WOLFGANG THÖNISSEN.

„Die Reformation hat ihr Ziel nicht erreicht“

Ein Gespräch mit dem leitenden Direktor des Paderborner Johann-Adam-Möhler-Instituts, Wolfgang Thönissen. Von Anja Kordik
Foto: Kordik | Wolfgang Thönissen.
Foto: Kordik | Wolfgang Thönissen.

Wolfgang Thönissen ist Professor für Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät in Paderborn und leitender Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik. Im Gespräch mit dieser Zeitung äußert er sich zu aktuellen Entwicklungen im ökumenischen Dialog.

Welche Akzentverschiebungen in der Ökumene beobachten Sie in neuerer Zeit?

Ich glaube, sagen zu können, dass sich der Dialog mit den westlichen aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften, allen voran mit dem Lutherischen Weltbund und der anglikanischen Kirche in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt hat. Die Gespräche begannen bereits unmittelbar nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, und sie ziehen sich in einer großen Konstanz durch bis in unsere Tage hinein, teilweise sogar mit hervorragenden Ergebnissen, denken wir an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999, an viele einzelne Studien und Texte auch zum Martin-Luther-Jubiläum 1983. Wenn wir demgegenüber den Dialog mit den Orthodoxen bilanzieren, lässt sich feststellen, dass, ausgehend von einem großen Anfang durch Papst Paul VI. und seinem berühmten Treffen mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem, dieser Dialog bis heute keine wirklich greifbaren Ergebnisse hervorgebracht hat. Mein Eindruck ist, dass der katholisch-orthodoxe Dialog noch immer über ganz andere Fragen stolpert als über strittige theologische Fragen. Es sind ganz unterschiedliche Kulturen, die da im Mittelpunkt stehen. Und da zeigt sich wieder: Die Kirchen des Westens sind sich aufgrund einer gemeinsamen kulturellen Tradition doch näher. Hier meine ich die theologische Kultur, auch und gerade die Kultur des Umgangs mit der Heiligen Schrift, die historisch-kritische Methode, die in der katholischen Kirche 1943 mit der Enzyklika „Divino afflante spiritu“ Papst Pius' XII., einer der drei Bibel-Enzykliken, aufgegriffen wurde, die Hermeneutik, die wir entwickelt haben – all das sind gemeinsame Früchte eines langjährigen theologischen und ökumenischen Dialogs. Trotz der noch immer vorliegenden Trennungen in den Fragen der Eucharistie und des Amtes bin ich daher überzeugt, dass es in den Kirchen des Westens eine gemeinsame Theologie des Wortes Gottes gibt. Und diese reicht bereits in die Zeit vor Luther und vor Calvin hinein, zurück bis in die Zeit der Patristik, und hat gerade im 20. Jahrhundert zu einer theologischen Blüte geführt, die bis heute wirkt.

Ein unverändert aktuelles Thema ist der Umgang mit übertrittswilligen Anglikanern und die Einrichtung von Personalordinariaten. Was bedeutet dies für den ökumenischen Dialog?

Was mit der Einrichtung der Personalordinariate auf der Grundlage der Apostolischen Konstitution „Anglicanorum coetibus“ vom November 2009 geschaffen wurde, ist zunächst einmal eine Antwort der katholischen Kirche auf die persönliche Entscheidung derer, die aus der anglikanischen in die römisch-katholische Kirche eintreten wollen. Solche Entscheidungen Einzelner respektieren wir. Wir haben aber im ökumenischen Dialog, in vielen Gesprächen immer wieder deutlich gemacht, dass dieser persönliche Weg der Konversion nicht der ökumenische Weg schlechthin ist. Auch das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „Unitatis redintegratio“ von 1964 betonte, dass die Konversion als persönliche Entscheidung eines Einzelnen zwar zu respektieren ist. Davon zu unterscheiden sind aber die Gespräche und der Dialog, den die katholische Kirche mit den getrennten Kirchen führt – beide Dinge haben zunächst einmal gar nichts miteinander zu tun. Ich denke, dass ich richtig liege, wenn ich sage, auch im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen ist die Haltung die, dass Konversion als solche kein Königsweg der Ökumene ist.

Ist das Modell der Personalordinariate also eine Antwort auf die spezifische Situation der anglikanischen Kirche selbst?

Genau, es war die Sorge der katholischen Kirche, dass sie auf Anfragen, die von anglikanischen Christen kommen, angemessen reagieren kann. Teile von konservativen Anglikanern sind eben mit bestimmten Entwicklungen in ihrer Kirche, etwa der Frauenordination, nicht einverstanden. Die Einrichtung der Personalordinariate ist Ausdruck der Sorge auf katholischer Seite: Wie gehen wir mit den Menschen, die kommen wollen, respektvoll um? Ich denke, es ist auch Ausdruck einer ökumenischen Haltung und ein Entgegenkommen, dass von katholischer Seite deutlich gemacht worden ist: Soweit es innerhalb der katholischen Theologie und kirchlichen Tradition möglich ist, können Anglikaner die ihnen wichtigen und von ihnen mitgebrachten liturgischen Traditionen der anglikanischen Kirche weiterhin pflegen.

Haben die jüngsten Entwicklungen Einfluss auf die weiteren ökumenischen Gespräche zwischen Katholiken und Anglikanern?

Der ökumenische Dialog mit den Anglikanern wird fortgesetzt, unbeschadet der Tatsache, dass es gegensätzliche Bewegungen in der anglikanischen Kirche gibt und Teile von konservativen Anglikanern sich der römischen Kirche anschließen wollen – wie viele es bisher de facto sind, kann ich nicht sagen. Diese Bewegungen sind Ausdruck innerer Spannungen in der anglikanischen Kirche selbst. Der Erzbischof von Canterbury und Primas der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, hat aber bei einem Treffen mit Papst Benedikt XVI. vor Weihnachten noch einmal ganz deutlich gemacht: Die anglikanische Kirche steht – dessen ungeachtet – zu ihrer ökumenischen Verpflichtung – dasselbe gilt umgekehrt selbstverständlich auch für die katholische Kirche. Und das schließt ein, dass wir auf Augenhöhe miteinander um die gemeinsamen Grundlagen und den gemeinsamen Auftrag als Christen ringen.

Können die beiden Jubiläen – 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil in diesem Jahr und das Reformationsgedenken 2017 – Anlass sein, dem ökumenischen Dialog nochmals neue Impulse zu verleihen?

Wir stehen zwischen Reformation einerseits und Reform andererseits. Ich würde mit dem evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg sehr klar sagen: Die Reformation hat ihr Ziel nicht erreicht, eine grundlegende Reform der Kirche zu bewirken! Sie hat zur Spaltung geführt. Das ist die Tragik der Reformation. Vielleicht gelingt es uns ja, im Hinblick auf das Datum 2017 und in Rückbindung an das Zweite Vatikanische Konzil diese Spannung zwischen Reformation und Reform zu einem erträglichen ökumenischen Verhältnis untereinander zu gestalten: einerseits das Anerkenntnis, dass die Reformation nicht zum Ziel gekommen ist, es aber andererseits notwendig ist, dass sich die Kirche immer wieder erneuert. „Ecclesia semper reformanda“ ist ja kein Wort der Reformation und keine Erfindung Martin Luthers, sondern es ist ein Wort der gesamten Tradition der Kirche. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern. Sie muss sich immer unter dem Wort Gottes erneuern. Und wenn sie das nicht täte, würde sie aus der Geschichte verschwinden.

„Die Reformation hat ihr Ziel nicht erreicht“
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