Die Sonntagslesung: Freiheit ist kein Selbstzweck

Zu den Lesungen des

13. Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr C) von Klaus Berger

1 Könige 19, 16–21; Galater 5, 1.13–18; Lukas 9, 51–62

Immer wieder musste man im Verlauf der Kirchengeschichte fragen: Wie kann auf so kurzem Raum so Widersprüchliches nebeneinander stehen? Einerseits der Galaterbrief 5, 1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Seid also standhaft und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei einfangen.“ Und andererseits der Galaterbrief 5, 13: „Leistet einander Sklavendienst durch Liebe. Denn das ganze Gesetz wird erfüllt, wenn man das eine tut: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst …“. Sind wir nun also zur Freiheit berufen – oder zur Sklaverei? Sind wir nun frei vom Gesetz – oder müssen wir das ganze Gesetz erfüllen? Denn wer lebt, tut das ganze Gesetz, und billiger geht es nicht. In 5, 13 hatte Paulus sogar 5, 1 wiederholt: Ihr… seid doch zur Freiheit … berufen. Doch versteht Freiheit nicht falsch als Freibrief für hemmungslose Ichsucht, sondern leistet einander Sklavendienst durch Liebe …“. Die entscheidende positive Aussage fand man stets in 5, 16: „Lasst euch vom Heiligen Geist führen …“.

Wesentlich unter Einfluss des Galaterbriefs hat die Christenheit lange das Hauptproblem zwischen Judentum und Christentum recht einseitig in den Fragen um „Gesetz“ und „Beschneidung“ gesehen, wie man an fast allen Schriften des Neuen Testaments außer dem Römerbrief und dem Galaterbrief sehen kann.

Und zusätzlich äußert sich die ganze Unsicherheit der westlichen Kirche gegenüber dem Heiligen Geist in der Wirkungsgeschichte dieses Textes, weil hier so Unterschiedliches miteinander verbunden ist. Die wichtigste Frage war: Was hat Freiheit vom Gesetz mit Heiligem Geist zu tun? Und wenn der Heilige Geist durch die Taufe jedem einzelnen Christen und jeder Christin gegeben ist – ist das, was der Heilige Geist mir zu verstehen gibt, nicht dann der Maßstab der Freiheit? Bin ich nicht so frei, ihm allein zu folgen? – Aus heutiger Sicht kann man sagen: Bei dieser Auslegung war ein allgemeines Durcheinander geradezu vorprogrammiert. Zudem hat man das johanneische „Der Geist weht wo er will“ zur Deutung dieser Paulustexte hinzugenommen, so dass herauskam: Der Geist weht, wo ich will.

Hier verläuft dann auch die Trennlinie zwischen linker und rechter Reformation (die uns zum Reformations-„Jubiläum“ beschäftigen sollte). Während Luther die Freiheit eines Christenmenschen als Freiheit von Sünde, Tod und Teufel, aber auch als Freiheit gegenüber kirchlicher Regulierung des geistgewirkten Glaubens verstand, hat die linke Reformation von der Freiheit der Christen gegen jedes ungerechte Gesetz – auch das weltliche – gesprochen. Wobei der Einzelne darüber zu befinden hatte, was ungerechtes Gesetz war, denn jeder Einzelne hatte ja Heiligen Geist in sich. Luthers Abneigung gegen die linke Reformation war stärker als die gegen Papst und Kirchenrecht. Und streng lutherische Theologie hat seither ein Misstrauen gegenüber dem Heiligen Geist bewahrt.

Eine andere Auslegung, der auch Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ folgt, sieht den Heiligen Geist im Gesetz selbst wirken. Der zu Pfingsten gesandte Heilige Geist habe das jüdische Gesetz vergeistigt, das heißt: ihm allgemeine Vernunftgeltung verschafft, so dass es die universale Torah für Juden und Heiden geworden sei. Denn jetzt könne man das Gesetz von innen her, mit wahrhaftiger innerer Zustimmung des Willens und nicht nur weil es geboten sei, befolgen. Das aber genau mache die Gesetzesfreiheit aus. Es ist nicht besonders schwierig, in diesen Gedanken die Auslegung wiederzufinden, die Immanuel Kant dem fünften Kapitel des Galaterbriefes gibt. Die Gesetzesfreiheit des Apostels wird daher im Sinne wohl verstandener Autonomie gedacht.

Wieder eine andere Auslegung geht davon aus, dass der Heilige Geist nicht das Gesetz verändert hat, sondern die Menschen, und dass der Heilige Geist bei Paulus etwas anderes ist als Vergeistigung oder Universalisierung im Sinne der Geltung der die Nationen übergreifenden Vernunft. Der Heilige Geist hat die Christen in der Taufe aus dem Bereich der Schwäche und Todverfallenheit, aus der Neigung zur Sünde und Verführbarkeit herausgeholt und in den Bereich der Kraft, der Vitalität, des ewigen Lebens, des Einsseins mit Gott, anderen und sich selbst hineingestellt. Diese Kraft nennt Paulus Heiligen Geist. Dieser Heilige Geist schafft Freiheit, weil er uns befreit von jeder Verurteilung und von allem Entzweienden (das uns entzweit mit Gott, dem Nächsten und uns selbst), und dadurch bewirkt der Heilige Geist Freiheit von aller Enge und Angst. Das Gesetz wird erfüllbar, weil der Heilige Geist die Kraft der Einheit und des Einsseins ist. Dann wird alles leicht, was Gott von uns will. Es ist die Kraft der Religion – Begeisterung, Anbetung, Hingabe, unbesiegliche Hoffnung. Im Galaterbrief wendet sich Paulus nur dagegen, sich von zusätzlicher Beschneidung (die zur Taufe hinzukommt) irgendetwas zu erhoffen. Paulus meint: Der Heilige Geist bewirkt Kindschaft, Beschneidung nur Sklaverei.

Was bedeutet der Text heute? Welche Bedeutung hat heute der Heilige Geist für die Erfüllung des Willens Gottes (Gesetz)? Der Heilige Geist ist die göttliche Schöpfermacht, die schmerzlich trennende Spaltung überwindet, die zur Einheit versöhnt, die unselig Ge- und Verschiedenes zusammenführt. In dieser Hinsicht befreit der Heilige Geist, wenn sich Christen ihm nur anvertrauen, von den meisten Altlasten der Geschichte, und zwar von solchen, die zwischen den Menschen fortbestehen wie leergebrannte Panzer in der Landschaft nach Kriegsende. Denn nur selten beruhen diese Altlasten nicht auf Streit, Neid oder Missgunst. Wenn wir davon erleichtert sind, gilt auch „leistet einander Sklavendienst durch Liebe“. Da muss eben nicht jeder sorgfältig auf seine Rechte achten, da kommt es tatsächlich nur auf das eine an: sich einander zu unterwerfen, wie es Sklaven gegenüber ihrem Herrn tun. Es ist der Sklavendienst von Befreiten.

Man kann natürlich fragen: Warum muss es gleich Sklavendienst sein? Geht es nicht weniger anstrengend und weniger total und radikal? Sollen wir uns nicht wie normale und anständige Menschen zueinander und miteinander verhalten? Nun, dazu sind zwei Dinge zu beachten: Für Paulus bedeutet Handeln aus dem Heiligen Geist durchaus eine neue Qualität menschlichen Tuns. An seinem eigenen Aposteldienst (er bezeichnet sich als „Sklave Jesu Christi“) kann man ablesen, dass Versklavtsein gegenüber der Gerechtigkeit für die Getauften (Röm 6, 18) durchaus lückenlosen Dienst meint. Ich denke an den Arzt oder Apotheker, der zusätzlich zum normalen Dienst tagsüber auch den Nachtdienst versieht. Und das zweite: Freiheit ist für Paulus kein Selbstzweck, ist noch nicht einmal positiv besetzt, sondern ist immer nur die Freiheit „von“. Bei Kant ist das ganz anders. Bei ihm ist Autonomie („Freiheit“) die aus eigenem, freiem Inneren vollzogene Beobachtung des Gesetzes. Der freie Selbstvollzug der Vernunft ist für ihn der höchste Wert. Für Paulus dagegen ist es die Erfüllung des Willens Gottes, dessen Sklave der Mensch ist, zur Ehre Gottes. Der Sklavendienst gegenüber dem Nächsten gilt daher letztlich und eigentlich Gott. Denn der Nächste, Bruder oder Schwester, ist für den angesprochenen Christen immer ein Vorposten Gottes, eine Instanz Gottes.

Die Aktualität des Galaterbriefs liegt auch darin, dass hier trotz der bestehenden Einheit des christlichen Credos, auf die Paulus sich natürlich beruft, sich unter dem Schirm des Christentums zwei entgegengesetzte religiöse Kulturen treffen. Der Galaterbrief stellt diesen Zusammenstoß mit einzigartiger Schärfe dar: Es ist die rituell orientierte Kultur, die in dem einschneidenden wie (laut heidnischen Kommentaren) peinlichen Ritus der Beschneidung gipfelt, es ist andererseits das charismatisch und ethisch orientierte frühe Christentum, dem Paulus zugehört (nicht nur Heidenchristen!), und es sind drittens Heidenchristen, die plötzlich ihre Liebe zum blutigen Ritus a la Abraham entdecken. Paulus verteidigt sein Christentum mit immensen Folgen für die Kirchengeschichte. Nur im jüdisch-christlichen Milieu Äthiopiens konnte – fern von Paulus – die andere Mixtur fast bis heute überleben. Paulus dagegen ist ein ethisch-charismatischer Purist.

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