die sonntagslesung

Die Spannung zwischen Intimität und Globalität, zwischen verbindlicher Nähe Gottes zu den Menschen und universaler Bedeutung, gerade auch Jesu Christi Bedeutung – das beherrscht die drei Texte. Der Gott der Bibel ist jeweils beides, nah wie Herz und Mund und allgemein wie der Mittler der Schöpfung. In der Mitte steht die Liebe, die wie beim Barmherzigen Samaritaner vom Herzen kommt und dennoch keine Grenzen kennt. Es ist dieses Spiel von Nähe und Universalität, das der biblischen Religion ihr Profil gibt.

Denn in Deuteronomium 30 ist der Sinn: Die Torah, die Gott den Menschen gegeben hat, ist für die Menschen nicht unfassbar und unerreichbar. Man muss es nicht erst im Himmel suchen, man muss niemanden schicken, es von irgend woher zu holen, sondern durch Moses hat es Gott den Menschen gegeben, so dass es nahe bei Mund und Herz ist. Paulus wird diesen Gedanken im 10. Kapitel des Römerbriefs aufnehmen und auf das christliche Credo beziehen, das aus seiner Sicht noch sehr viel näher bei Mund und Herz liegt als das Gesetz. Dass bei der Torah irgendeine Entfremdung erst zu überwinden sei, bestreitet Moses. Gott ist nahe bei den Menschen, und die Torah macht sie zu Auserwählten.

Die Entfernungen und die Entfremdung voneinander dagegen besteht auf der Seite der Menschen, zum Beispiel zwischen Juden und Samaritanern. Diese Distanz ist durch eine universal verstandene Menschenliebe zu überwinden. So beginnt Jesus nach Lukas die Antwort auf die Frage nach dem ewigen Leben, indem er auf die beiden Hauptgebote hin das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner als „Anwendungsbestimmung“ folgen lässt, denn es erläutert den Begriff des Nächsten. Der Nächste „ist man nicht“, sondern zum Nächsten wird einem der, dem man hilft. Es wird hier nicht ein Status juristisch definiert, sondern eine Bewegung beschrieben. Juristisch gesehen wäre der Nächste nur der jüdische Volksgenosse – so ist es in der Torah. Doch das Wort „Nächster“ wird von Jesus wie in der Septuaginta und in der Weisheitsliteratur im Sinne von Freund genommen und daher „beweglich“. Zum Freund eines anderen kann man „werden“, und das wird hier auf den Nächsten bezogen. So entsteht Nähe, wo zuvor Entfernung war.

Die Basis praktischen Tuns ist das Erbarmen

Das geschieht nicht durch philologische Diskussion, wie wir sie hier im Nachhinein angestellt haben, sondern durch ein praktisches exemplarisches Tun. Dieses geschieht auf der Basis spontanen Erbarmens, erst danach überlegt Jesus, was hier eigentlich geschehen ist. Der jüdische Philosoph Hans Jonas hat später die Überlegung dazu beigesteuert, dass das meiste Unrecht unter Menschen dadurch geschieht, dass Menschen sich der spontanen Anwandlung mitmenschlicher Barmherzigkeit dann entziehen und dazu noch zur Selbstrechtfertigung Ideologien sich ausdenken.

Der Christus-Hymnus in Kolosser 1 spricht über Jesu Christi universale Funktion für alle Schöpfung. Er ist Mittler und Ziel für schlechthin alles, was es gibt, auch für die von den Kolossern so verehrten himmlischen Mächte. Aber er steht auch der Kirche voran, und zwar als Mittler der Versöhnung durch sein Blut. So bringt er Gott und Mensch zusammen. Denn als Abbild Gottes ist er Gottes Sohn. Das ist der entscheidende Schritt Gottes. Das ist auch heute noch so, wenn die oder der Verehrte dem, der Partner ist oder werden möchte, sein Bild schenkt. Das bedeutet: Indem er sein Bild schenkt, ist der oder die Verehrte auf eine bisher unvergleichliche Weise an den Verehrer herangerückt.

Das war für Jahrhunderte das Thema des Bilderstreits: Denn man weiß: Eigentlich kann und darf man Gott nicht abbilden. Gott ist unfassbar, und wer meint, ihn abbilden zu können, der macht ihn kleiner, und das ist Frevel. Doch etwas ganz anderes liegt vor, wenn Gott selbst ein Bild von sich geschickt hat, wenn er aus freien Stücken so klein wird, dass er für die Menschen in einem Bild anschaubar wird. Das tut er aus Liebe, damit die Menschen, wenn sie schon seine Größe nicht fassen können, doch wenigstens durch die Glut seiner Liebe in ihrem Herzen bewegt werden; Gott setzt hier erkennbar mehr auf die Liebe als auf den Verstand. Der Verstand kann Gott überhaupt nicht fassen. Die Liebe des Menschen auch nicht, aber die Liebe ist wenigstens von Natur aus so sehnsüchtig, dass sie durch nichts außer durch Gott zufriedengestellt werden kann. Gott ist so groß, dass er es sich leisten kann, ganz klein zu werden. Wer daher das eigentlich Frevelhafte tut, von Gottes Bild zu sprechen, der weist mit jedem Wort auf Gottes unglaubliche Tat hin, seine eigene Unfassbarkeit fasslich gemacht zu haben. Gerade weil Gott nicht fassbar ist, ist das Anstößige, ihn fassbar zu machen, nur als seine eigene Tat möglich. Damit aber müsste die Hauptschwierigkeit, dass die Menschen keinen Zugang zu Gott finden, beseitigt sein. Außer sie wollten gar nicht geliebt werden. So dass man nur beten kann: Herr, erwecke in den Menschen die Sehnsucht, geliebt zu werden.

Was die Versöhnung durch Jesu Blut angeht, so hat man in den letzten Jahren immerhin feststellen können, dass Paulus oder seine Schüler hier Bezug nehmen auf ein bekanntes, in der Politik übliches Wortfeld mit den Elementen Frieden, Zorn, Versöhnung, Feindschaft, einst – jetzt, zwei Parteien, universale Bedeutung, Vermittlung der Versöhnung durch einen Gesandten, Szenario der Audienz. Nur der Tod des Mittlers hatte darin keinen Platz.

In Treue zum Auftrag zum Sterben bereit

Aber wer für eine Friedens- und Versöhnungsaktion (Sendung) den Tod in Kauf nimmt, meint es ganz ernst, lässt sich durch nichts abschrecken, auch durch den Tod nicht. Das ist zunächst einmal die Grundlage: In Treue zu seinem Auftrag ist Jesus bis zum Letzten bereit, bis zum blutigen Tod, den Menschen die Versöhnungsbereitschaft Gottes unwiderruflich zu verkünden. In Vers 22 kommt hinzu, dass die Menschen schuldig und unheilig waren. Der blutige Tod gibt ihnen die Gewissheit, davon frei zu sein, weil er als ein Sühneopfer vor Gott gedeutet werden konnte. Und das, obwohl der Kult in Israel keine Menschenopfer vorsah. Dennoch ist die kultische Terminologie in Kolosser 1, 22 so ausgeprägt, dass man um die Deutung als Sühneopfer nicht herumkommt. Ermöglicht wird das in dem vom Wortfeld Vorgegebenen dadurch, dass das „Szenario der Audienz“ zum Sachgeschehen der Versöhnung zwischen verfeindeten Völkern dazugehört. Wenn man aber der Audienz vor Gott gar nicht würdig ist, weil man befleckt und schuldbeladen ist, dann braucht man gnädig zugestandene Reinigung. Dass Gott sie durch seinen Sohn selbst sozusagen mit dem eigenen Leib, am eigenen Leib vollzogen gewährt, zeugt von der selbstlosen Liebe Gottes. Die Audienzfähigkeit hat er (vergleichbar dem hochzeitlichen Gewand) selbst hergestellt. Das war freilich streng sachlich gedacht – nicht „nötig“. Gott könnte – wenn man so überhaupt denken dürfte – auch unblutig vergeben. Aber die Geschichte ist nun einmal anders verlaufen. Und deswegen ist es nicht unsere Aufgabe, Alternativen auszudenken, die hätten sein können, wenn die Römer und Judas nicht gewesen wären. Sondern in dem, was war und was Gott daraus gemacht hat, finden wir überreiche Hinweise darauf, wie Gott auf krummen Zeilen (Mord an Jesus) gerade schreibt, so dass wir eben gerade so seine Handschrift erkennen. Wenn Gott am Werke ist, wird jedes Detail wichtig. Denn ein absoluter Versöhnungswille findet auf jeden Fall seinen Weg.

So kann man als theologisches Fazit dieser drei Texte formulieren: Durch drei große Schritte kommt Gott auf die Menschen zu: Durch die Gabe der Torah, indem er ihnen durch die Menschwerdung Jesu Christi ein Bild von sich sandte und indem er durch sein Blut, durch die Gabe seines Lebens, den Frieden mit ihnen besiegelte. Und er erwartet nun von den Christen- Menschen, dass sie auch ihrerseits die Grenzen aufheben durch tätige Fremdenliebe. So ist die Heilsgeschichte inklusive der Ethik eine einzige Bewegung der Annäherung an die Menschen und daraufhin (so sehen es unsere Texte) der Menschen an die Menschen. Dieses Heilen der Zertrennten gehört zu den Anzeichen der Neuen Schöpfung, während die Trennung, das Differenzieren und Auseinandergehen das Merkmal der ersten Schöpfung gewesen war.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer