Die Sonntagslesung: Angstfrei umkehren und Buße tun

Zu den Lesungen des dritten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). Von Harm Klueting

Jesaja 8, 23b–9, 3; 1 Korinther 1, 10–13.17; Matthäus 4, 12–17

Die sechs Verse aus dem Matthäusevangelium folgen auf die Versuchungsge-schichte (Mt 4, 1–11), in der der Teufel Je-sus dreimal versucht und die Versuchung zweimal mit den Worten „Wenn du Gottes Sohn bist …“ einleitet. Unmittelbar vor der Versuchungsgeschichte steht, am Ende der Geschichte von der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer, die Bestätigung der Gottessohnschaft Jesu durch die Stimme aus dem Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn“ (Mt 3, 17). Bei der dreimaligen Versuchung Jesu geht es um die Bewährung seiner Gottessohnschaft. Nach der Bewährung der Gottessohnschaft beginnt, in unserem Abschnitt, das öffentliche Wirken Jesu, woran sich die ersten Jüngerberufungen (Mt 4,18–23) – Simon, genannt Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes – anschließen. Hier, am Beginn des öffentlichen Wirkens, steht Jesu Verkündigung: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“. Das ist der Kern seiner Verkündigung: Kehrt um!

Jesus hört, dass Johannes der Täufer im Gefängnis ist. Wir wissen, dass Johannes der Täufer im Kerker des Königs Herodes getötet wurde (Mk 6, 24–29; Mt 14, 8–12). Dieser Herodes oder Herodes Antipas, ein Sohn Herodes des Großen, wurde 4 v. Chr. von Kaiser Augustus mit dem Titel eines Tetrarchen als Herrscher von Galiläa und Peräa, einer Landschaft östlich des Jordan, eingesetzt. Das westlich des Jordan gelegene, von Judäa mit den Städten Jerusalem und Betlehem durch Samaria räumlich getrennte Galiläa erfreute sich wie Peräa einer gewissen Selbstständigkeit in dem 63 v. Chr. von Pompejus eroberten und seitdem dem römischen Reich angehörenden Palästina, während Judäa in der Zeit Jesu unter direkter römischer Verwaltung stand, der Provinz Syrien eingegliedert war und ei-nem römischen Prokurator – 26–36 n. Chr. Pontius Pilatus – unterstand. Vielleicht fürchtet Jesus ein ähnliches Schicksal wie das des Täufers für sich. „Er verließ Nazaret“ – den Ort, an dem der Erzengel Gabriel seiner Mutter Maria seine Geburt angekündigt hatte (Lk 1, 26–38), der Ort, von dem aus sich Maria und Joseph nach Betlehem aufgemacht hatten (Lk 2, 4), der Ort auch, an dem Jesus nach der Rückkehr von der Flucht nach Ägypten aufgewachsen war (Mt 2, 23) –, „um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt“. Gemeint ist der See Genezareth mit Kafarnaum am nordwestlichen Ufer. Seine Zeit – die Zeit, dass er sterben soll am Kreuz – ist ja noch nicht gekommen (Joh 7,6; 8,20). Zwar liegt Nazaret auch in Galiläa, aber nicht am See und in einer anderen Gegend. Jesus geht in das alte Sied-lungsgebiet der israelitischen Stämme Sebulon und Naftali. Der Stamm Naftali, die Nachkommen Jakobs und Bilhas, der Magd Rahels (Gen 30,7f.), siedelte nahe dem See Genezareth um Kafarnaum, der Stamm Sebulon, die Nachfahren Jakobs und der Lea (Gen 30,19f.), weiter südlich auf der Westseite des Sees. Wenn Matthäus vom „heidnischen Galiläa“ spricht, bedeutet das nicht, dass in Galiläa nur Heiden lebten. Tatsächlich lebten dort Juden – wenn auch nicht nur. Gemeint ist das „größere Galiläa“, das bei Jesaja – der ersten Lesung –, den Matthäus zitiert, als „das Land jenseits des Jordan, das Gebiet der Heiden“ angesprochen wird. Jesus kam auch in das Land jenseits des Jordan (Mt 8,18.28). Doch decken sich die geographischen Angaben bei Jesaja und bei Matthäus nicht; wenn der Prophet von der „Straße am Meer“ spricht, geht es um das Mittelmeer, wenn Matthäus ihn damit zitiert, um den See Genezareth. Das „größere Galiläa“ wird zur Wirkungsstätte Jesu. Nach den ersten Jüngerberufungen lesen wir: „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich“ (Mt 4, 23).

Matthäus sieht darin die Erfüllung der Vorhersage des Propheten Jesaja über das „Volk, das im Dunkel lebt und ein helles Licht sieht“. Ihm hatte Jesaja, der von etwa 737 bis 701 v. Chr. in Jerusalem lebte, die Befreiung von der Fremdherrschaft – nicht der römischen der Jesuszeit, sondern der assyrischen des 8. Jahrhunderts v. Chr. – und Gottes Eingreifen in die Geschichte verkündet. Jesaja erinnert an den „Tag von Midian“, an dem Gott durch Gideon Israel vor den Midianitern rettete, einem Nomadenvolk aus der Wüste jenseits des Jordans. Das war lange vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, wobei eine genaue Datierung nicht möglich ist. Der „Tag Midians“ steht für den siegreichen Kampf Gottes gegen die gottfeindlichen Völker in der kommenden Heilszeit (auch Jes 10, 26; Ps 83, 10f.).

Am Anfang der Verkündigung Jesu ist die Rede vom „Reich“, vom „Reich Gottes“. „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Matthäus überliefert damit hier für Jesus genau dasselbe Wort, das er auch für Johannes den Täufer anführt. Auch der Täufer ruft dem Volk zu: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3, 2). In anderen Bibelübersetzungen steht an beiden Stellen: „Tut Buße; das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“. Beides ist richtig! Buße ist nicht Strafe für irgendetwas. Buße in unserem Verhältnis zu Gott heißt Umkehr. Strafe kommt, wenn die Buße ausbleibt; Buße – Umkehr – führt zur Versöhnung oder zur Vergebung. Das Bußsakrament ist kein Sakrament der Bestrafung, sondern ein Sakrament der Vergebung, die es dann gibt, wenn wir in Reue unsere Sünden bekennen. Wenn wir umkehren von einem Weg in die falsche Richtung auf den Weg in die richtige Richtung. Umkehren von einem Weg, den geht, wer nicht nach Gott fragt, und der in die Gottesferne führt, auf den Weg, der zu Gott führt.

Da gab es unlängst in der Universität eine Seminarsitzung mit Theologiestuden-ten. Es ging um die Rechtfertigung des Sünders vor Gott bei Martin Luther und im Dekret über die Rechtfertigung des Konzils von Trient. Und es ging um die Todsünden. Die Studenten waren ganz eifrig bei der Sache. Zu den Todsünden, die in der Bibel nicht so genannt werden, aber in der Geschichte der Moraltheologie und nicht zuletzt in der Lehrschrift über das Bußsakrament des Konzils von Trient von 1551 eine bedeutende Rolle spielen, zählen nicht nur Mord und Totschlag. Es können auch ganz andere, scheinbar viel harmlosere Handlungen oder Unterlassungen, ganz andere Gedanken, Worte oder Werke sein. Sie heißen Todsünden, weil sie von der göttlichen Gnade ausschließen. Weil der Ausschluss von der Gnade Gottes – die Gottesferne – der Tod ist. Sie sind nach der Lehre der Kirche Todsünden dann, wenn sie mit vollem Bewusstsein, mit Zustimmung und Absicht begangen werden oder – wie Johannes Paul II. 1984 schrieb –, wenn „ein Mensch bewusst und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich sich selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen steht“. Aber Tod-sünden können vergeben werden. Dazu bedarf es der Reue – der Umkehr – oder der Buße – und nach der Lehre der Kirche der Freisprechung durch einen Priester. So hängt alles an der Umkehr, dem Richtungswechsel auf Gott hin. Wer diese Umkehr vollzieht und in Treue dabei bleibt, der hat ein erfülltes Leben, auch wenn er arm oder krank ist. Dieses erfüllte Leben ist ein Stück vom Reich Gottes, dessen Bürger er oder sie dann sein darf.

„Kehrt um“ – „Tut Buße“ –, „denn das Himmelreich ist nahe.“ Buße ist nichts, vor dem wir Angst haben müssen. Jesus droht uns nicht mit Buße – wie der Bußgeldkatalog oder das Strafgesetzbuch –; Jesus lädt uns ein zur Buße, er lädt uns ein zur Umkehr. Dasselbe meint Paulus im 2. Korintherbrief: „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5, 20). Aus dem 1. Korintherbrief stammt die Ermahnung des Paulus an die Christengemeinde in Korinth, die nicht nur eine Ermahnung des Apostels Paulus ist, sondern eine Ermahnung „im Namen Jesu Christi, unseres Herrn“. In der Gemeinde in Korinth in Griechenland, die Paulus im Eingang des Briefes griechisch als „ekklesia tou theou“, als Kirche Gottes, bezeichnet, gibt es Parteiungen. Dem stellt Paulus die Forderung „Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch“ entgegen. Er meint damit, „dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus“. Der darüber besorgte Paulus fragt: „Ist Christus zerteilt?“. Duldet keine Spaltungen unter euch, „damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird“. Man denkt an das Buch des Heidelberger Neutestamentlers Klaus Berger von 2006: „Glaubensspaltung ist Gottesverrat“. Auch hier gilt Jesu Wort: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“.

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