Die Schönheit als Anfang der Erkenntnis

Zum Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria am 8. Dezember

Im Heiligen Jahr 1975 besuchte Paul VI. die Teilnehmer des 7. internationalen mariologisch-marianischen Kongresses in Rom in der Aula magna des Antonianums. Bei dieser Gelegenheit – es war der 16. Mai – hielt er eine Ansprache, die zu den bedeutenden theologischen Texten seines Pontifikats zählt. Der Papst ging auf die Themen des Kongresses ein, nämlich die Marienverehrung vom 12. bis zum 15. Jahrhundert im mariologischen und die theologische Reflexion über Maria und den Heiligen Geist im marianischen Teil. Am Ende dieser Ansprache kam er zu der Frage, wie man heute dem christlichen Volk die Marienverehrung nahebringen könne.

Im Traditionsstrom marianischer Hohelieddeutung

In der Antwort unterscheidet er dann zwei Wege: den „Weg der Wahrheit“, das heißt die biblischen, historischen und theologischen Forschungen über die Stellung Mariens im Geheimnis Christi und der Kirche, und den „Weg der Schönheit“. Während der „Weg der Wahrheit“ der Weg der Gelehrten und Gebildeten ist, steht der „Weg der Schönheit“ allen Menschen offen, auch den einfachen Gläubigen. Und an dieser Stelle nennt der Papst dann die Gottesmutter mit dem Hohelied 4, 7: „tota pulchra“ – die ganz Schöne. Dieser Hinweis des Papstes hatte – zeitverzögert – erhebliche Wirkung: der Weg der Schönheit und seine Bedeutung für die Mariologie wird mit großer Intensität diskutiert. Mit der marianischen Interpretation von Hl 4, 7 stellt sich Paul VI. in den Traditionsstrom marianischer Hohelieddeutung.

Die Schönheit Mariens wurde vor allem in der mariologischen Deutung des Hohenliedes besungen. Spätestens seit Rupert von Deutz OSB (gest. 1129), der bis heute „als genialer Bahnbrecher der marianischen Interpretation auf dem Festland“ (H. Riedlinger) gilt, wurde das Hohelied zunehmend häufiger auch auf die Gottesmutter bezogen, denn eine Exegese, die im Hohenlied ein schlichtes zeitgeschichtliches Dokument über die Hochzeitsbräuche und Liebeslieder des hebräischen Volkes sieht, bleibt in unglaublichen Platitüden stecken. Das Hohelied, das Liebeslied schlechthin, ist also, wie der französische Theologe Henri de Lubac einmal formulierte, in ganz besonderer Weise das Lied von Maria. Die marianische Deutung des Hohenliedes ist stark von der Liturgie abhängig, wie es sich ganz besonders auch in der Entwicklung des Festes der Unbefleckten Empfängnis zeigt. Im Offizium dieses Festes findet Hl 4, 7 in der ersten und zweiten Vesper und ebenso in den Laudes Verwendung.

Als aus dem „Breviarum Romanum“ die „Liturgia Horarum“ wurde, blieb dieser Vers als erste Antiphon zur zweiten Vesper erhalten. In den 1987 erschienenen gesammelten Messformularen zu Marienfesten findet sich dann auch der ausdrückliche Hinweis: „Der Weg der Schönheit ist auch der Weg der christlichen Vollkommenheit“. Ein besonderer Meilenstein auf dem theologischen „Weg der Schönheit“ ist mit der Bulle „Ineffabilis Deus“ erreicht, mit der der selige Pius IX. am 8. Dezember 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündete. Der Begriff „pulcritudo“ (!) durchzieht das ganze Dokument, Maria ist „ganz schön und vollkommen“, von ihr gilt „pulcra natura, ac labis prorsus omnis nescia“, und: „omni exercitu Angelorum natura pulcrior, formosior et sanctior“. In der Liturgie wird sie als „una incorrupta pulcritudinis columba“ angerufen, die „ganz Schöne und Makellose“ zertritt das Haupt der Schlange.

Die Schönheit Mariens ist von dogmatischer Relevanz. Schriftauslegung, Liturgie, mystische Versenkung und theologische Reflexion stellen die Schönheit Mariens gerade mit dem Hohelied eindrucksvoll heraus. Diese marianische Symphonie über die Schönheit findet natürlich einen großartigen Widerhall in der Kunst, die so wiederum zu einem „Ort der Theologie“ werden kann.

Das zeigte sich in prägnanter Deutlichkeit bei der offiziellen Ausstellung zum 150-jährigen Jubiläum der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis 2005 im Vatikan. Schon im Vorwort des Ausstellungskataloges benutzt der damalige Kardinalstaatssekretär den Ausdruck „Tutta bella“! In seinem theologisch dichten, literarisch geprägten Vorwort würdigt Erzbischof Mauro Piacenza den geistlichen Ertrag der Ausstellung: Die Betrachtung der „ganz Schönen“ hilft, das Mysterium zu durchdringen, und die Kenntnis vom Mysterium trägt zur Bekehrung des Betrachters bei. Die wissenschaftliche Einführung von Carlo Chenis SDB bringt es schon in ihrer Überschrift auf den Punkt: „Ganz schön“ weil „ganz rein. Ästhetische Paradigmen – die Spiritualität der Immakulata.“

Die Kirche weist uns auf diesen „Weg der Schönheit“ sanft, aber deutlich hin: Glauben heißt auch verwundet sein vom „Pfeil des Schönen“. Die Ästhetik unseres Glaubens ist vom Kreuz bestimmt! Es geht um „die Erschütterung durch die Begegnung des Herzens mit der Schönheit als wahre Weise des Erkennens“. Damit ist eine konkrete Aufgabe für die Seelsorge gestellt, denn: „Dies ist freilich nicht nur und wohl nicht einmal vor allem ein Problem der Theologie, sondern auch der Pastoral, die den Menschen wieder die Begegnung mit der Schönheit des Glaubens vermitteln muss“ (J. Ratzinger). Den Menschen die „Begegnung mit der Schönheit“ des Glaubens zu vermitteln, ist eine ganz besondere Herausforderung für die Seelsorge an einer marianischen Wallfahrtskirche. Die gesunde Volksfrömmigkeit ist gekennzeichnet durch „die intensive Gemütsbewegung angesichts des Bildes Mariens“, beschrieb St. de Fiores dieses Phänomen.

Die Volksfrömmigkeit hat eine exemplarische Bedeutung für den Weg der Schönheit. Die intensive Reflexion der Schönheit führt dann auch zu einer Aufwertung der Volksfrömmigkeit, wie sie sich im „Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie“ zeigt. Das Erlebnis der „ganz Schönen“ wird gerade in Marienwallfahrtsorten noch durch das „emotional design“ verstärkt, das sich in Blumenschmuck, Musik und der eindrücklichen Pflege der Sakramentalien niederschlägt.

Die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis ist immer in ganz besonderer Weise von religiösen Gemeinschaften getragen worden. Zu diesen Gemeinschaften gehört auch die Gründung des heiligen Charles-Joseph-Eugene de Mazenod (1782–1861): die Kongregation der „Oblaten der Makellosen Jungfrau“ (Congregatio Missionariorum Oblatorum B.M.V. Immaculatae). Diese zutiefst marianisch geprägte Gemeinschaft gehört zur großen pastoralen Antwort der Kirche auf die französische Revolution mit ihren verheerenden Folgen. Der heilige Charles-Joseph-Eugene Mazenod war bei deutlicher Prägung durch die französische Kultur ein entschiedener Gegner aller nationalkirchlichen Bestrebungen, scharf lehnte er eine eher düstere fundamentalistische Frömmigkeit jansenistischer Prägung ab und orientierte sich ganz am päpstlichen Lehramt, deshalb galt er zu recht als der „römischste“ Franzose. In der Trostlosigkeit der Verfolgung durch die Französische Revolution und ihrer verheerenden pastoralen Folgen setzte der junge französische Adelige sein Leben auf den Glauben. Eine präzise Zeitanalyse und eine ganz persönliche tiefe religiöse Karfreitagserfahrung lassen ihn in unerschütterlichem Vertrauen auf die makellose Jungfrau, „die ganz Schöne“, zur tatkräftigen Bewältigung der pastoralen Herausforderungen seiner Zeit schreiten. Diese Bewältigung der pastoralen Herausforderung setzte solide, umfassende theologische Bildung voraus. So gehen die ersten Anfänge der von den Oblaten geleiteten katholischen Universität von Ottawa schon auf das Jahr 1848 zurück.

Unter den Theologen der Oblaten hat vor allem ihr Generalprokurator P. Joseph-Pierre Lémius (1894–1923), in ganz besonderer Weise Theologiegeschichte geschrieben. Aus seiner Feder stammt der größte Teil der Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“ des heiligen Papstes Pius X. (1860–1923). Lémius stellte seine ganze Begabung und Schaffenskraft selbstlos in den Dienst der römischen Kurie. Er war Consultor, beziehungsweise Qualificator von sieben Kongregationen und trat in Diskretion und Aszese ganz hinter seinem Werk und Wirken zurück. Sein leiblicher Bruder und Mitbruder bei den Oblaten, Jean-Baptiste Lémius OMI (1851–1938) verfasste einen Katechismus über den Modernismus, der als quasi offiziell galt und ein Welterfolg werden sollte.

Ebenfalls ganz hinter seinem Werk zurück tritt P. Emmanuel Doronzo OMI (1903–1976). Mit ihm stellt die Kongregation wohl einen der bedeutendsten Vertreter der „teologia manualistica“ (Lehrbuch-Theologie) des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine fünfzehnbändige Sakramententheologie ist die umfassendste Sakramententheologie des zwanzigsten Jahrhunderts.

Als Student der Gregoriana, der an dieser Jesuitenuniversität sein Studium mit der Promotion in Philosophie abschloss und als Doktor der Theologie des von den Dominikanern geleiteten Athenäums St. Thomas, wie auch als gebürtiger Italiener, der als Mitglied einer durchaus französisch geprägten Kongregation an der Catholic University of America (1947–1968) lehrte, war Doronzo nicht nur durch seine Übersetzungen, sondern auch als Consultor der theologischen Kommission in die Vorbereitung des Zweiten Vatikanums eingebunden, Vermittler zwischen verschiedenen theologischen Denkstilen, Mentalitäten und Spiritualitäten. Seine zweibändige Dogmatik bietet im Traktat „De Deo uno“ eine eigene Abhandlung über die Schönheit Gottes. In einer eher philosophisch grundierten Argumentation bezeichnet er mit Pseudo Dionysius Areopagita Gott als die Quelle aller Schönheit.

Die für das Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts typische Gründung war seit 1895 mit einer eigenen Provinz auch in Deutschland präsent und wurde hier nach ihrem Sitz die „Hünfelder Oblaten“ genannt. Die Patres der deutschen Provinz waren ein Segen für Deutschland. Die von ihnen durchgeführten Volksmissionen haben das katholische Deutschland mitgeprägt, sie waren eine „mächtige Stimme“, die Biographie ihres wohl bedeutendsten Mitglieds, P. Max Kassiepe (1867–1948), trägt dann auch diesen Titel. Als Generalassistent (1920–1926) und Provinzial der deutschen Ordensprovinz (1926–1932) prägte er das Profil der Oblaten in Deutschland entscheidend mit, „gleichbedeutend als Prediger, Schriftsteller und Organisator der außerordentlichen Seelsorge, volkstümlich, stimmgewaltig und von unermüdlicher Arbeitskraft.“ Mit seinem Büchlein „Irrwege und Umwege im Frömmigkeitsleben der Gegenwart“ hat er Defizite der liturgischen Bewegung, so wie er sie sah, schonungslos benannt und damit heftige Kontroversen ausgelöst.

Die Menschen sollen sich in der Kirche zuhause fühlen können

Im Rückblick über gut vierzig Jahre Liturgiereform im deutschen Sprachraum wird man diesem kleinen Buch einen gewissen prophetischen Weitblick wohl nicht ganz absprechen können; eines seiner großen Anliegen war die Volksfrömmigkeit: „Unsere Nur-Liturgiker ahnen nicht, wie viel echte Volksfrömmigkeit sie durch Zurücksetzung der Kreuzwegandacht und anderer volkstümlicher Andachten schon zerschlagen haben“! Im gleichen Kontext zitiert er zustimmend Kardinal Faulhaber: „Liturgische Einfachheit verlangt nicht, ... allen künstlerischen Schmuck, Blumen und Bilder und Statuen auszuräumen und unsere Kirchen wie einen puritanischen Gebetsraum hinzustellen, schmucklos wie eine Scheune, kalt wie der Stall von Bethlehem, ungemütlich wie ein Obdachlosenasyl. Die Menschen, die zur Kirche kommen, sollen sich hier zu Hause fühlen als ,Hausgenossen Gottes‘ (Eph 2, 19). Sollen schon an der Ausstattung der Kirche erleben: ,Gott ist reich für alle, die ihn anrufen‘ (Röm 10, 12)“.

Der Predigt- und Seelsorgestil von P. Kassiepe OMI war von den konkreten Bedürfnissen, Problemen und Erwartungen seiner Zuhörer geprägt, ohne dabei anbiedernd zu sein. Sein Biograf P. Joest charakterisiert ihn als unermüdlichen Arbeiter: „Sein theologisches Wissen war gediegen, wenn er auch am Anfang mehr positiv gewesen sein mag als tiefschürfend. Er hat dieses Wissen unermüdlich angereichert durch eifriges Studium aller Neuerscheinungen auf diesem Gebiet und durch fleißige Lektüre der Fachzeitschriften. Wenn er in Einzelfragen auch nicht das abgründige Wissen eines Spezialisten hatte, so besaß er an Gesamtwissen unzweifelhaft mehr als die meisten Fachgelehrten, auf deren Erkenntnisse in Einzelfragen er sich willig und demütig stützte. Neben dem theologischen Wissen besaß P. Max Kassiepe OMI vor allem einen großen Reichtum an Lebenserfahrung und einen untrüglichen Sinn für die Forderungen und Bedürfnisse des praktischen täglichen Lebens. Er verstand es, Leben und Wissen so zusammenzubringen, dass, was er sagte, auch für den Hausgebrauch der ganz einfachen Leute geeignet war. Die Predigtweise Kassiepes war im Grunde genommen die der Propheten, wie man ja die Volksmissionare ihrer Zeit nennen kann. Wie sie trat auch er vor die Leute hin als ein Mann, der sich bewusst war, von Gott eine Sendung erhalten zu haben. Darum blieb das Hauptanliegen aller seiner Predigten die Verkündigung der ewigen Wahrheiten. Wie mit einer lodernden Fackel leuchtete er mit dem Licht dieser Wahrheiten hinein in alle Bezirke des Lebens, gleichviel, ob es allen seinen Hörern gefallen wollte oder nicht. Er ließ nichts im Dunkeln.“

Als echter „Volksmissionar“ setzte er auf die alles Dunkel überstrahlende Schönheit Mariens. Deren missionarische Kraft hat die heilige Bernadette einmal anschaulich beschrieben: „Wenn man sie gesehen hat, kann man nicht mehr an der Erde hängen“.

Themen & Autoren

Kirche