass aus unsichtbarer Kraft Sichtbares entsteht. Bei Menschen finden wir die Annahme einer geheimnisvollen Kraft, die trägt und hoffen lässt. Und auch viel unabgegoltene Sehnsucht, unerfüllte Liebe und eine Hoffnung, die nur zu deuten ist, wenn Gott sie den Menschen schenkt und es die Erfüllung wirklich gibt. Das alles steht besonders klar in der Bibel, weil es auch uns helfen könnte. Denn anderen geht es auch nicht anders als uns selbst. Zum Beispiel um ein schweres Leben zu ertragen, benötigt man eine derartige Kraft.

Zum Bild der wartenden Sklaven: Auch im Neuen Testament gilt das Bild weiter, wonach wir Sklaven vor Gott sind. Das Bild der Gotteskinder ist noch nicht überall zur Geltung gekommen. Im Gegenteil: Unser Text führt uns tief hinein in die antike Sklavenhalter-Szene. Wir hören vom Schichtdienst zur Zeit der Nachtwachen, vom Auspeitschen, das Sklaven erdulden müssen, vom Obersklaven, der für die anderen sorgen muss, der sie aber zuweilen schlägt und schindet, während er selbst frisst und säuft. Wir hören von der Bedrohung des großen Hauses durch Diebe und davon, dass der Herr den Obersklaven zum Ökonom macht und ihm die gesamte Hausverwaltung überträgt. Offenbar haben die Sklaven gezittert, wenn es hieß: Der Hausherr kommt! Es gilt: „Wem der Herr viel anvertraut, von dem verlangt er umso mehr“. Denn alles liegt daran, dass ein Sklave zuverlässig und umsichtig ist. Ein bestimmter Aspekt des Christseins wird nach wie vor durch die Sklaven-Gleichnisse beleuchtet. Spätestens der Evangelist Lukas hat hier eine Reihe von Sklavengleichnissen zu einem dichten Teppich verwoben, weshalb man hier von einem Gleichnisdiskurs spricht. Das Thema der Sklaven-Gleichnisse ist meist die Zwischenzeit, in der der Hausherr verreist ist und die Sklaven verantwortlich sind, bis der Herr wiederkommt.

Gleichnisse zeugen von der Wiederkunft des Herrn

Alle Gleichnisse zeugen von der Überzeugung Jesu, dass er „gehen“ muss, aber wiederkommen wird. Ähnlich ist es mit dem Bild des Bräutigams, der mit seinen Jüngern schon Vorhochzeit feiert, danach aber, bis er zur eigentlichen Hochzeit zurückkommt, eben nicht da ist. In dieser Zwischenzeit bis zum zweiten Kommen des Herrn müssen sich die Sklaven bewähren. Diese Bewährung hat folgende Schwerpunkte: Erstens wird von den Sklaven erwartet, dass sie allzeit bereit sind. Zum zweiten ermahnt Jesus zu einem freundlichen Verhalten gegenüber den Mitsklaven. Diese Mahnung geht besonders an Petrus, der hier schon in der Rolle des Ökonom (Hausverwalter) steht und Macht hat, auch seine Mitsklaven zu misshandeln.

Unser Gleichnisdiskurs hat keine lieblichen Züge. Die Autorität des Herrn ist ebenso unbezweifelt wie die Verbindlichkeiten des Sklavendienstes. Von Strafe, gar vom Zweiteilen, ist die Rede. Es ist ganz klar: Christen sind Gott gegenüber verantwortlich und werden zur Rechenschaft gezogen. Nicht, weil dieser Gott rachsüchtig ist, sondern weil das alles wahr ist, was der Gleichnisdiskurs schildert. Durch die Abgrenzung der Perikope (ab Lukas 12, 32!) wird der Text einseitig auf Besitzverzicht und Schatz im Himmel hin interpretiert. Aber im Blick steht doch das gesamte Besitz- und Verfügungsrecht des Herrn an seinen Sklaven. Wie unangenehm das Kommen des Herrn sein kann, zeigt V.39, wo es ungeniert mit dem des Einbrechers verglichen wird. Ein Einbrecher ist nicht lieb, sondern jeder Einbruch ist eine ärgerliche Angelegenheit. Jesus hat keine Scheu zu sagen: Wenn ich komme, dann wie der Dieb in der Nacht; 1 Thessaloniker 5, 2 nimmt darauf ebenso Bezug wie Offenbarung 3,3 . Bereitsein ist alles. Und schon früh hat man den „Dieb“ verbunden mit der Aufforderung zu wachen. Zumeist wird das Wachen als „Wachen und Beten“ gedeutet, denn früh am Morgen stand man in Jerusalem auf, um im Tempel zu beten und den Herrn zu „wecken“. So etwa Sir 39,6 („für den Herrn in der Morgendämmerung zu wachen.. und betet im Angesicht des Allerhöchsten“). Doch vor allem handelt es sich um ein charakteristisch christliches Bildfeld.

„Selig sind die Sklaven, die der Herr wachend antrifft, wenn er kommt. Amen, ich sage euch, er wird so begeistert von euch sein, dass er euch zu Tisch bittet, sich selbst die Kellnerschürze umbindet und euch bedient.“ Diese Begeisterung Gottes ist unerhört. Keine Religion der Welt bietet so eine Aussage über einen Gott, schon gar nicht über den Gott des Himmels und der Erde. Denn dieser Gott hat ein Herz, das begeistert sein will. Dass Gott sich so weit erniedrigt, besagt auch, dass er es gar nicht nötig hat, auf seine Würde peinlich bedacht zu sein, sondern vor lauter Freude die Größenverhältnisse umkehren kann.