Die Sonntagslesung

Das Evangelium beschreibt, wie die ersten Jünger zu Jesus finden. Hier beginnt die Berufung der Apostel. Um den Ruf Gottes geht es schon in der ersten Lesung, die vom jungen Samuel handelt. Auch die zweite Lesung aus dem Ersten Korintherbrief des heiligen Paulus behandelt einen wichtigen Gesichtspunkt des Rufes Christi an alle, die seinen Spuren folgen wollen. Aus diesen Texten der Heiligen Schrift können wir Entscheidendes ablesen über die geistlichen Berufungen, aber auch über den Ruf Gottes an jeden Einzelnen von uns.

Beginnen wir mit einem Blick auf die Berufung des Samuel. Wir befinden uns im 10. Jahrhundert vor Christi Geburt, noch vor der Einführung des jüdischen Königtums für Saul und David, wobei Samuel eine wichtige Rolle spielte. Samuel war der Sohn einer Mutter namens Hanna, die über viele Jahre hinweg keine Kinder bekommen konnte. Da machte sie am Heiligtum Gottes in Schilo ein Gelübde: „Wenn Du, o Gott, mir ein Kind schenkst, dann weihe ich es Dir für Deinen Dienst.“ Daraufhin empfing sie Samuel und brachte ihn, als er drei Jahre alt war, nach Schilo in die Obhut des Priesters Eli. Dieser hochbetagte Priester war der höchstrangige geistliche Würdenträger in Israel. Er wirkte nicht in jeder Hinsicht vorbildlich: er duldete nämlich die Missetaten seiner beiden Söhne, die als Priester für die praktische Verwaltung des Heiligtums zuständig waren. Diese beiden unwürdigen Priester bereicherten sich persönlich und begingen skandalöse Verfehlungen gegen das sechste Gebot. Eli hätte sie absetzen müssen, aber stattdessen schloss er gleichsam die Augen vor dem Missbrauch ihres Amtes. Ähnliche Vorkommnisse finden wir leider auch in der jüngeren Kirchengeschichte. Das Volk Israel wurde später für die unwürdige Situation im Heiligtum aufs Schwerste gestraft: Als das jüdische Heer im Kampf gegen die Philister sich Gottes gleichsam als Siegesgarantie bemächtigen wollte und die Bundeslade mitführte, begleitet von den beiden Söhnen Elis, da erlitten die Juden eine fürchterliche Niederlage, und die Bundeslade fiel in die Hände der Feinde.

Nun, die Berufung Samuels spielt sich zu einer Zeit ab, da dieses Gottesgericht noch nicht ergangen war. Der Gott geweihte Junge schläft im Tempel Gottes, wo die Bundeslade steht. Darin befanden sich Erinnerungen an den Auszug aus Ägypten, den Zug durch die Wüste und den Bundesschluss am Berge Sinai: der Stab Aarons, Reste des Mannas und die beiden Tafeln mit den Zehn Geboten.

Was dann im Tempel geschieht, gleicht einem Telefonanruf für jemanden, der noch nie ein Telefon bedient hat: Das Telefon schellt, aber der Betreffende weiß noch nicht, dass man den Hörer abnehmen und sich melden muss. Nun, Samuel hört eine Stimme, meint aber zunächst, Eli habe ihn gerufen. Als der Junge zum dritten Mal zu Eli geht, merkt der alte Priester, dass offenbar Gott selbst den jungen Samuel gerufen hat: „Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört“. Samuel befolgt diese Anweisung, nimmt gleichsam den Hörer ab und wird dann einer der sogenannten „Richter“ Israels, zur führenden Persönlichkeit in der turbulenten Zeit vor der israelitischen Monarchie. Der Bund Gottes mit Israel kommt durch ihn auf vorbildliche Weise zur Geltung. In einer Situation der Verkommenheit und des geistigen Niedergangs wirkt Gott etwas Neues. Gott lässt sein Volk nicht im Stich. Sicherlich stammt die Berufung des Samuel unmittelbar von Gott, der ihn im konkreten Falle sogar hörbar ruft. Allerdings brauchte der Junge, um mit Gott Kontakt aufnehmen zu können, die Vermittlung des erfahrenen Priesters Eli. Weiter im Hintergrund steht außerdem das Gebet seiner Mutter, die ihn als Dank für ihr Gelübde Gott geweiht hat. Ähnliches finden wir auch heute bei den geistlichen Berufen. Wenn Gott ruft, gibt es in aller Regel keine außergewöhnlichen mystischen Erlebnisse wie bei Mose, Samuel oder Jesaja. Sicherlich sendet Gott seine Gnade, aber auf sichtbare und hörbare Weise wirkt er normalerweise durch Menschen, welche die Berufungen vorbereiten. Ich denke, dass jeder von uns ähnliche Dienste leisten kann wie Eli oder Hanna. Das gilt nicht nur für die geistlichen Berufungen im engeren Sinne (wie bei Samuel), sondern schon für alle Menschen, die unserer Verantwortung anheimgestellt sind: Durch unser Gebet, unser Vorbild und unseren Rat können sie vielleicht in besonderen Situationen den Ruf Gottes vernehmen, was ohne uns kaum möglich wäre.

Die Stimme Gottes hören und ihr folgen ist nicht immer leicht. Das zeigt sich etwa in der Gemeinde von Korinth, an die sich die Lesung aus den Paulusbriefen richtet. Der Apostel warnt darin vor der Unzucht, also vor den Sünden gegen das sechste Gebot, und betont: „Verherrlicht Gott in eurem Leib!“

Es ist kein Zufall, dass wir diese Mahnungen ausgerechnet in einem Brief an die Korinther finden. Denn Korinth in Griechenland war eine der größten Hafenstädte der Antike, ein riesiger Umschlagplatz des Welthandels. Berüchtigt waren die sexuellen Abirrungen dieses Milieus. In der alten Welt war etwa der Ausdruck „korinthisches Mädchen“ eine euphemistische Umschreibung für eine Prostituierte. Das Leben einer christlichen Familie zu führen, war in diesem Umfeld sicher nicht viel leichter als heute.

Paulus vertuscht nicht die Gefahren: Er warnt vor ihnen und motiviert für ein christliches Leben, das gegen den Zeitgeist des Heidentums von damals stand. Kurz vor unserer Lesung findet sich einer der bekannten Lasterkataloge des Apostels, in denen er auf die Folgen falscher Wege weist: „Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben“ (1 Kor 6, 9–11). Paulus spricht hier also unter anderem von Ehebruch, von homosexuellem Verhalten und von Pädophilie. Nach dem Lasterkatalog fährt Paulus fort: „Und solche gab es unter euch. Aber ihr seid reingewaschen, seid geheiligt … im Namen Christi …“ (1 Kor 6, 11). Mit anderen Worten: Es gab auch unter den neu bekehrten Christen Leute mit einer üblen Vergangenheit, aber durch die Taufe sind ihre Vergehen reingewaschen, und sie haben einen neuen Anfang gemacht.

Manche Menschen werden von einer bösen Vergangenheit wieder eingeholt. Und so geschah es auch in Korinth. Da gab es Leute, die (wie später ein Wladimir I. Lenin) den sexuellen Umgang mit Essen und Trinken verglichen. Sie meinten: wie ich essen und trinken muss, so brauche ich den mich anziehenden sexuellen Umgang. Dagegen betont Paulus: „Der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib.“ Durch die Taufe sind wir Glieder Christi geworden. Wir gehören ihm. Er wird unseren Leib vom Tode auferwecken, wenn er wiederkommt. Wer sich hingegen an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr. Diese innige Einheit ist aber nur bestimmt für die Gemeinschaft von Mann und Frau in der Ehe, wie Paulus mit einem Blick auf die Schöpfungsgeschichte erinnert: „Und die zwei werden ein Fleisch sein.“

Paulus erläutert sodann, warum die Sünden gegen das sechste Gebot besonders verheerend sind: „Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“ In der Tat prägt uns das von Gott geschaffene Mannsein oder Frausein so innig, dass die Würde des Leibes in Schamhaftigkeit und Keuschheit mit aller Energie zu verteidigen ist. Der Apostel denkt dabei keineswegs negativ über die Sexualität. Im Gegenteil: Er spricht vom „Ein-Fleisch-Werden“ der Eheleute als etwas sehr Positivem, in dem sich für getaufte Christen der Liebesbund zwischen Christus und der Kirche verwirklicht (vgl. Eph 5, 21–33). Ein Fehlverhalten in diesem Bereich richtet sich gegen die Schönheit und Würde des Leibes, in dem aufgrund der Taufe Gott selbst in uns Wohnung genommen hat. Darum betont Paulus: „Verherrlicht also Gott in eurem Leibe!“

„Verherrlicht Gott in eurem Leibe!“ Dies ist ein Programm für unser ganzes Leben in der Nachfolge Jesu. Paulus hat es selbst vorgelebt, in seinem konkreten Fall mit dem Charisma der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Es ist ein Charisma, das nicht angeboren ist, aber nach dem man streben kann (was nach Paulus für die „höheren Gnadengaben“ im allgemeinen gilt: vgl. 1 Kor 12,31a). Sogar im verkommenen Korinth entscheiden sich dann auch Menschen für die Jungfräulichkeit, um Christus ganz hingegeben zu sein (vgl. 1 Kor 7, 25–40).

Wenn Ähnliches heute geschieht, in christlichen Familien und in der Gott geweihten Jungfräulichkeit, dann wächst selbst in einer Zeit des Niedergangs neues Leben. Denn der treue Gott des neuen und ewigen Bundes wird auch heute sein Volk nicht im Stich lassen.

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