„Die Situation hat sich beruhigt“

Bischof Luigi Padovese, Vorsitzender der türkischen Bischofskonferenz, über die Lage der Christen in der Türkei

Sie sind vor ein paar Tagen mit dem Nuntius in der Türkei, Erzbischof Antonio Lucibello, am Geburtsort des heiligen Paulus in Tarsus gewesen. Worum ging es bei der Reise?

Der Nuntius ist mit Priestern aus seiner italienischen Heimatdiözese zusammen mit deren Bischof dorthin gereist. Dabei hat der Nuntius auch die Tatsache angesprochen, dass wir seitens der türkischen Regierung noch keine Antwort über die Zukunft der Kirche in Tarsus erhalten haben, ob wir dort nun einen Ort des Gebetes für alle Christen bekommen werden.

Kardinal Meisner hat ja kürzlich noch einmal darauf gedrängt, eine klare Antwort auf seine Bitte zu erhalten, in Tarsus eine Kirche erbauen oder wieder eröffnen zu dürfen. In Deutschland hat sogar eine muslimische Vereinigung diese Bitte unterstützt. Kommt da jetzt Bewegung in die Sache?

Es steht noch eine Antwort auf den Brief Kardinal Meisners aus, den er vor zwei Wochen geschrieben hat. Wir sind aber zuversichtlich, denn das Anliegen unterstützen ja nicht nur die türkischen Bischöfe und die katholische Kirche in Deutschland, sondern auch die deutsche Bundesregierung. Grundsätzlich wird von türkischer Seite auch akzeptiert, dass wir in Tarsus eine Kirche für die Verehrung des heiligen Paulus haben möchten. Ich hatte auch den Eindruck gewonnen, dass die lokalen Behörden einverstanden sind.

Und warum ist dann noch nichts geschehen, wenn die Situation sich so darstellt? Das Paulusjahr hat schon im Juni begonnen.

Ich habe mir vor einiger Zeit auch schon die Frage gestellt, ob die Regierung vielleicht nicht in der Lage ist, solch eine Entscheidung zu treffen, weil sie die Nationalisten nicht provozieren will. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass sehr bald Bewegung in die Sache kommen wird. Auch der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten in der Türkei, Ali Bardakoglu, hat ausdrücklich versprochen, sich für das Anliegen zu engagieren.

Wie sieht es denn mit der Einrichtung eines Pilgerzentrums in Tarsus aus?

Im Juni hatte Kardinal Meisner einen Brief vom türkischen Kultur- und Tourismusminister bekommen, in dem von der möglichen Bereitschaft die Rede ist, ein Baumwollfabrikgelände neben der bisherigen Kirche, die jetzt ein Museum ist, zur Verfügung zu stellen. Es gäbe dort Platz für eine Kirche und ein Pilgerzentrum. In dem Brief stand zu dem Thema aber nichts Näheres.

Wie sieht es allgemein mit der Situation der Christen in der Türkei seit dem Papstbesuch vor zwei Jahren aus, wenn man von einzelnen grausamen Übergriffen absieht. Gibt es bei allen Problemen auch Zeichen der Hoffnung?

Die Situation hat sich beruhigt, ich fühle mich inzwischen sicherer. Zudem rückt die nationalistische Presse, die lange sehr rabiat war, die Christen nicht mehr in den Mittelpunkt. Vielleicht weil es andere Probleme gibt. Aber es bleibt natürlich für uns Katholiken das Problem, nicht als juristische Person anerkannt zu sein und so weder Grundstücke kaufen noch verkaufen zu können, sowie auch kein Priesterseminar einrichten zu dürfen.

Und wie sieht die Situation der anderen Konfessionen aus? Schon lange ist in den syrisch-orthodoxen Klöstern im Tur Abdin der Unterricht des Aramäischen, der Sprache Jesu, verboten.

Das ist das Problem aller Minderheiten, nicht nur der christlichen. So werden etwa die Aleviten zur Teilnahme am sunnitischen Islamunterricht gezwungen.

Derzeit läuft ein Prozess gegen hochrangige Militärs und Politiker in der Türkei wegen ihrer Verstrickungen in Ergenekon, einer Gruppe, der auch die Hintermänner der Morde an Andrea Santori sowie der drei Christen in Malatya zugerechnet werden. Kommt da jetzt Licht ins Dunkel?

Die Büchse der Pandora ist jetzt geöffnet. Die jetzige Regierung hat ein Interesse daran, dass diese Dinge nun ans Tageslicht kommen. Wir werden aber im kommenden März bei den Kommunalwahlen sehen, welche Richtung die Türkei nimmt.

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