Die Sonntagslesung: Christus, du Sieger und König

Zu den Lesungen am Ostersonntag (Lesejahr B) Von Klaus Berger

Apostelgeschichte 10, 34a–43; Kolosser 3, 1–4; Johannes 20, 1–18

Voll von Osterjubel ist kein Ostertext der Evangelien, auch Johannes 20 nicht. Eher trocken liefern alle diese Texte harte und wasserdichte juristische Begründungen für den Glauben der Christenheit. Früher hat man die rührende Geschichte erzählt, am Gründonnerstag nach dem Gloria flögen alle Glocken nach Rom. Denn zwischen Gründonnerstag und dem Ostermorgen waren alle Kirchenglocken stumm. Erst in der Osternacht, gerade rechtzeitig zum Mitternachtsamt sind dann alle Glocken aus Rom wieder da und verkünden die Osterbotschaft mit der vollen Kraft ihres Geläuts. Wir sehen und hören die mächtigen Glocken der Osternacht und des Ostermorgens geradezu vor uns, die Glocken in der ewigen Stadt, den „dicken Pitter“ im Dom zu Köln, die Gloriosa im Erfurter Dom, den fröhlichen Klang der Geläute bis hinein ins letzte einsame Tal der Christenheit, soweit die Botschaft je gekommen ist. Oft ist es ein lange andauerndes Läuten oder Bimmeln, soweit die schwachen Kräfte reichen. Auf mancher Glocke steht daher die Inschrift: „Tuba Dei ego sum“, „Gottes Posaune bin ich“. Und gemeint ist dann die Posaune vom Himmel, mit der nach 1 Korinther 15,52 die Auferstehung der Toten beginnt und verkündet wird. Und zu Beginn des Weltgerichts heißt es in Matthäus 24,31: Mit lautem Posaunenschall wird er seine Engel senden. Zu Ostern aber ist der Anfang von alledem. Denn die Osterglocken sind das erste Zeichen des unrevidierbaren Sieges.

Neulich war ich in einem hübschen Kirchlein mit dem Namen „Muttergottes vom Sieg“. Welcher Trost geht schon allein von diesem Namen aus, und ich stelle mir die Muttergottes am allerersten Ostersonntag vor. Aber wo spricht in unserer Welt jemand noch gern vom Sieg? Unter unseren Bekannten gibt es eine zaghafte fromme Frau namens Siglinde. Sie legt immer Wert auf die Feststellung, ihr Name solle nicht mit „Sieg-“ beginnen, sondern nur mit „Sig-“, denn von irgendeinem Sieg wolle sie nach all den Kriegen nichts wissen. Zu oft sei das Wort Sieg militärisch missbraucht worden. Ich möchte dieser Frau und allen zaghaften Christen sagen: In meinem Christentum gibt es das Wort Sieg sehr wohl. Und das lange, laute Geläute der Osternacht verkündet einen Sieg, allerdings den einzigen und zugleich entscheidenden, über den man sich freuen kann. Deshalb fragt schon Paulus zu Ostern spöttisch: „Tod, wo ist dein Sieg?“

Der Tod beherrscht nur noch scheinbar die Welt

Wahr ist auch: Jede und jeder von uns wird irgendwann den Kampf gegen den unheimlichsten Feind, den Tod, verlieren. Den letzten Kampf verlieren wir. Doch schon mitten in unserem Leben gibt es Ostern. Und Ostern sagt: Der Tod kann ab jetzt nicht mehr wirklich siegen. Die Strähne seiner Siege seit Adam und seine Karriere überhaupt sind nun beendet. Denn der Tod ist ein für alle Male und leibhaftig besiegt. Er ist nur noch scheinbar Weltherrscher, denn Ostern hat ihn entlarvt. Er ist in Wahrheit Gerippe von gestern. Deshalb endet die alte Ostersequenz der lateinischen Kirche mit dem Reim: Surrexit Christus a mortuis vere. Tu nobis victor, rex, miserere. „Christus ist wahrhaft von den Toten erstanden. Du Sieger, du König, erbarme dich unser!“ Denn so rief man den römischen Kaisern auf ihrem Triumphzug zu: „Sieger, König, erbarme dich!“

Woher wir das alles so genau wissen? Johannes 20 berichtet es, knochentrocken und ganz nüchtern, „voll cool“ würde man heute sagen. Es ist, wie wenn der Evangelist auf folgende Ermittlungsfragen antwortete: Gibt es Zeugen? Und wenn ja, wie heißen sie? Und sind ihre Zeugnisse unabhängig voneinander? Das heißt: Können sie auch vor kritischen Ohren Bestand haben? Und: Wodurch ist eine Selbsttäuschung der Zeugen ausgeschlossen? Hatten sie finanzielle Vorteile von ihrer Aussage? – Nein, Letzteres sicher nicht. Denn verdient haben sie sich durch ihre Aussagen die Palme des Martyriums. Zeugen gibt es nach unserem Textabschnitt schon allein vier: Maria von Magdala, glaubwürdig, weil sie auch schon Zeugin von Kreuzigung und Begräbnis war. Ferner Petrus und der Lieblingsjünger, glaubwürdig, weil bei dem Gang zum Grab der eine auf den anderen am Eingang der Höhle wartete, bevor der Lieblingsjünger den Leichnam Jesu hätte stehlen oder verstecken können. Schließlich die Schrift, in diesem Fall seit achthundert Jahren unerfüllte Verheißung, darin besonders die Psalmen und Propheten. Schließlich weist die minutiös geschilderte Anordnung der Grabestücher darauf, dass der Leichnam Jesu jedenfalls nicht gestohlen wurde. Denn Grabräuber hätten die Tücher gut zur Wiederverwendung verscherbeln können. Schließlich kommen nach dem Lukasevangelium noch die beiden Emmausjünger hinzu, nach allen Evangelien aber die elf Jünger Jesu, nach Paulus außer ihm selbst noch 500 meistenteils noch lebende Zeugen und Jakobus. An soliden Zeugen ist also kein Mangel, und doch reicht bis heute die Fantasie der Menschen nicht so weit, dass sie sich einen Sieg über den Tod vorstellen könnten. Verkorkste und komplizierte, absolut unbeweisbare Mythen wie Reinkarnation glauben jedenfalls ein Drittel unserer Mitbürger, und niemand wird sie deswegen für verrückt erklären. Doch zu sagen „Jesus ist auferstanden“ gilt als vorkritischer Schwachsinn und „mit der Medizin“ unvereinbar. Es hat auch keinen Sinn, nach zweitausend Jahren Widerstand gegen diese Botschaft mit „Beweisen“ zu argumentieren. Es hilft auch nichts, immer wieder zu erklären, der entscheidende Konflikt sei schon längst nicht mehr der zwischen „Glauben“ und „Naturwissenschaft“ oder zwischen Credo und Evolution.

Die Menschen wollen sich nicht öffnen für das Licht

Der eigentliche Konflikt besteht darin, dass die meisten Menschen Licht nicht in sich hineinlassen wollen, weil sie dann mit ihrem bisherigen Nein „blöd“ dastehen. Beweise, Druck und klerikale Zwänge bringen nichts. Aber wer auch nur einmal die Passionsspiele in Oberammergau miterlebt hat, wird sich der Tatsache nicht entziehen können, dass diese Geschichte auch heute noch Tausende zu Tränen rührt, sodass keiner unbekehrt von dannen zieht. Das liegt wohl daran, dass hier die Geschichte erzählt wird. Ähnlich ergeht es mir auch immer in der Liturgie der Osternacht. Da ist nichts Zwanghaftes oder Erzwungenes. Mitten in und unter reichen liturgischen Symbolen wird fast nebenbei erwähnt, dass in dieser Nacht „Christus als Sieger hinaufgestiegen“ ist. Die Geschichte erzählen (als Drama) oder die Entfaltung der Liturgie zu erleben, nicht zuletzt das eine Licht der Osterkerze in der dunklen Kirche, das ist der langsame, gemächliche Weg der Verkündigung der Osterbotschaft.

Man kann es auch schnell und direkt tun wie im Ostergruß der Ostkirche „Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaft auferstanden“. Dann bricht die revolutionäre Botschaft direkt ein in unsere lahme und scheinbar trostlose Welt. Wie ein Stück aus dem Himmel. Wie in der Liturgie und beim Osterspiel wird auch bei diesem Gruß nichts bewiesen, sodass ein Rationalist zufrieden sein könnte. Die Botschaft dieses Grußes, mit dem man sich gegenseitig seines Glaubens versichert („Er ist... Er ist wahrhaft ...“), ist vielmehr wie ein frecher, total erhellender und dennoch fremd bleibender Farbtupfer im Gemälde unserer Wirklichkeit.

Kehren wir zu den Osterglocken zurück. Diese schlichten Blümchen verkünden mit leuchtendem Goldgelb den Triumph des Frühlings über die dunkle Zeit vorher. Auf den großen Osterdarstellungen der Kunstgeschichte gibt es immer wieder Blümchen, die wie Ministranten des Auferstandenen vom Sieger in den Dienst genommen werden. Ja doch, es gibt einen Sieger. Seine Waffen sind Erzählen, Nachspielen, Liturgie feiernd abwarten, einander grüßen, sich mitreißen lassen von der Bewegung der Glocken, sich von leuchtenden Blümchen inspirieren lassen.

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