Die Sonntagslesung

Für den Seelsorger bringt der Text der Lesung aus dem Ersten Petrusbrief zwei Dinge zusammen, die vielen Probleme bereiten: Taufe und Beichte. Gewiss wird die Ohrenbeichte für Christen im Neuen Testament noch nicht genannt – man musste sich erst ein paar Jahrhunderte darüber streiten – aber die Voraussetzung dafür, dass sie höchst sinnvoll ist, wird an dieser Stelle gelegt. Diese Voraussetzung ist dieselbe wie bei der Taufe: Dass der erhöhte Herr vor Gott für uns eintritt und bleibend unser Mittler ist. Paulus hat es auch so gesagt: Wäre Jesus nicht auferstanden, dann wären wir noch in unseren Sünden. Und zwar in unseren alten wie in unseren neuen Sünden.

Der fachkundige Leser wird hier stutzen und sich erheblich wundern. Lernen wir nicht in der Schule schon, dass unsere Sünden durch Jesu am Kreuz vergossenes Blut abgewaschen werden? Ist nicht der Tod Jesu der Weg zur Befreiung von der Sünde? Ja, das ist er, aber nicht ohne Auferstehung. Denn das Blut, das Jesus am Kreuz vergossen hat, wirkt nicht automatisch und magisch. Sondern es ist das Dokument seiner Liebe, und wegen dieser Liebe wird er vom himmlischen Vater als unser Stellvertreter akzeptiert. Als Auferstandener tritt er vor Gott, weist hin auf seinen Tod und tritt als unser einziger Mittler für uns ein.

Jedenfalls sieht das der Erste Petrusbrief so, und damit lenkt er unseren Blick bei Taufe und Sündenvergebung auf Jesus, der in der himmlischen Gegenwart Gottes steht. Jesu Tod am Kreuz ist nicht nur Beweis für seine Liebe, Inbegriff und Zentrum seines Opfers, sondern als Zeichen das Verlobungsgeschenk für die Kirche. Den Beweis für seine Liebe hat Jesus auch ein für allemale vollbracht.

„Unser Mittler

und das

Haupt

seiner Kirche“

Wenn der Erste Petrusbrief erklärt, dass Jesus dafür die Mächte und Gewalten überwinden, ja besiegen musste, dann gilt das deshalb, weil die vornehmen himmlischen Mächte ihre berechtigten Einwände gegen den Menschen erheben, auch gegen die Menschwerdung Gottes und vor allem gegen die Befreiung der Menschen von Sündenschuld. Sie fanden das alles einfach ungerecht, weil die Menschen das nicht verdient hatten. In der Tat, hatten wir auch nicht. Dass Jesus für uns Menschen eintritt, haben die himmlischen Mächte und Gewalten aus Gründen der schlichten Gerechtheit abgelehnt. Daher mussten sie „überwunden“ werden, ausgetrickst werden, nämlich dadurch, dass Jesus, unser Stellvertreter sich als einer von uns vor den himmlischen Vater stellt.

Vergessen wir nicht, dass auf den alten Darstellungen des Auferstandenen Jesus Christus immer mit der Fahne des Siegers abgebildet ist. Dieser Sieg bedeutete: Gegenüber der liebevollen Hingabe und Stellvertretung für uns Menschen waren alle Einwände gegen eine Vergebung der Sünden durch Gott einfach dahingeschmolzen. Noch einmal: Der paulinische Satz, ohne die Auferstehung Jesu wären wir noch in unseren Sünden, wird durch den Ersten Petrusbrief eben deshalb bestätigt, weil Auferstehung Jesu nicht einfach bedeutet, dass er irgendwie wieder lebendig ist, sondern dass er als unser Mittler und das Haupt seiner Kirche vor Gott steht.

Und mit Beichte hat das deshalb etwas zu tun, weil die Christen schon bald anfingen zu fragen, ob durch den Tod Jesu am Kreuz auch alle späteren Sünden gesühnt seien. Wie soll nach 2000 Jahren noch der Holocaust so durch das eine Ereignis am Kreuz gesühnt worden sein? Meine Antwort: Es ist eben der Auferstandene, der bleibend und immer wieder die Einrede der perfekten Engel zurückweist und den Vater im Himmel für uns bittet. Deshalb, weil Jesus lebt, kann der Beichtvater auch im Namen des lebendigen Gottessohnes Jesus die Sünden vergeben. Mit dem Namen eines Toten ginge das überhaupt nicht.

Wahr ist, dass Jesus sein einziges menschliches Leben für uns aufgeopfert hat, wahr ist aber auch, dass er auch in der himmlischen Gegenwart des Vaters nicht aufhört, sich „für uns zu verwenden“. Deshalb beten wir am Schluss jedes Gebetes: „Durch Jesus Christus, unseren Herrn.“

Er ist der Mittler unserer Gebete. Er ist als der Lebendige nicht nach dem Kreuz überflüssig geworden, sondern er ist Tag und Nacht der „Regierende Herr und Meister“ seiner Kirche. Und das betrifft vor allem die oft schweren Sünden der Christen.

Aber wie beim Kreuzestod Jesu funktioniert das nicht automatisch. Wir werden nicht mechanisch automatisch durch das Blut Jesu Christi erlöst, und wir erfahren auch nicht durch den physikalisch-biologischen Vorgang Vergebung der Sünden. Nur dumme und abergläubische Leute haben das vielleicht in den Missständen des Zeitalters vor der Reformation angenommen. In Wahrheit aber brauchen wir Beichte und Absolution gerade deshalb, weil das Werk Jesu Christi kein Automat ist. Man hat das oft den Katholiken unterstellt. In Wahrheit aber brauchen wir das lebendige Wort Jesu, von oben nach unten vermittelt durch den Priester bei der Absolution. Wie soll es denn sonst auf die Erde zu den Menschen gelangen, also genau so, wie auch die Verkündigung des Evangeliums geschieht.

„Jesu Tod ist nur

der Anfang

der

Geschichte“

Durch dauerhaft beauftragte, geweihte Menschen. Die Sakramente sind notwendig, weil Menschen ein klares Wort und eine klare Orientierung brauchen über das, was mit ihnen geschieht. Und durch die Weihe wird der künftige Beichtvater nur hineingestellt in einen geradezu körperlich vorzustellenden Fluss der Liebe vom Himmel auf die Erde. An theoretischen Gottesbeweisen besteht kein Bedarf mehr, wohl aber an leibhaftigen Priestern, die in der Lage sind, im Namen Gottes sündenvergebend zu handeln.

Ich werde nie verstehen, warum wir die Beichte totgetreten haben. Gibt es denn keine Menschen mehr, die Gewissheit, leibhaftig vermittelte Gewissheit darüber haben wollen, dass der lebendige Herr im Himmel uns vergibt. Dass meine Sünden durch ein Martyrium von vor 2000 Jahren definitiv besiegt seien, dass ich an der Frucht dieses Opfers teilhaben kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Den Blick nur in die Vergangenheit zu richten, kann nicht voll überzeugen. Wir sollten den Blick nach oben richten, auf Sakramente, Tabernakel und lebendige Priester.

Wir brauchen so sehr ein wenig Stützung. Jesu Tod ist nur der Anfang der Geschichte einer großen, bis in jede Sündenvergebung reichende Liebesgeschichte zwischen Gott und Menschen. Luther nannte das Glaubensgewissheit, und er hat dafür gekämpft. Vor lauter Eifer hat er am Ende übersehen, dass diese Glaubensgewissheit nirgends und auf keine Weise so kräftig und heftig vermittelt wird wie in den sieben Sakramenten. Und durch Priester, die das darstellen, was sie sagen – im Namen des lebendigen, auferstandenen Herrn. Das „Für immer“ der Erlösung reicht nicht; es bedarf des „Hier und Jetzt und leibhaftig“.

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