Die Sonntagslesung: Sei ohne Furcht, glaube nur!

Zu den Lesungen des Dreifaltigkeitssonntags (Lesejahr A).Von Harm Klueting

Exodus 34.4b.5–6.8–9; 3; 2 Korinther 13,11–13 Johannes 3,16–18

Am Sonntag nach Pfingsten feiert die Kirche den Dreifaltigkeitssonntag, der auch Trinitatis genannt wird, was dasselbe bedeutet. Mit dem Dreifaltigkeitssonntag beginnt die lange Reihe der „normalen“ Sonntage des Kirchenjahres, die weder zur Advents- und Weihnachtszeit noch zur Fasten- und Osterzeit gehören. Ältere mögen sich erinnern, dass diese Sonntage früher als erster, zweiter, dritter Sonntag und so weiter „nach Trinitatis“ gezählt wurden. In den evangelischen Kirchen ist das teilweise noch heute so. In der katholischen Kirche wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Zählung der Sonntage außerhalb der besonderen Zeiten als „Sonntage im Jahreskreis“ üblich, begin-nend am Sonntag nach dem 6. Januar, Epiphanie oder Epiphanias, unterbrochen von der Fasten- und Osterzeit und fortgesetzt vom Dreifaltigkeitssonntag bis zum Sonntag vor dem Ersten Advent.

Der Dreifaltigkeitssonntag, den die Kirche seit 1334 kennt, ist das Fest des Dreieinigen Gottes. Nachdem wir an Weihnachten das Fest der Geburt Jesu und an Ostern das Fest der Auferstehung des gekreuzigten Gottessohnes gefeiert haben, war Pfingsten des Fest des Heiligen Geistes und der Geburtstag der Kirche. Der Dreifaltigkeitssonntag ist in besonderer Weise der Sonntag, an dem Gott als der betrachtet werden soll, der in drei Personen besteht – im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist –, der aber doch ein einziger Gott ist. Das meint Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit – Drei und zugleich Einer!

Wer ist der Sprecher, Mose oder Gott?

Die Lesungen und das Evangelium beziehen sich auf diese Prägung des Dreifaltigkeitssonntags. Das scheint bei der ersten Lesung aus dem Buch Exodus nicht ganz eindeutig zu sein, zumal der Text in der der Lesung zugrunde liegenden deutschen Übersetzung keine sichere Entscheidung erlaubt, wer hier der Sprecher ist, Gott (der Herr, Jahwe) oder Mose. Folgt man dem Wortlaut der Übersetzung – „Der Herr aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn (Mose) hin. Er rief den Namen Jahwe aus“, so ist es Gott, der hier den Gottesnamen Jahwe ausruft. Anders wäre das Verständnis, wenn der Übersetzer statt ,ausrufen‘ ,anrufen‘ gewählt hätte, wie es manche andere Übersetzer machen. Dann wäre es Mose, der, überwältigt von der Gotteserscheinung, dem Herrn Verehrung durch Anrufung seines Namens erwiesen hätte. Dieselbe Unsicherheit besteht, wenn es dann heißt: „Der Herr ging an ihm vorüber und rief: Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.“ Ist es Gott, der sich hier als barmherzig und gnädig vorstellt? Oder ist es Mose, der seine Verehrung durch Anrufung des Gottesnamens durch den Lobpreis Gottes als barmherzig und gnädig steigert? Diese Frage ist auch anhand des hebräischen Alten Testaments und des griechischen Alten Testamentes, der Septuaginta, nicht zweifelsfrei zu beantworten. Entscheidend ist das aber auch nicht. Entscheidend ist, dass hier der Gottesname genannt wird, und dass Gott als barmherzig und gnädig qualifiziert wird. Jahwe ist der Gottesname des Alten Bundes – des Alten Testamentes –, Dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der des Neuen Bundes oder des Neuen Testamentes. Hier – aber nicht nur hier – liegt die Beziehung der Lesung aus dem Buch Exodus zum Dreifaltigkeitssonntag.

Eindeutig ist dieser Bezug bei der Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, die mit der trinitarischen Formel endet, die wir auch als Segensformel kennen: „Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“ Von Gott, dem Vater, ist hier die Rede, von Jesus, dem Sohn, und vom Heiligen Geist. Und es ist die Rede von der Liebe Gottes. Die Liebe Gottes erscheint mit anderen Vokabeln als zweiter Bezug auch im Buch Exodus: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.“ Die Lesung ist der Briefschluss. Wie wir unsere Briefe und heute elektronische Mails mit Grußformeln wie „Mit freundlichen Grüßen“ beenden, so beendet Paulus seine Briefe mit Mahnungen. Dabei nimmt hier die Aufforderung „Kehrt zur Ordnung zurück“ auf Missstände – „Streit, Eifersucht, Zornesausbrüche, Ehrgeiz, Verleumdungen, üble Nachrede, Überheblichkeit, allgemeine Verwirrung“ (2 Kor 12,20) – unter den Christen in Korinth Bezug. Hinzu kommen Grüße anderer Christen – „aller Heiligen“ – und der Aufruf zum heiligen Kuss als Ausdruck der Verbundenheit (Röm 16,16; 1 Kor 16,20; 1 Thess 5,26). Am Schluss steht, wie in anderen Paulusbriefen (etwa Röm 16,20.24; 1 Kor 16,23; Gal 6,18), der Charis-Wunsch, von griechisch „charis“, Gnade –, der sonst kurz „Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit euch allen“ lautet, hier aber um „die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ erweitert ist.

Drei Verse im Evangelium, die es „in sich“ haben

Von der Liebe Gottes spricht auch der Abschnitt aus dem Evangelium nach Johannes und von Gott, dem Vater, und dem Sohn. Es sind nur drei Verse, aber diese drei Verse haben es „in sich“. Doch wer spricht hier eigentlich? Der Abschnitt ist Teil des Gesprächs Jesu mit Nikodemus, jenem Pharisäer und Schriftgelehrten, der im Dunkel der Nacht zu Jesus kam und von ihm über die Wiedergeburt beziehungsweise die „Geburt aus dem Geist“ unterrichtet wurde (Joh 3,1–8), der sich gegen die Pharisäer für Jesus einsetzte (Joh 7,50f.) und seinen Leichnam nach dem Tod am Kreuz mit einer Mischung aus Myrrhe und Aloe ehrte (Joh 19,39). Zu ihm spricht Jesus: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“

An keiner anderen Stelle im Johannesevangelium steht das noch einmal, dass Gott die Welt geliebt hat. „Gott liebt diese Welt“, so singen wir – GL 464 – gemeinsam mit den evangelischen Christen – EG 409 – in einem modernen Kirchenlied. Und weil Gott die Welt liebt, hat er seinen Sohn in die Welt gesandt, hat er sich – anders ausgedrückt – mit der Welt und mit uns Menschen „gemein gemacht“. Aber die Welt hat ihn nicht angenommen, sie hasst ihn und lehnt ihn ab. Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums – im Johannesprolog – lesen wir: „Er war in der Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,10–11). Auch heute ist die Welt – unsere Welt – ja voll von Gottesleugnung und Gotteshass.

Es steht noch mehr in unserem Evangeliumstext. Dort steht auch der Grund, warum Gott seinen Sohn in die Welt sandte: „Damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ Das ist das große Wunder, das alle anderen Wunder Jesu, von denen die Evangelisten berichten, in den Hintergrund treten und als bloße Zeichen, als Hinweise auf das eigentliche Wunder, erscheinen lässt. Dieses Wunder ist die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, ist seine Kreuzigung, seine Auferstehung und seine Rückkehr zum Vater. „Er war in der Welt und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater“ (Joh 1,10.14) – so wieder der Johannesprolog. Dieses Wunder ist der Grund unseres Glaubens, des Glaubens, der ewiges Leben bringt.

Nur wer an Jesus Christus glaubt, der ist gerettet

Und dann spricht unser Evangelientext auch noch vom Gericht: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ Nicht Gericht, sondern Rettung! Aber was bedeutet das? Die Antwort gibt der nächste Satz: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet.“ Das ist es: Wer an Jesus Christus, den Sohn Gottes, glaubt, ist gerettet; wer sich dem Glauben widersetzt, ist schon gerichtet, ist schon verurteilt. Er hat sich durch seinen Widerstand gegen den Glauben selbst gerichtet. „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1,14), das sagt Johannes von sich selbst. Nicht alle haben ihn als den gesehen, der er war und der er ist. Im Gegenteil: „Die Welt erkannte ihn nicht“ (Joh 1,10). Das große Wunder, die Menschwerdung Gottes, sieht und begreift nur der, der glaubt. Wer das – und wer ihn – sieht und glaubt, der wird das ewige Leben haben. Jesus Christus ist die große Scheidung – und das meint das Gericht. In Gerichtshöfen werden Urteile gefällt, fallen Entscheidungen –; Jesus Christus ist die große Trennung zwischen denen, die glauben, und denen, die nicht glauben. Jesus Christus ist es, an dem sich „die Geister scheiden“. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“ (Lk 11,23), so sagt Jesus im Lukasevangelium.

In einem der Kirchengebäude meiner Jugendzeit standen hinten an der Rückwand in großen Buchstaben zwei Worte: „Glaube nur!“. Diese zwei Worte, die dort zu lesen waren, haben mich schon als Zehnjährigen und als Vierzehnjährigen immer wieder beschäftigt. Aber ich wusste damals nicht, dass dieses Wort, das dort an der Wand stand, ein Zitat aus dem Markusevangelium ist: „Fürchte dich nicht, glaube nur“ (Mk 5,36). Jesus sagt dieses Wort zu dem Synagogenvorsteher Jairus, dessen Tochter gestorben ist. Dieses „Sei ohne Furcht, glaube nur“ drückt die Hoffnung derer aus, die an ihn und daran glauben, dass sie nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.

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